In ihrem Selbstverständnis sind die Schweizer Demokraten, seitdem sie sich ihre Freiheit 1291 gegen habsburgische Monarchen erkämpft haben. Dass dieses Narrativ historisch in vielerlei Hinsicht falsch ist, ändert nichts an seiner Wirksamkeit. Zugleich lässt sich nicht bestreiten, dass die Landsgemeindeorte der Alten Eidgenossenschaft die einzigen staatlichen Gebilde waren, die in der Vormoderne ernst- und dauerhaft als Demokratien theoretisch analysiert wurden. Dass ihre korporative Freiheitsvorstellungen ab 1789 konfliktreich mit der individuellen Freiheit der modernen Demokratien zusammenstießen, verhinderte nicht, dass solche Traditionen im 19. Jahrhundert die parlamentarische Demokratie und vor allem ihre direktdemokratischen Elemente legitimierten. Die demokratische Verteilung von Entscheidungskompetenzen auf den verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen hat sich auch in den Krisen des 20. Jahrhunderts als erstaunlich resilient erwiesen. Inwiefern gilt das weiter für die Gegenwart?
Prof. Thomas Maissen wurde nach Studien in Basel, Rom, Neapel und Paris 1994 promoviert und 2002 in Zürich habilitiert. Nach einer SNF-Förderprofessur in Luzern wurde er 2004 ordentlicher Professor für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg und 2006 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Maissen gründete und leitete die Heidelberger Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften und wirkte 2008 bis 2013 in den Leitungsgremien des Heidelberger Exzellenzclusters „Asia and Europe“. Er war Fellow der EHESS Paris (2009), am IAS Princeton (2010), am Basler Forschungskolleg „Legitimität und Religion“ (2009-2011), am Marsilius-Kolleg Heidelberg (2012/13, 2024/25), am Istituto Svizzero Roma (2024) und Opus Magnum-Geförderter der VW-Stiftung (2024). Von 2013 bis 2023 war Maissen in Heidelberg beurlaubt, um als Direktor das Deutsche Historische Institut in Paris zu leiten. Seit 2023 ist er Sprecher des von der Daimler und Benz Stiftung finanzierten internationalen Ladenburger Kollegs „Der Aggressor: Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Akteurs zwischen den Nationen“ (Laufzeit bis 2027).
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