Eine gesittete Rebellion? Die 1968er-Bewegung in der Deutschschweiz im Spannungsfeld von Bürgerlichkeit und Gegenkultur. Eine Analyse von Sprache und Subjektivität

Cognome dell'autore
Alexandra Felizitas
Welp
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Joachim
Eibach
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Die transnationale Bewegung um 1968 gilt bis heute als Inbegriff einer lauten, normverletzenden und antibürgerlichen Protestkultur. Diese Masterarbeit hinterfragt dieses etablierte Narrativ aus historisch-soziolinguistischer Perspektive und untersucht die sprachlichen und semiotischen Praktiken der deutschschweizerischen 1968er-Bewegung im Spannungsfeld von Bürgerlichkeit und Gegenkultur. Im Zentrum steht die Frage, wie sich bürgerlich-hegemoniale und gegenkulturelle Sprachkulturen in öffentlichen, bilateralen und internen Kommunikationsformen von Berner und Zürcher 1968er-Gruppierungen von 1965 bis 1975 manifestierten und welche Rückschlüsse sich daraus auf Subjektkulturen im Sinne von Andreas Reckwitz ziehen lassen. Theoretisch stützt sich die Arbeit auf die kultursoziologischen Subjekttheorie von Andreas Reckwitz, die es erlaubt, sprachliche Praktiken als Ausdruck kulturell situierter Subjektivierungsweisen zu verstehen. Methodisch basiert die Untersuchung auf der qualitativen Analyse eines heterogenen Quellenkorpus, bestehend aus Flugblättern, Wandzeitungen, Korrespondenzen mit Institutionen sowie internen Organisationsdokumenten verschiedener Berner und Zürcher 1968er-Gruppierungen. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei die Berner Studierendengruppe forum politicum und die Zürcher Szenegruppe Platte 27. Ein eigens entwickeltes linguistisch-semiotisches Analyseraster ermöglicht die systematische Beschreibung von Textsorten, Registern, Normbezügen, Kommunikationshaltungen sowie visuellen und materiellen Gestaltungselementen. Die Analyse zeigt, dass die deutschschweizerische 1968er-Bewegung weder durchgängig gegenkulturell noch rein bürgerlich war. Vielmehr reproduzierte sie in bestimmten Kommunikationskontexten bürgerliche Schriftlichkeit, organisierte Rationalität und Höflichkeitsnormen, während sie diese in anderen Kontexten subversiv unterwanderte oder ironisierte. Die Arbeit kommt zum Schluss, dass die deutschschweizerische 1968er-Bewegung als hochgradig hybrid zu verstehen ist. Ihre Sprachund Zeichenpraxis oszillierte zwischen Anpassung, Subversion und strategischer Übernahme hegemonialer Codes. Gerade in dieser Hybridität wird sichtbar, dass kultureller Wandel nicht primär durch radikale Brüche, sondern durch Umcodierungen bestehender kultureller Formen vollzogen wird. Die Arbeit plädiert daher dafür, Protestbewegungen nicht nur über ihre lauten, provokativen Ausdrucksweisen zu analysieren, sondern ebenso über ihre normangepassten, administrativen und organisatorischen Kommunikationspraktiken.

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