Provenienzforschung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter in der Schweiz . Begrifflichkeiten, Akteure, Situation in Schweizer Kunstinstitutionen und die Rolle der Geschichtswissenschaft in diesem Forschungsfeld

Cognome dell'autore
Medea
Vögeli
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Stefanie
Mahrer
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Die Arbeit befasst sich mit der Provenienzforschung im Kontext von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern. Im Fokus steht die Analyse der Provenienzforschungssituation in Schweizer Kunstinstitutionen sowie die Rolle der Geschichtswissenschaft innerhalb dieses Forschungsfeldes. Mit der Provenienzforschung wird die Herkunftsgeschichte eines Objektes rekonstruiert, darüber hinaus kann sie auch zur historischen Aufarbeitung von Unrechtskontexten genutzt werden.
 

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet eine historische Kontextualisierung der Schweiz während der Zeit des Nationalsozialismus und der späteren Auseinandersetzung mit ihrer Rolle während dieser Zeit. Dabei wurden sowohl die damalige Flüchtlingspolitik als auch die Funktion der Schweiz im internationalen Kunsthandel beleuchtet. Der Kunstmarkt profitierte während der NS-Zeit von günstigen Bedingungen wie fehlenden Import- und Exportbeschränkungen und internationaler Vernetzung, wodurch zahlreiche Kunstwerke, darunter auch solche mit problematischer Herkunft, in das Land gelangten. Erst mit der Einsetzung der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz–Zweiter Weltkrieg (UEK) im Jahr 1996, die massgeblich infolge internationalen Drucks gegründet wurde, begann eine öffentliche kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Schweiz während der NS-Zeit. In Bezug auf den Umgang mit Kulturgütern mit belasteter Herkunft unterzeichnete die Schweiz verschiedene internationale Abkommen, wie etwa die Washingtoner Prinzipien und die Erklärung von Terezín, deren Umsetzungen jedoch nur zögerlich erfolgten. Dies zeigt sich beispielsweise bei der in der Schweiz etablierten und international nicht gebräuchlichen begrifflichen Unterscheidung zwischen NS-Raubkunst und Fluchtgut, die auf die UEK zurückgeht.
 

Für die in dieser Arbeit durchgeführte Analyse der Provenienzforschung in Schweizer Kunstinstitutionen wurde eine qualitative Befragung mittels selbst entwickelter Fragebögen vorgenommen. Befragt wurden sowohl Personen innerhalb einer Kunstinstitution als auch solche ausserhalb, die aufgrund ihrer themenspezifischen Forschung oder ihrer direkten Einbindung in die Provenienzforschung ausgewählt wurden. Untersucht wurden unter anderem die Situation der Provenienzforschung in Schweizer Kunstinstitutionen zur Zeit der Befragung, die Rahmenbedingungen, in denen die Forschung stattfand, die beruflichen Hintergründe der Forschenden sowie Bedürfnisse und Wünsche in diesem Forschungsbereich. Die Ergebnisse zeigen, dass die Provenienzforschung in der Schweiz meist im Rahmen zeitlich begrenzter Projekte stattfindet und dabei häufig mit externen Mitteln, insbesondere vom Bundesamt für Kultur (BAK), finanziert werden. Nur wenige Institutionen verfügen über eine eigene Abteilung. Als zentrale Bedürfnisse wurden insbesondere die nachhaltige finanzielle Unterstützung, klare Richtlinien und eine stärkere Vernetzung genannt. Die Erhebung durch die Fragebögen ermöglichte eine differenzierte Momentaufnahme der Provenienzforschung in der Schweiz zum Zeitpunkt der Befragung.
 

Ein weiterer zentraler Schwerpunkt der Arbeit lag auf der Rolle der Geschichtswissenschaft innerhalb der Provenienzforschung. Zunächst wurden die grundsätzlichen Aufgaben der Disziplin sowie die Funktionen von Historiker:innen in der Aufarbeitung der NS-Zeit, etwa als Sachverständige in Gerichtsprozessen oder als Mitglied in Historikerkommissionen, beleuchtet. Zudem wurde im Rahmen der Befragung untersucht, welche Rolle Historiker:innen zum damaligen Zeitpunkt innerhalb der Provenienzforschung einnahmen und welche Aufgaben ihnen dabei zugeschrieben wurden. Besonders hervorgehoben wurden ihre Kompetenzen in der Quellenarbeit, darunter die Quellensuche, -kritik und -analyse sowie ihre Fähigkeit, diese im Rahmen des Kontextualisierens in grössere historische Zusammenhänge einzuordnen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Provenienzforschung grundsätzlich von einem interdisziplinären Ansatz profitieren könnte. Die Befragung zeigte jedoch, dass in den befragten Institutionen die Provenienzforschung überwiegend von Forschenden mit einem kunsthistorischen Hintergrund durchgeführt werden, oftmals ergänzt durch einen weiteren geisteswissenschaftlichen Abschluss. Trotz des Mehrwerts, den Historiker:innen in dieses Forschungsfeld einbringen könnten, blieb ihr Beitrag zur Zeit der Befragung begrenzt.
 

Abschliessend lässt sich festhalten, dass die Arbeit einen Überblick über zentrale Entwicklungen, relevante Akteur:innen, die institutionellen Rahmenbedingungen und aktuelle Herausforderungen der Provenienzforschung in der Schweiz mit Fokus auf NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter bietet. Darüber hinaus wird aus wissenschaftshistorischer Perspektive aufgezeigt, welche Rolle die Geschichtswissenschaft in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, insbesondere im Bereich der Provenienzforschung, einnimmt.

Accesso al lavoro

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