Die Vizekönige und der vizekönigliche Hof der spanischen Monarchie in Lissabon. Das nicht-fürstliche Vizekönigsmodell in Portugal unter Philipp III.: Politische Debatten, delegierte Amtsgewalt und Entscheidungspraktiken, 1598–1621

Cognome dell'autore
João
Ribeiro Marinho
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christian
Büschges
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Die Masterarbeit widmet sich der Untersuchung des nicht-fürstlichen Vizekönigsmodell in Portugal unter der Regierung Philipps III. (1598–1621) und setzte bewusst an einer zentralen Forschungslücke der portugiesischen Frühneuzeitforschung an. Die historiographische Auseinandersetzung mit der habsburgischen Periode ist bislang stark von (post-)nationalistischen Deutungsmustern geprägt, die die spanischen Vizekönige in Portugal als Träger einer rein symbolischen und protokollarischen Funktion interpretierten. Der Mangel an empirischen quellenbasierten Untersuchungen hat dazu geführt, dass diese Sichtweise weitgehend unhinterfragt blieb. Die Masterarbeit untersucht, inwiefern der Vizekönigshof in Lissabon unter Philipp III. die Ausübung delegierter Herrschaft in Portugal prägte. Im Zentrum steht die Analyse der politischen, administrativen Funktionen und die Patronagebefugnisse der spanischen Vizekönige in Portugal sowie ihrer Handlungsspielräume in der Regierungspraxis. Darüber hinaus fragt die Arbeit nach der politischen Rezeption der Einführung des nicht-fürstlichen Vizekönigtums im Jahr 1600 und nach der Rolle des Vizekönigs im Entscheidungsprozess portugiesischer Angelegenheiten.


 

Durch eine plurithemenorientierte Perspektive, die politischen Diskurs, normative Verwaltungsquellen und konkrete Entscheidungspraktiken miteinander verband, konnte gezeigt werden, dass das nicht-fürstliche Vizekönigtum unter Philipp III. keineswegs auf symbolische Funktionen reduziert war. Vielmehr stellte es einen zentralen operativen Amtsträger innerhalb der portugiesischen Monarchie dar. Die Einführung des nicht-fürstlichen Vizekönigs im Jahr 1600 stiess nicht nur auf Ablehnung, sondern auch auf Zustimmung, begründet mit Staatsräson, politischer Klugheit und guter Regierung. Der politische Diskurs verlagerte sich damit von einer primär repräsentativen zu einer funktional-rationalen Begründung. Der nicht-fürstliche Vizekönig stand weniger für dynastisches Prestige als für Nützlichkeit, Effizienz und moralisch-technische Regierungskompetenz. Der Konflikt um das Vizekönigtum erwies dabei strukturell, nicht personenbezogen: Im Kern ging es um die Kontrolle der Macht im Königreich, durch einen vom König delegierten Statthalter oder durch eine kollektive Führung lokaler Eliten. Die nicht-fürstlichen Vizekönigs markierte somit ein neues Paradigma delegierter Herrschaft, das mit der fortschreitenden Formalisierung und Rationalisierung der Regierungspraxis in der spanischen Monarchie korrespondierte.
 

Die Analyse der öffentlichen und geheimen Instruktionen zeigt, dass die unter Philipp III. delegierten Befugnisse der Vizekönige deutlich umfassender waren als bislang angenommen. Die zunehmende Systematisierung und Präskriptivität der Instruktionen verweist auf einen fortschreitende Formalisierungsprozess. Die Kompetenzen waren funktional differenziert: besonders weitreichen waren die Entscheidungsräume in Finanzund Kolonialangelegenheiten, währen die Justiz primär koordiniert und überwacht wurde. Die Zuständigkeit für die gesamte Überseemonarchie verlieh dem Vizekönig in Lissabon eine aussergewöhnliche Bedeutung. Auch im Bereich der Patronage wurde nachgewiesen, dass der Vizekönig über substanzielle Macht verfügte. Er ernannte Beamte direkt in mittlere und untere Ämter und fungierte zugleich als zentrale Vermittlungs- und Vorschlagsinstanz für königliche Ernennungsvorrechte. In diesem Sinne machten die Patronagebefugnisse den vizeköniglichen Hof in Lissabon zu einem wichtigen politischen Raum und Anziehungspunkt für die Erlangung verschiedener Ämter.
 

Die Untersuchung der Entscheidungspraktiken unter Philipp III. führte zu einer grundlegenden Neubewertung der Rolle der Konsultationen (consultas). Diese fungierten weniger als Instrumente zur Begrenzung königlicher Macht, sondern vielmehr als epistemische und legitimatorische Verfahren zur Informationssammlung, zur Vervielfältigung von Entscheidungsoptionen und zur Herstellung politischen Konsenses. Der König blieb souverän in seiner Entscheidungsfindung und nutzte den formalisierten Prozess strategisch. In diesem Kontext erwies sich der Vizekönig als zentraler Akteur: Er koordinierte Verfahren, vermittelte Konflikte, entwickelte eigenständige Lösungsvorschläge und handelte in bestimmten Situationen autonom. Damit trat er als echtes alter ego des Souveräns hervor.
 

Über die Einzelergebnisse hinaus zeigt die Arbeit die Notwendigkeit einer historiographischen Revision der habsburgischen Periode in Portugal. Künftige Forschung sollte die spanische Herrschaft stärker aus einer akteurs-, praxis- und globalgeschichtlichen Perspektive untersuchen und Portugal zugleich und besser im Kontext der spanischen Monarchie verorten. Der practical turn und die Analyse von Entscheidungspraktiken bieten hierfür ein besonders vielversprechender methodologischer Ansatz.

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