Fremdplatzierungen am Beispiel der Tessiner Vormundschaftspraxis in den 1960er- und 1970er-Jahren

Cognome dell'autore
Chiara
Merhi
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Dr.
Mirjam
Janett
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Die vorliegende Masterarbeit untersucht die behördliche Praxis der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen im Kanton Tessin zwischen 1960 und 1980. Ziel der Untersuchung ist es, auf Basis von dreiundzwanzig ausgewählten Falldossiers aus dem Tessiner Staatsarchiv zu rekonstruieren, welche sozialen Kategorien, Argumentationsmuster und institutionellen Routinen in diesem Zeitraum zur Legitimation von Fremdplatzierungen herangezogen wurden. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur regional differenzierten Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz und widmet sich erstmals systematisch der Vormundschafts- und Platzierungspraxis im italienischsprachigen Kanton Tessin.

 

Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, wie Behörden ihre Eingriffe in das Familienleben begründeten und welche strukturellen, rechtlichen und kulturellen Faktoren diese Praxis prägten. Die Untersuchung orientiert sich methodisch an einem mikrohistorischen Zugang, der die Behördenakten nicht als neutrale Dokumente, sondern als diskursive Konstruktionen analysiert. Die Fallanalysen wurden ergänzt durch eine kontextuelle Einordnung der institutionellen Rahmenbedingungen, einen föderalen Vergleich und eine Reflexion über den Stand der Professionalisierung im Bereich des Kindesschutzes im Tessin.
 

Die Analyse zeigt, dass Fremdplatzierungen im Tessin während des Untersuchungszeitraums vorrangig auf Grundlage von moralisch und sozial codierten Kategorien wie „Unehelichkeit“, „Verwahrlosung“, Armut oder Migration legitimiert wurden. In nahezu allen Fällen wurde die leibliche Mutter als Hauptakteurin negativ bewertet, während die Väter entweder nicht genannt oder als irrelevant betrachtet wurden. Auffällig ist die häufige Verwendung vager und wertender Begriffe wie „moralisch ungeeignet“ oder „unwürdig“, die auf einen weitreichenden behördlichen Ermessensspielraum hindeuten. Fachlich fundierte Gutachten, psychologische Einschätzungen oder sozialpädagogische Expertisen fehlten nahezu vollständig, obwohl der Kanton Tessin bereits seit den späten 1950er-Jahren über entsprechend Strukturen verfügte.
 

Im föderalen Vergleich zeigt sich, dass der Kanton Tessin in Bezug auf Verwissenschaftlichung und Professionalisierung der Vormundschaftspraxis deutlich hinter anderen Kantonen zurückblieb. Gründe hierfür lagen unter anderem in der geographischen Peripherie, der sprach lich-kulturellen Nähe zu Italien, einer konservativ geprägten katholischen Moralvorstellung sowie der starken Stellung kirchlicher Einrichtungen in der Sozialarbeit. Fremdplatzierungen wurden häufig nicht als Schutzmassnahme, sondern als Disziplinierungsinstrument gegenüber sogenannten normabweichenden Familienformen verstanden. Erst gegen Ende der 1970er-Jahre lassen sich erste Hinweise auf einen Paradigmenwechsel erkennen–unter anderem durch gesetzliche Reformen, sprachliche Entschärfungen und vereinzelte Fälle von Rückführungen in die Herkunftsfamilie.
 

Die Arbeit verdeutlicht, dass das Verständnis von Kindeswohl im Kanton Tessin in hohem Masse von normativen Vorstellungen über Familie, Mutterschaft und soziale Ordnung geprägt war. Sie trägt dazu bei, strukturellen Machtmissbrauch in der Fürsorgepraxis zu verdeutlichen und zeigt auf, wie staatliche Eingriffe in das Private historisch bedingt und institutionell verankert waren. Schliesslich identifiziert sie zentrale Forschungslücken, etwa die Notwendigkeit einer quantitativen Auswertung der Platzierungszahlen, die Berücksichtigung der Betroffenenperspektive oder eine systematische Analyse der Rolle des italienischen Migrationshintergrunds, und plädiert für eine verstärkte Auseinandersetzung mit regional differenzierten Formen staatlicher Fürsorgepolitik im 20. Jahrhundert.

Accesso al lavoro

Biblioteca

I lavori accademici sono depositati nella biblioteca dell'università competente. Cerca l'opera nel catalogo collettivo delle biblioteche svizzere