„Arme Kranke“ mit „zu verurteilendem Laster“? Die Suchtgeschichte der ersten Morphinabhängigen im Burghölzli

Cognome dell'autore
Benjamin
Gunzinger
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christof
Dejung
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals Morphin aus Opium isoliert worden war, setzte sich der Wirkstoff insbesondere mit der Verbreitung der Spritze ab Mitte des Jahrhunderts als wichtiges Schmerzmittel durch. Nach einer anfänglichen Euphorie geriet ab den 1870er-Jahren vermehrt das Phänomen des „Morphinismus“, also der Abhängigkeit von Morphin, in den Fokus. Auch in der Zürcher psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Burghölzli wurden ab den späten 1870er-Jahren „Morphinisten“ und „Morphinistinnen“ behandelt, deren Krankenakten bis ins Jahr 1904 das Quellenkorpus für diese Masterarbeit bilden. Auf Grundlage von 38 darin enthaltenen Krankengeschichten–und unter Berücksichtigung ihres institutionalisierten Entstehungskontexts–untersucht die Arbeit die Suchtgeschichte der Morphinistinnen und Morphinisten im späten 19. Jahrhundert. Sie stellt die Abhängigen und ihre Lebenssituation ins Zentrum und untersucht explizit auch den Teil ihrer Suchtgeschichte, der sich bereits ausserhalb der psychiatrischen Anstalt abspielte. Zusätzlich beleuchtet sie die Entzugspraxis im Burghölzli unter dem Psychiater Auguste Forel sowie, wie die Abhängigen ihren in der Regel zwei- bis dreimonatigen Entzugsaufenthalt meisterten. Ein kurzer Ausblick auf den Verlauf der Suchtgeschichte nach der Behandlung im Burghölzli schliesst die Arbeit ab.

 

Die grosse Mehrheit der untersuchten Abhängigen begann Morphin aus medizinischen Gründen zu nutzen, teilweise eigenmächtig, oft aber auch ärztlich verschrieben. Daneben lässt sich eine kleine Konsumgruppe feststellen, die das Opiat zur Steigerung der beruflichen Leistung oder zur Stärkung der Nerven einsetzte. Insgesamt lässt sich festhalten, dass im Untersuchungszeitraum Morphin einen hohen medizinischen Stellenwert hatte, dass aber auch Laien hohe Erwartungen an den Wirkstoff sowie Wissen um seine Anwendung hatten. Morphinabhängigkeit trat vermehrt auf und war entsprechend auch Gegenstand gesellschaftlicher Debatten. In diesen bestanden verschiedene Deutungsangebote, mit denen Abhängige als lasterbehaftete Gefahr oder aber als hilfsbedürftige Kranke verstanden werden konnten.

 

Die Suchtgeschichte der untersuchten Abhängigen konnte sehr unterschiedlich verlaufen. Während der Morphinkonsum in einigen Fällen die ökonomische und soziale Existenz der Betroffenen gefährdete, lassen sich auch langjährige Konsumenten und Konsumentinnen feststellen, die weiterhin ihren beruflichen Tätigkeiten nachgingen. Den Weg in die Anstalt leitete oftmals das persönliche Umfeld der Abhängigen ein, das deren Konsum registrierte und problematisierte und sodann zur Moderation animierte oder–vielfach über einen Hausarzt–den Kontakt mit der psychiatrischen Anstalt einleitete. Vor dem Eintritt ins Burghölzli erfolgten teilweise Aufenthalte in anderen Anstalten oder Entzugsversuche zuhause mit kommerziell vermarkteten Hilfsprodukten.

 

Die Behandlung des Morphinismus im Burghölzli war im Untersuchungszeitraum stark durch den Psychiater Auguste Forel geprägt, der Hypnose als Behandlungsmethode einsetzte und vor dem Hintergrund seiner eugenischen Vorstellungen auch grossen Wert auf eine totale und lebenslange Abstinenz legte. Obwohl der eigentliche Entzug im Burghölzli oft innerhalb weniger Wochen vollzogen war, dauerte der Aufenthalt vieler Abhängiger mehrere Monate bis hin zu einem halben Jahr. In dieser zweiten Entzugsphase ging es darum, die Lebensführung der Betroffenen wieder an bürgerliche Erwartungen anzupassen. Ihr Alltag gestaltete sich wesentlich weniger abgeschottet und Ausgänge, Besuche sowie Arbeiten für die Anstalt oder im privaten Rahmen waren möglich. Wie lange die entzogenen Morphinabhängigen im einzelnen Fall noch im Burghölzli blieben, hing einerseits von ihrem Verhalten und andererseits stark von ihren Angehörigen ab, die oft grossen Einfluss auf den Austrittszeitpunkt hatten. Obwohl zumindest formal alle Abhängigen freiwillig ins Burghölzli eintraten, wurden durch diese Praxis uneinsichtige Patienten oder Patientinnen teilweise über längere Zeit gegen ihren Willen in der Anstalt festgehalten. Demgegenüber muss allerdings betont werden, dass viele Abhängige ihre Sucht selbst ebenfalls als Problem und den Entzug im Burghölzli als willkommene Hilfe wahrnahmen. Trotz der diesbezüglich schwierigen Quellenlage präsentiert die Arbeit denn auch Indizien dafür, dass Forels Entzugsmethode durchaus mittelfristige Erfolge verbuchen konnte.

Accesso al lavoro

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