Inszenierte Zustimmung: Eine Analyse der Volkskammerwahlen in der DDR von 1950 bis 1963 zwischen politischer Kontrolle und Bürger:innenpartizipation

Cognome dell'autore
Ottilie
Jacobi
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christof
Dejung
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Obwohl die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der Deutschen Demokratischen Republik die Form einer Parteidiktatur hatte, führte das Regime alle vier Jahre Wahlen durch – die sogenannten Volkskammerwahlen. Der Bevölkerung stand dabei eine Einheitsliste zur Wahl, die sie annehmen oder ablehnen konnte. Wer nicht zur Wahl erschien oder geheim wählte, musste mit Konsequenzen rechnen. Weshalb führte die SED überhaupt Wahlen durch? Welche Funktionen erfüllten die Wahlen in der DDR? Und wie konnte ein so offensichtlich autoritäres Wahlsystem fast vierzig Jahre lang funktionieren?


 

Diesen Fragen wurde in der Masterarbeit nachgegangen, in der anhand der Wahlfrage (Bedeutung, Funktion, Rolle der Wahlen) untersucht wurde, auf welche Art und Weise die SED versuchte, ihre Macht in der DDR zu sichern. Gegenstand der Arbeit waren ausgewählte Sitzungsprotokolle des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED, Zeitungsartikel der Zeitung „Neues Deutschland“, die in der Woche des Wahltages erschienen waren und Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit, die die Volkskammerwahl erwähnten. Diese Quellen wurden zuerst nacheinander für die ersten vier Volkskammerwahlen (1950, 1954, 1958 und 1963) qualitativ und quantitativ analysiert und anschliessend in einem vergleichenden Ansatz einander gegenübergestellt. Dadurch konnten zeitliche Veränderungen und Kontinuitäten hervorgehoben werden. Punktuell wurde auch mit einer semiotischen Methode (nach Charles Sanders Peirce) gearbeitet, um Symbole, die die SED im Kontext der Wahlen verwendete, zu interpretieren.
 

Die Arbeit hob hervor, dass die ersten vier Volkskammerwahlen ein Probefeld für die SED darstellten, auf dem sie versuchte herauszufinden durch welche Massnahmen sie zu einem möglichst hohen Ergebnis für die Nationale Front(Zusammenschluss aller zugelassenen Parteien und Massenorganisationen) gelangen konnte. Deshalb kamen in der Vorbereitung, Durchführung und Überwachung der Volkskammerwahlen 1950 bis 1963 mehrere neue Elemente hinzu (z. B. Rechenschaftsablegungen der ehemaligen Volkskammermitglieder) während andere verschwanden (z. B. Aufrufe zum offenen Wählen). Ausserdem wurde die Arbeit rund um die Volkskammerwahl von 1950 bis 1963 zentralisierter (die meisten Aufgaben fielen höheren Mitgliedern der SED zu) und einheitlicher.

 

Insgesamt wurden vier übergeordnete Funktionen herausgearbeitet, die die Volkskammerwahlen im Herrschaftssystem der SED erfüllten. Die Wahlen dienten erstens der politischen Legitimation nach innen und aussen. Da die DDR von Ländern mit gewählten Regierungen umgeben war, musste auch die SED beweisen, dass ihre Macht durch die Bevölkerung legitimiert war. Eine zweite Funktion wurde bereits von anderen Historiker:innen (z. B. Michael Kloth) herausgearbeitet und in dieser Masterarbeit noch weiter ausdifferenziert: Die Volkskammerwahlen dienten der Mobilisierung und ideologischen Beeinflussung der Bevölkerung. Sie sollten im jungen Staat Einheit schaffen und Vertrauen zwischen Bürger:in und Parlamentarier:in herstellen. Ausserdem passte die SED die Beeinflussung der Bevölkerung an den jeweiligen politischen Kontext des Wahljahres an. Von 1950 bis 1963 versuchte die SED zum Beispiel in den Artikeln der Zeitung „Neues Deutschland“ das Feindbild der Bundesrepublik Deutschland auszubauen und im Bewusstsein der Bevölkerung zu festigen. Kommunikation war die dritte Funktion, die die Volkskammerwahl für die SED erfüllte. In den Wochen rund um die Volkskammerwahl fand ein reger Austausch zwischen der Bevölkerung und den Politiker:innen statt. Die Bürger:innen konnten bei diversen Wahlveranstaltungen den Parlamentarier:innen Rückmeldungen geben, Fragen stellen und in Verhandlungen persönliche Vorteile erlangen (indem sie z. B. damit drohten der Wahl fernzubleiben). Gerade diese individuellen Vorzüge (z. B. Reisegenehmigungen), die die Menschen im Kontext der Wahl erhalten konnten, sind mögliche Erklärungen dafür, dass das Wahlsystem der DDR so lange funktionierte. Dieser vermehrte Austausch zur Wahlzeit diente der SED aber auch dazu, die Bevölkerung zu überwachen (vierte Funktion). Durch die Volkskammerwahlen hatte die Partei alle vier Jahre die Möglichkeit zu erfahren, wer im Land hinter ihr stand und welche Bevölkerungsgruppen durch feindliche Tätigkeiten während der Wahl auffielen.

 

Schlussendlich konnte diese Masterarbeit zeigen, dass eine genaue Analyse der ersten Volkskammerwahlen, auch wenn sie keine freien Wahlen nach westlichen Verständnis waren, hilft, die Herrschaft der SED in der DDR besser zu verstehen. Weitere Arbeiten, die beispielsweise die kommunalen Wahlen der DDR betrachten, wären deshalb wünschenswert.

Accesso al lavoro

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