Nation, Klima und ungleiche Körper. Geo- und klimadeterministische Narrative in Nationsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts

Cognome dell'autore
Marina
Stone
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christian
Rohr
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Das Forschungsinteresse dieser Arbeit richtet sich auf die breiteren, (west)europäisch geprägten Diskursstränge zur Verbindung der Vorstellungen von „Natur“, „Klima“, „Nation“ und den damit konnotierten „Nationalcharakteren“ von der Mitte des 18. bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die weltweite Unterschiedlichkeit zwischen Menschen verschiedener Herkunft stiess im 18. Jahrhundert in den gelehrten Gesellschaften Europas auf grosses Interesse und wurde in einer Vielzahl natur- sowie völkergeschichtlicher Werke naturwissenschaftlich zu erklären versucht–unter anderem geprägt von Charles Louis de Secondat Montesquieu. Gleichzeitig wurden im Kontext des Aufschwungs vieler Nationalismen nationale und „rassische“ Unterschiede zunehmend auch mit Theorien des Klimaeinflusses begründet und naturalisiert, also als „natürlich“ bedingt verstanden.


 

Diese in der Forschungsliteratur noch wenig untersuchte Naturalisierung der «Nation» anhand geografisch-klimatischer Gegebenheiten (Geo- und Klimadeterminismus) sowie physiologisch-biologischer Bedingungen (Biodeterminismus) steht im Mittelpunkt der Fragestellung. Zur Beantwortung dieser wird anhand eines breit gefächerten Quellenkorpus aus Publikationen aus dem deutschen, französischen und englischen Sprachraum untersucht, inwiefern bei Fremd- und Eigenbeschreibungen von Einheimischen bestimmter Klimaregionen (oft als „nationale“ Kollektive gedacht) umwelt- oder klimadeterministische Denkweisen auftraten. Der systematische Einbezug verschiedener Quellengattungen (vor allem klimabezogener Zivilisierungstheorien, geografischer Landesbeschreibungen, Enzyklopädie-Artikel, persönlicher Reiseberichte und wissenschaftlicher Rezensionen Albrecht von Hallers) mit einem hermeneutischen, diskursgeleiteten Ansatz zeigt zunächst die Praxis der gegenseitigen Referenzen im europäischen Gelehrtennetzwerk der Aufklä-rungszeit auf. Zugleich gibt dies auch Aufschluss über die Rezeption neo-hippokratischer, klimatheoretischer Vorstellungen mit Blick auf nationale Differenzen in einer breiteren Öffentlichkeit.
 

Das Arbeitsthema fügt sich damit in eine Kultur-, Ideen- und Wissensgeschichte des Klimas ein, die zu jener Zeit fast ausschliesslich von gebildeten, europäischen Männern geschrieben wurde. Die Arbeit stützt sich konzeptuell auf eine umfassende Forschungsliteratur der konstruktivistischen Nationalismusforschung einerseits sowie auf die Historiografie zu den frühneuzeitlichen Klimatheorien und die Tradition des Umweltdeterminismus andererseits. Damit trägt sie dazu bei, eine Lücke zwischen den beiden Forschungssträngen zu schliessen, die Oliver Zimmer und Eric Kaufmann 1998 mit ihrem Konzept der Naturalisierung der Nation zu verknüpfen begannen.
 

Der Aufbau der Quellenanalyse folgt der zeitgenössischen, verbreiteten Klassifizierung von „Nationen“ nach klimatischen Regionen auf der Nord-Süd-Achse. Demnach werden vier klimatisch-regionale Quellencluster gebildet: mediterrane, warm-trockene Gebiete (im Fallbeispiel Süditalien); nördliche und kalt-bergige Gebiete (mit Fokus auf den Alpenraum und Skandinavien); gemässigte Klimata (vor allem das idealisierte Kontinentaleuropa) sowie heiss-tropische und subtropische Gebiete (am Beispiel der karibischen Kolonie Saint-Domingue). Aus jedem dieser Cluster werden exemplarisch qualitative Fallbeispiele herausgegriffen und mit ihrem jeweiligen diskursiven Hintergrund zeitgenössischer Theorien in Beziehung gesetzt. Damit wird konzeptuell ein europäischer, nicht-kolonialer Kontext einem kolonialen Kontext gegenübergestellt. Dies reflektiert den Befund, dass sich Europäer:innen im Untersuchungszeitraum nach rassischer Idee als eigene „Rasse“ mit nationalen Unterschieden untereinander sahen, wohingegen koloniale Subjekte (als „die Anderen“) tendenziell als separate „Rasse“ kategorisiert wurden.

 

Wie die Masterarbeit verdeutlicht, schuf diese Klassifizierung von „Nationalcharakteren“ nach Klimazonen eine teils lineare, moralisierende Hierarchisierung der Menschheit entlang der Nord-Süd-Achse und diente so auch der Naturalisierung eurozentristischer Überlegenheitsgefühle. Vorstellungen von klimatischen Einflüssen auf den Körper als Determinanten der moralischen Eigenschaften und Fähigkeiten von „Nationen“ oder „Rassen“ waren eng miteinander verbunden und unterlagen im Übergang zum 19. Jahrhundert einem diskursiven Wandel, wie der Vergleich mit jüngeren Quellen zeigt: So verschob sich der Diskurs von primär klimadeterministischen Erklärungen für menschliche Differenz zunehmend hin zu biologisch körperfixierten und ethnisierenden Formen der Naturalisierung, die kollektive Eigenschaften als erblich und unveränderbar festlegten. Diese essentialisierenden Denkmuster wirken in Formen eines ethnischen Nationalismus bis heute fort.

Accesso al lavoro

Biblioteca

I lavori accademici sono depositati nella biblioteca dell'università competente. Cerca l'opera nel catalogo collettivo delle biblioteche svizzere