„Wieder ein Kind gerettet“. Diskursive Muster zur Verschleierung von kommerziellen Marktlogiken in den Adoptions- dossiers von Alice Honegger

Cognome dell'autore
Mirjam
Wiedemar
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
PD Dr.
Francesca
Falk
Istituzione
Historisches Seminar
Luogo
Bern
Anno
2023/2024
Abstract

In den letzten Jahren sind transnationale Adoptionen zum Gegenstand öffentlichen Interessens geworden. Auslöser dafür war die Ausstrahlung eines niederländischen Dokumentarfilms zu Adoptionen aus Sri Lanka in den 80er Jahren. Die Sendung berichtete von manipulierten Dokumenten, dem Raub von Neugeborenen aus Spitälern, erzwungenen Kindswegnahmen und sogenannten „baby farms“.

 

Auch Schweizer Ehepaare hatten im betroffenen Zeitraum über 700 Kinder aus Sri Lanka adoptiert. Die meisten davon gelangten über Alice Honegger in die Schweiz, die in Bolligen SG eine Adoptionsvermittlungsstelle geführt hatte. Trotz anhaltender Kritik und wiederholter Verstösse gegen gesetzliche Auflagen erhielt sie immer wieder die Bewilligung für ihre Tätigkeit. In ihren Adoptionsunterlagen haben sowohl Forschende wie auch Betroffene zahlreiche Unstimmigkeiten und Hinweise auf gesetzeswidrige Vorgehensweisen gefunden.

 

Die Adoptionsdossiers aus Alice Honeggers Privatarchiv gelangten erst 2020 ins Staatsarchiv St. Gallen. Bisher wurden erst die Dossiers aus dem Kanton St. Gallen systematisch ausgewertet. Die vorliegende Arbeit analysierte sowohl eine grössere Stichprobe wie auch eine kleinere qualitative Auswahl aus dem Bestand. Die Stichprobe wurde quantitativ auf das Vorhandensein kommerzieller Marktmechanismen untersucht. Den Ergebnissen wurde die qualitative Feinanalyse gegenübergestellt. Ziel war es, diskursive Muster zur Verschleierung von kommerziellen Marktlogiken in Alice Honeggers Adoptionsdossiers auszumachen. Methodisch orientierte sich die Arbeit an der kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger.

 

Die qualitative Analyse der Dossiers konnte aufzeigen, dass kommerzielle Marktlogiken wie Angebot und Nachfrage in den untersuchten Adoptionen eine zentrale Rolle spielten. Die Nachfrage ging dabei von kinderlosen Schweizer Adoptiveltern aus. Viele Adoptiveltern äusserten spezifische Wünsche zum Alter oder zum Geschlecht ihres künftigen Kindes. Auch Zwillings- und Geschwisterwünsche waren häufig. In Einzelfällen wurden zusätzliche Wünsche angebracht, z.B. nach einem noch nicht gezeugten, leiblichen Geschwister eines bereits adoptierten Kindes. Das Herkunftsland der Kinder hingegen wurde eher von Kosten, Wartefristen und Regulierungen bestimmt. Bisweilen gibt es Hinweise auf fragwürdige oder gesetzeswidrige Praktiken, die den Adoptiveltern möglichst schnelle, unbürokratische Adoptionen ermöglichen sollten. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass eher Kinder für Eltern gesucht wurden als Eltern für Kinder: Die meisten Eltern haben ein wunschgemässes Kind erhalten.

 

Die Ergebnisse der qualitativen Analyse ergaben, dass diese kommerziellen Marktlogiken von Narrativen überlagert wurden, die Adoptionen als „Rettung“ darstellten: Alice Honeggers Vermittlungsstelle wurde als seriöse und professionelle Hilfsorganisation dargestellt, die Vermittlerin selbst als aufopfernde Wohltäterin. Das Leben der Kinder vor der Adoption wurde abgewertet: Der Diskurs drehte sich um Armut, gesundheitliche Mängel, Hunger oder gar um den kurz bevorstehenden Tod der Kinder. Die Erfahrungen der leiblichen Eltern fanden nur in Form von Beschreibungen durch Dritte Eingang in den Diskurs und wurden auf zwei widersprüchliche Narrative reduziert: Auf die Adoption als Folge einer „zwingenden Not“ oder als „freie Entscheidung“ der leiblichen Mütter. Das neue Zuhause in der Schweiz dagegen wurde von den Akteur:innen überaus positiv dargestellt: Die ausgemachten diskursiven Muster drehten sich um die grosszügigen Häuser, die finanzielle Sicherheit und die emotionale Geborgenheit, die die Adoptiveltern den Kindern bieten können. Die Beschreibungen waren stark durchzogen von traditionellen, geschlechtsspezifischen Rollen- und Familienbildern. Die Schilderungen zum Leben der Kinder nach der Adoption fokussierten auf die hervorragende gesundheitliche Entwicklung der Kinder, auf ihre Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung oder auf ihre sofortige Integration. Negative Adoptionserfahrungen wie z. B. Rassismus wurden kaum thematisiert. Allgemein konnte festgestellt werden, dass der Diskurs von Akteur:innen aus dem globalen Norden bestimmt wurde. Die Stimmen der Herkunftsfamilien fanden darin kein Gehör.

 

Die beschriebenen Narrative rund um Adoption hatten nicht nur Folgen für die gesellschaftliche Wahrnehmung der Adoption in der Schweiz. Sie manifestierten ein kolonial geprägtes Bild von „rückständigen“ Gesellschaften im globalen Süden; sie legitimierten zweifelhafte Adoptionspraktiken; Sie begünstigten die Nachlässigkeit der Behörden. Darüber hinaus beeinträchtigten sie mitunter die Verbindung der Kinder zu ihrer Herkunftskultur und erschwerten eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Adoption.

Accesso al lavoro

Biblioteca

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