Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (C.V.) war Anfang der Dreissiger Jahre die weitaus grösste politische Organisation im deutschen Judentum. Die weltanschauliche Ausrichtung des C.V. stand für das von der deutschen Kultur genährte, patriotisch gesinnte und als assimiliert geltende liberale bürgerliche Judentum, das sich gegen antisemitische Anfeindungen aktiv zur Wehr setzen wollte. Dabei wurde die Abwehrarbeit des Vereins seit seiner Gründung im Jahre 1893 von den Postulaten der „unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung“ und dem ungeteilten „Bekenntnis zu Deutschtum und Judentum“ geprägt. Nach der Machtergreifung Hitlers und dem Fortschreiten der „nationalen Revolution“ wurde dem Verein kein Raum mehr für diese „jüdische Gesinnung“ zugestanden. Indem das NS-Regime dem C.V. sein patriotisches Bekenntnis zum Deutschtum absprach, zertrümmerte es die über ein Jahrhundert der Emanzipation gereifte Weltanschauung der C.V.-Mitglieder. Dieser Bruch mit dem eigenen Identitätsverständnis vollzog sich nicht in Wochen oder Tagen; vielmehr äusserte er sich vor dem Hintergrund der sich verschärfenden nationalsozialistischen Politik bei vielen Mitgliedern als langwieriger traumatischer Prozess der Desillusionierung. Dieser ideologische Wandlungsprozess in der Weltanschauung der C.V.-Mitglieder findet sich nirgendwo eindrücklicher belegt als in ihrem wöchentlich erscheinenden Publikationsorgan, der C.V.-Zeitung (CVZ). Denn mit der CVZ besass der Verein auch nach 1933 ein offizielles Vereinsblatt, das sich publizistisch an die Öffentlichkeit wandte und über Möglichkeit oder Unmöglichkeit sowie Ziel und Zweck deutschjüdischer Weiterexistenz in Deutschland berichtete. An diesem Punkt setzt das Interesse der Arbeit an. Anhand der Ausgaben der CVZ wird die Reaktion der C.V.-Mitglieder auf die nationalsozialistische Machtergreifung nachgezeichnet und der Wandel der ideologischen Ausrichtung des C.V. zwischen dem Machtantritt Adolf Hitlers im Januar 1933 und der Verkündung der Nürnberger Gesetze im September 1935 analysiert. Dabei stehen zwei unterschiedliche analytische Ebenen im Blickpunkt der Untersuchung, die in ihrer wechselseitigen Beziehung zueinander ausgewertet werden: Einerseits die Ebene der realpolitischen Einschätzung und Rezeption der nationalsozialistischen Politik durch die CVZ, andererseits die Ebene der ideologischen Positionierung in Bezug auf die deutsche Judenfrage. Zur Veranschaulichung des ideologischen Wandels fokussiert die Analyse auf zentrale Themenbereiche wie die Stellungnahmen zum Thema Auswanderung und Palästina und grenzt die spezifische Positionierung der CVZ von gegnerischen Fraktionen im deutschen Judentum wie der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ oder dem „Verband nationaldeutscher Juden“ ab. Einleitend werden Fragestellung und Quellenbasis der Arbeit sowie das methodische Vorgehen vorgestellt. In einem zweiten Teil geht die Arbeit einerseits auf die Entstehung der jüdischen Presse sowie auf den Handlungsspielraum jüdischer Pressearbeit während der 30er Jahre ein, andererseits auf die Entstehung, Bedeutung und Funktion des C.V. und der CVZ. Der dritte Teil der Arbeit widmet sich der Analyse der Zeitungsartikel, die zwischen dem Machtantritt Hitlers bis Ende 1935 erschienen, wobei sie sich auf Basis der Quellenlektüre in vier grobe Zeitfenster unterteilt, die der Autor als sinnvoll erachtete: I. Von der Machtergreifung Hitlers bis zum Aprilboykott 1933, II. Von April 1933 bis Herbst 1933, III. Von Ende 1933 bis Ende 1934 und IV. Das Jahr der Nürnberger Gesetze 1935.
Zusammenfassend zeigt die Lizentiatsarbeit auf, dass sich die ideologische Ausrichtung der CVZ auf der Basis realpolitischer Einschätzungen manifestierte, die von viel Zuversicht und Optimismus geprägt waren, wobei die beharrliche Verteidigung der deutschjüdischen Idee und die distanzierte Haltung gegenüber der Auswanderungsund Palästinafrage in immer stärkeren Gegensatz zu den geäusserten Absichten der Regierung standen, auf die sich die Zeitung berief. Erst nach Erlass der Nürnberger Gesetze im September 1935 verabschiedete sich die CVZ offiziell von ihrer Propagierung der deutschjüdischen Idee und ging zu einer aktiven Auswanderungsförderung über. Die Hoffnung, durch konzeptuelle Neuerungen in der C.V.-Ideologie, die sich primär in dem Aufruf zur Wiederbelebung der jüdischen Identität und der Schaffung eines neuen deutschjüdischen Lebensideals äusserte, eine „zweite Emanzipation“ der deutschen Juden einzuleiten, wurde damit begraben. Letztlich legen die Artikel der CVZ ein eindrückliches Zeugnis darüber ab, wie lange nach Hitlers Machtergreifung in Teilen des deutschen Judentums noch Hoffnung bestand unter eingeschränkten Rechten aber in würdevoller Weise eine Existenz auf deutschem Boden weiterführen zu können.
Für Deutschtum und Judentum - Ideologie und Realität im Widerstreit. Die C.V.-Zeitung im Schatten nationalsozialistischer Herrschaft 1933-35
Tipo di ricerca
Tesi di laurea
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Marina
Cattaruzza
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2007/2008
Abstract