„Braver Muschik“ – „Roter Zar“. Das Bild der Sowjetunion in der katholisch-konservativen Luzerner Tageszeitung Vaterland (1938–1946)

Cognome dell'autore
Markus
Dütschler
Tipo di ricerca
Tesi di laurea
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Brigitte
Studer
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2000/2001
Abstract

Die Arbeit untersucht, auf welche Weise die Sowjetunion in der katholisch-konservativen Luzerner Tageszeitung Vaterland dargestellt bzw. wahrgenommen wurde. Als Quellenbasis für die hermeneutische Auswertung dienen 421 Artikel, die zwischen dem 1. Januar 1938 und dem 31. März 1946 erschienen sind. Diese Veröffentlichungen umfassen redaktionelle Eigenleistungen wie Leitartikel, Kommentare und Analysen. Berücksichtigt wurden auch Einsendungen; Kurzmeldungen und Agenturstoff wurden weggelassen. Der Zeitraum erstreckt sich vom ereignisreichen Vorkriegsjahr 1938 (Münchner Abkommen) bis zum März des Nachkriegsjahrs 1946, als die Schweiz die seit 1918 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen mit der UdSSR wieder aufnahm. Dieser Zeitraum von gut acht Jahren wird in fünf Zeitphasen aufgeteilt, die von wichtigen Ereignissen begrenzt sind (Hitler-Stalin-Pakt; deutscher Angriff auf die UdSSR; Wende in Stalingrad; deutsche Kapitulation; Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen). In jeder dieser fünf Phasen wird mit einem analogen Raster erfasst, welche Informationen über das Leben in der UdSSR verbreitet wurden. Diese werden thematisch gruppiert: Herrschaftsmethoden im Staat (Terror, Geheimpolizei), Rote Armee, Wirtschaft und Soziales, Kultur und Religion, Charakterisierungen der politischen Führung und des «einfachen» Russen.

 

Die Auswertung zeigt, dass im Vaterland kein anschauliches Bild des sowjetischen Alltagslebens geboten wird. Seine Sicht ist weitgehend von Klischees, Feindbildern und Stereotypen geprägt. Das Deutschschweizer Zentralorgan des katholisch-konservativen Lagers legt wenig journalistische Neugier an den Tag und bemüht sich nicht um eine möglichst unbefangene Annäherung an das Thema. Es ordnet seine Beobachtungen konsequent in sein christlich-soziales Weltbild ein. Im sowjetischen Alltag werden vor allem die ökonomischen Schwierigkeiten, der stalinistische Staatsterror, die gesellschaftliche Gleichschaltung und die Benachteiligungen der Gläubigen thematisiert. Die Zeitung begreift die UdSSR nicht in erster Linie als Staat, sondern als Phänomen, als eine Art geistigen Störsender. Darum überwiegen ‹berlegungen zur Ideologie, zu den «berträgern des Bolschewismus», zu «Kulturbolschewisten» und Helfershelfern einer befürchteten Unterwanderung des Westens. In diese Kategorie fallen auch die drastischen Schilderungen der sowjetischen Besatzer. Das Blatt erörtert ausführlich die geistigen Quellen des «Bolschewismus». Es schreibt jüdischen Persönlichkeiten einen wichtigen Anteil zu, sieht aus seiner antimodernen Haltung heraus aber auch erstaunliche Parallelen zwischen Kommunismus und amerikanisch geprägtem Kapitalismus. Es versucht, sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob die zu jener Zeit sichtbare Hinwendung des Stalinschen Systems zu Patriotismus und Tradition einen echten Wandel darstellt oder ob der vermutete Drang zur Weltrevolution unvermindert anhält. Das Vaterland vermutet hinter Stalins Politik eine Vermengung weltrevolutionärer Ambitionen mit imperialer Tradition und Panslawismus, weshalb Misstrauen auf jeden Fall am Platz sei.

 

Aufgrund dieser Haltung steht die Zeitung einer Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der UdSSR ablehnend gegenüber. Sie verdächtigt sowjetische Einrichtungen als Hort der Subversion und hält mögliche wirtschaftliche Vorteile für keine ausreichende Kompensation dieser Risiken. Gegen Kriegsende sieht sich das Vaterland immer stärker mit einer «Russenbegeisterung» in der Schweiz konfrontiert, gegen die es ebenso hartnäckig wie polemisch anschreibt, offenbar allein auf weiter Flur. Als die Beziehungen mit der UdSSR im März 1946 aufgenommen werden, ringt es sich aus Einsicht in die Notwendigkeit zu einem freudlosen «Ja, aber» durch.

 

Insgesamt bleibt das Vaterland seiner negativen Sicht auf die UdSSR treu, ungeachtet der ƒnderungen der weltpolitischen Lage oder der Stimmung in der Schweiz. Die Religionsfeindlichkeit der UdSSR stellt für das katholische Blatt einen grundsätzlichen Defekt dar, der durch nichts geheilt werden kann. Ohne volle Religionsfreiheit hält es echte Koexistenz für unmöglich. Trotz seines militanten Antibolschewismus diskutiert es die deutsche Kreuzzugsrhetorik anlässlich des Russlandfeldzugs kontrovers, da es Hitler die moralische Legitimation dafür abspricht. Es ist erstaunt über den unerwartet zähen Widerstand der Russen, deren militärische Potenz es bis anhin als schwach eingeschätzt hatte. In diesem Punkt durchläuft das Bild der Sowjetunion den grössten Wandel, entlocken doch die sowjetischen Militärerfolge im Umfeld von Stalingrad dem sonst so kritischen Vaterland wohlwollende, zuweilen gar begeisterte Kommentare, aus denen gleichzeitig eine grosse Ratlosigkeit über die erstaunliche Stabilität des Stalinschen Regimes herauszuhören ist.

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