Im besten Interesse des Kindes? Machtverhältnisse bei den internationalen Adoptionen Alice Honeggers unter der Privaten Mütter- und Kinderfürsorge von 1953 bis 1964

Cognome dell'autore
Sina Margrith
Thöny
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
PD Dr.
Francesca
Falk
Istituzione
Historisches Seminar
Luogo
Bern
Anno
2023/2024
Abstract

Der Name der Adoptionsvermittlerin Alice Honegger ist vor allem im Zusammenhang mit den Adoptionsskandal um die Kinder aus Sri Lanka bekannt. Jedoch bildeten die Sri Lanka-Adoptionen nicht die ersten internationalen Adoptionen, die Alice Honegger organisierte. Weitaus weniger bekannt und erforscht sind ihre Vermittlungstätigkeiten bei der von ihr 1953 gegründeten Fürsorgestelle Private Mütter- und Kinderfürsorge. In einem kleinen Team vermittelte sie bis zu ihrer Entlassung im Jahr 1964 Kinder in der Schweiz aber auch ins Ausland.

 

Ein Grossteil dieser Adoptivkinder vermittelte Alice Honegger an US-amerikanische Paare, die wegen der geringen Zahl an verfügbaren Kindern in den USA im Ausland nach Adoptivkindern suchten. Bei den vermittelten Kindern handelt es sich fast ausschliesslich um ausländische Kinder lediger Mütter, die aufgrund der strikten Einbürgerungsgesetze nur schwierig in der Schweiz platziert werden konnten. In diesen internationalen Adoptionen waren verschiedene Akteur:innen involviert, die den Vermittlungsprozess begleiteten. Dazu zählen neben den leiblichen Eltern der Kinder auch die Vormundschaftsbehörden sowie die Adoptierenden und die US-amerikanischen Behörden. Um sich auf internationaler Ebene platzieren und behaupten zu können, nutzte die Private Mütter- und Kinderfürsorge die zeitgenössischen Diskurse, Gesetzgebung und staatlichen Strukturen strategisch und erarbeitete sich so verschiedene Handlungsspielräume. Basierend auf der in den Adoptionsdossiers überlieferten Korrespondenz wurden die Handlungsstrategien der Privaten Mütter- und Kinderfürsorge innerhalb des Netzwerkes der internationalen Adoptionen erarbeitet.

 

Auf nationaler Ebene profitierte die Fürsorgestelle vor allem von der schwachen Position der ledigen Mütter. Die ausländischen Mütter waren „Gastarbeiterinnen“ mit einem begrenzten Aufenthalt in der Schweiz. Die Erziehung des Kindes war für sie finanziell und auch wegen des Verbotes des Familiennachzuges schwierig. Ausserdem bewegte die gesellschaftliche Stigmatisierung der ledigen Mütter und der Druck aus ihrem Umfeld die Mütter zur Adoptionsfreigabe der Kinder. Die Fürsorgestelle nutzte die Zwangsposition der Mütter. Kurz nach der Geburt der Kinder forderten die Fürsorgerinnen bereits die Verzichtsscheine für die Kinder ein und platzierten die Kinder in Durchgangspflege. Diese sollte, laut der Narrative in den Jahresberichten, die Mutter entlasten und ihr Zeit bis zur endgültigen Entscheidung verschaffen, setzte aber wegen der steigenden Pflegekosten einen Preis an diese Bedenkzeit.

 

Da die Gesetzgebung für jede ledige Geburt die Einrichtung einer Vormundschaft vorsah, musste sich die Fürsorgestelle für jede Platzierung die Zustimmung der Vormundschaft einholen. Obwohl die Vormundschaften skeptisch gegenüber den internationalen Platzierungen eingestimmt waren, überzeugte Alice Honegger sie von der Auslandsplatzierung für die ausländischen Kinder. Die Beziehung zwischen der Fürsorgestelle und den Vormundschaften war meist kooperativ. Die Fürsorgerinnen übernahmen die Abklärungen und formten durch die gesendeten Berichte das Bild der Adoptierenden. Nur wenige Vormundschaften überprüften die Vorschläge der Fürsorgestelle. Dies führte zu einer Kumulation der zentralen Kompetenzen im Vermittlungsprozess von Abklärung und Vermittlung bei der Fürsorgestelle. Die Kontrolle der Vormundschaften fiel weg und die Zustimmung blieb reine Formalität.

 

Im Zentrum der Vermittlungstätigkeiten stand aus Sicht von Alice Honegger die Zufriedenheit der Adoptierenden. Sie bemühte sich um die Etablierung eines persönlichen Netzwerkes, welches sie zu schnellen, oberflächlichen Abklärungen ohne die Involvierung von äusseren Stellen verwendete. Alice Honegger übernahm die Zuständigkeit für die Zusammenarbeit mit den US-amerikanischen Paaren und teilte ihnen die Kinder zu. Die Gesetzgebung in den meisten Bundesstaaten der USA sah eine Zusammenarbeit mit staatlich lizenzierten Behörden vor. Der International Social Service war dabei zuständig für die internationalen Adoptionen. Die stark regulierte und langwierige Vorgehensweise war im Konflikt mit den straffen Zeitplänen und der informellen Arbeitsweise der Fürsorgestelle. Dieser Konflikt mit dem ISS erschwerte die Platzierung in die USA, weshalb Alice Honegger verschiedene Wege fand, um den ISS zu umgehen. Dabei nahm sie spätere Komplikationen bei den Adoptionsprozessen der Kinder bewusst in Kauf.

 

Mit der Zentralisierung des Informationsflusses in einer Person, der geschickten Nutzung von Lücken in staatlichen Strukturen und der Verteidigung der Auslandsadoptionen führte Alice Honegger fast zehn Jahre erfolgreich Platzierungen ins Ausland durch. Die Kumulierung von Entscheidungskompetenzen ermöglichte eine schnelle Platzierung. Durch den Fokus auf die Zufriedenheit der Adoptierenden und die schnelle Ausreise der Kinder litt die Qualität der Abklärungen, die auch durch äussere und interne Kontrollinstanzen nicht ausreichend überwacht wurden. Obwohl immer das Wohl des Kindes als zentraler Aspekt der Vermittlungen genannt wurde, zeigt die Fahrlässigkeit der Praktiken zu Gunsten von schnellen Platzierungen, dass das Wohl des Kindes nie im Zentrum stand.

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