Die Zeitzeug:innen Doris Richner-Senn und Frank Schärer sind sich einig: Der Niedergang der Stroh- und Hutgeflechtindustrie im aargauischen Freiamt war massgeblich auf Veränderungen in der Mode und den Vorlieben der Frauen zurückzuführen.
Was im ausgehenden 18. Jahrhundert als Heimarbeit begann, entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert zu einer blühenden, exportorientieren Industrie, welche die Gemeinde Wohlen mit internationalen Handelszentren in Verbindung setzte. Zwei wichtige Arbeitgeber stellten ihre Betriebe in den 1970er-Jahren ein, in den 1990erJahren folgte zuletzt die Otto Steinmann & Co. Noch heute sind die einstige Industrie und das Stroh präsent im Freiamt, beispielsweise durch das Schweizer Strohmuseum in der Villa Isler; brisante Themen und Neuigkeiten werden in der Kolumne „Strohfüür“ abgedruckt und eine Bäckerei in Wohlen produziert Schokolade namens „Strohhüetli“.
Die Arbeit befasst sich mit dem Niedergang der Stroh- und Hutgeflechtindustrie im aargauischen Freiamt mit einem Fokus auf der Gemeinde Wohlen und zielt darauf ab, den bisher diesbezüglich spärlich vorhandenen Forschungsstand zu erweitern und zu differenzieren. Obwohl der Abschwung der Industrie ins letzte Jahrtausend zu verorten ist, liessen sich im Rahmen eines Transformationsprojektes des Schweizer Strohmuseums 32 Zeitzeug:innen finden, welche detailreiche Blicke auf die Vergangenheit der Stroh- und Hutgeflechtindustrie ermöglichten. Die daraus entstandenen Interviews dienten für die Untersuchung als Hauptquelle. Zusätzlich zur Methode der Oral History wurden Zeitungsberichte der Lokalzeitung Wohler Anzeiger sowie weiterer Schweizer Zeitungen konsultiert. Auch Bild- und Schriftquellen aus dem Archiv des Schweizer Strohmuseums wurden für die Beantwortung der Fragestellung herbeigezogen.
Nebst den historischen Hintergründen der Stroh- und Hutgeflechtindustrie, der Vorstellung der wichtigsten Berufe sowie Arbeitgeber in der Region des Freiamts dient ein Porträt von drei Zeitzeug:innen dazu, die Vorzüge des bewusst mikrogeschichtlich gewählten Fokus aufzuzeigen. In den weiteren Kapiteln wird auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen, auf das soziale Engagement der Industriellen sowie auf das Alltags- und Familienleben im Zusammenhang der lokal präsenten Industrie eingegangen. Die Arbeit analysiert zudem den Niedergang der Stroh- und Hutgeflechtindustrie, der als Prozess über mehrere Jahrzehnte hinweg verstanden wird. Dabei werden die Gründe für den Abschwung gemäss der Forschungsliteratur mit jenen der Stimmen der Zeitzeug:innen sowie der Zeitungsberichte verglichen und analysiert. Während sich in der Sekundärliteratur vor allem das Narrativ des sich veränderten Modetrends, welcher die Nachfrage nach Hüten sinken liess, durchsetzte, fingen die Interviews individuelle Geschichten und Emotionen ein, welche Nuancen des Niedergangs offenbarten, die in schriftlichen Quellen nicht erfasst wurden. Auch die Zeitzeug:innen nannten die Mode als Ursache für die zurückgehenden Exportzahlen, gingen zudem auf die internationale Konkurrenz sowie die Diversifizierungsmassnahmen ein. Massnahmen seitens der Unternehmen gegen den sich abzeichnenden Abschwung wurden im Detail betrachtet sowie dieser als ein multifaktorieller Prozess verstanden. Die Zeitzeug:innen erlebten den Niedergang auf vielfältige Weise, wobei ein langsames Auslaufen der Industrie deutlich wird. Diese These erhärtet sich zudem durch den zeitlich schwierig verortbaren Abschwung. Im Bezug zu den Auswertungen der Zeitungsberichte fällt auf, dass der Lokalanzeiger auf die jeweiligen Firmenschliessungen meist nur in einem Bericht einging. Dabei wurde den Gründer- sowie Blütejahren besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Mögliche Ursachen für den Niedergang wurden weniger angesprochen, wobei wiederum exogene Gründe wie die allgemeine Absatzkrise oder die Weltwirtschaftssituation genannt wurden. Nicht-lokale Zeitungen hingegen sprachen vielfach internationale Aspekte an und gingen weniger auf die Geschichte der Freiämter Unternehmen ein. Die Erzählweise der regionalen Zeitung erscheint emotionaler und nostalgischer, während die weiteren Schweizer Zeitungsberichte sachlicher und analytischer wirken. Der Niedergang wurde den Zeitzeug:innen zufolge im Dorf kaum thematisiert, weshalb die These einer Verdrängung des ökonomischen Scheiterns, welche sich mittels der Veränderungen im Dorfbild verfestigte, aufgestellt wird. Auch wenn einzelne Gebäude noch heute von der ehemaligen Industrie zeugen, so fallen die Abbrüche von Fabrikgebäuden un-
mittelbar nach der jeweiligen Betriebseinstellung auf. Das Freiämter Strohmuseum, eröffnet im Jahr 1976 rund zwei Jahre nach der Schliessung zweier wichtiger Arbeitgeber, thematisierte in der damaligen Dauerausstellung vor allem die historischen Hintergründe der Stroh- und Hutgeflechtindustrie und liess den Niedergang, welcher im Begriff des Geschehens war, weg.