Tipo di ricerca
Dottorato
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christian
Gerlach
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2019/2020
Abstract
Historiker analysierten die Entwicklungspolitik meist als Erbe der Kolonialzeit, als Instrument der Politik im Kalten Krieg oder als neue Form des imperialen Einflusses der Industrienationen auf Entwicklungsregionen. Diese Ansätze definieren Entwicklungspolitik als einen weitgehend von den Geberorganisationen bestimmten Prozess, in dem ihre wirtschafts- und machtpolitischen Interessen über Konzept, Region und Ziel der Entwicklungsmassnahmen bestimmen. Wie allerdings neuere Forschungen zeigen, waren Entwicklungskonzepte und -projekte selten das Ergebnis einseitiger Implementierung, sondern wurden durch den intensiven Austausch verschiedenster Akteure geprägt. In der historischen Aufarbeitung der Entwicklungsdebatte wurden die Entstehungswege der einzelnen Ansätze bisher zu wenig differenziert untersucht. Um diesem Desiderat der Forschung zu begegnen, untersucht die vorliegende Arbeit die Entwicklungsdiskussionen ausserhalb des Knotenpunktes der staatlichen Entwicklungsinstitutionen in den Geberländern und der UNO. Trotz der deutlichen Prägung der allgemeinen Entwicklungsdiskussion durch diese beiden Player gab es auch andere Stimmen. Insbesondere die Annahme, dass mehr Entwicklung als Lösung für alle Probleme anzusehen sei, wurde zunehmend bezweifelt. So auch innerhalb der sogenannten „UNO des Glaubens“ – dem World Council of Churches (WCC). Um diesen Zusammenhängen genauer auf den Grund zu gehen, untersucht die vorliegende Studie anhand des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung, wie dieses, bevor es 1991 zum allgemeinen Entwicklungsprinzip wurde, von den kirchlichen Akteuren diskutiert und in Entwicklungsprojekte umformuliert wurde. Dazu wird die Entwicklungsdiskussion innerhalb des WCC zwischen 1968 und 1991 genauer untersucht und die einzelnen Faktoren der nachhaltigen Entwicklung in der Entwicklungsdiskussion des Kirchenrates werden herausgearbeitet. In einem weiteren Schritt wird die Verarbeitung dieser theoretischen Grundlagen in den Entwicklungsdiskussionen des indonesischen Kirchenrates bis zur Implementierung im Fallbeispiel des Dorfentwicklungsplanes analysiert. Als der WCC in Uppsala 1968 die Entwicklungspolitik als neuen Schwerpunkt seiner Arbeit definierte, war die Welt von einer Aufbruchsstimmung und dem Glauben, ,alles zu verändern‘, geprägt. Durch die Erfahrung der Übersetzung von ideologisch geprägten Entwicklungskonzepten in realpolitische Entwicklungsmassnahmen und die Erkenntnis, dass diese Übersetzung nicht so problemlos geschah wie erhofft, verlor sich dieser Optimismus zunehmend. Gerade am Fallbeispiel Indonesien, welches im Untersuchungszeitraum (1968 – 1991) von Haji Mohamed Suharto diktatorisch regiert wurde, lässt sich zeigen, wie Entwicklungspolitik nicht von ,aussen implementiert‘, sondern von nationalen machtpolitischen Interessen geleitet wurde. Suharto hatte sich selbst zum ,Vater der Entwicklung‘ ernannt und entwicklungspolitische Massnahmen waren ein Kernelement seiner Regierungslegitimation. Ab 1970 – kurz nachdem der WCC an der Vollversammlung in Uppsala 1968 Entwicklungspolitik als Kernelement der Arbeit der Kirchenräte definierte – begann der indonesische Kirchenrat mit der Ausformulierung eigener Entwicklungsansätze. Dabei reflektierte er sowohl die Ansätze des WCC als auch jene der staatlichen Entwicklungsinstitutionen und schloss – nicht zuletzt wegen einer entsprechenden Anweisung von Seiten der Regierungsbehörde – auch die indonesische Nationalphilosophie der Pancasila ein. So entstand ein eigener Entwicklungsweg zwischen den realpolitischen staatlichen Entwicklungsplänen und den ideologischen Konzepten des WCC. So gesehen produzierten sowohl die Entwicklungsorganisationen des WCC als auch jene des indonesischen Kirchenrates eigenständige Entwicklungskonzepte auf Basis eigener Grundannahmen. In diesen wurde die Diskussion der UNO und der staatlichen Entwicklungsorganisationen reflektiert, es fand jedoch keine komplette Übernahme statt. Anders als in vielen Entwicklungsprojekten des IWF, der Weltbank oder der UNO fand innerhalb der Kirchenräte eine stärkere Anpassung an lokale Konzepte statt. Bei der Analyse konnte deutlich herausgearbeitet werden, dass in Indonesien die Diskussionen zu theoretischen Entwicklungskonzepten des WCC zwar reflektiert wurden, die pragmatische Lösungsfindung jedoch stärker von machtpolitischen Interessen und lokalen Voraussetzungen geprägt war. Die Entwicklungskonzepte, die innerhalb des indonesischen Kirchenrates diskutiert wurden, waren deutlich weniger idealistisch als jene des WCC. T.B. Simatupang forderte 1985 in seiner Eröffnungsrede zu der richtungsgebenden Tagung in Parapat insbesondere die Vertreter der Geberorganisationen auf, die idealistische Entwicklungspolitik der Vergangenheit durch eine neue, pragmatische zu ersetzen. Er sprach in seinem Beitrag weiter von den Herausforderungen der Zukunft für die Entwicklung Indonesiens und betonte dabei, dass die Parteiorganisationen in Europa damit anfangen sollten, an die Realitäten angepasste Entwicklungskonzepte zu entwerfen. Gleichzeitig sollten sie aufhören, Wunder von der Entwicklungsarbeit des indonesischen Kirchenrates zu erwarten, welche nicht erbracht werden könnten; denn, wie Simatupang klarstellte: „We are no magicians“. Kern dieser pragmatischen Ansätze der Entwicklungsabteilungen des indonesischen Kirchenrates war das Dorfentwicklungsprogramm. Ausgehend vom Entscheid, nicht länger von ,westlichen Experten‘ abhängig sein zu wollen, schuf das Development Centre (DC) ein entsprechendes Programm. In diesem sollten lokale ,Experten‘ ausgebildet werden, die nicht wie die ‘westlichen Experten’ in den Zentren sitzen und Entwicklungsbefehle geben, sondern vielmehr als Vorbilder in den Dörfern leben und die lokale Bevölkerung zu Eigeninitiative motivieren sollten. Dazu wurden junge Menschen aus ganz Indonesien zu Entwicklungshelfern ausgebildet, die als ,Motivatoren‘ die Dorfbevölkerung zur Partizipation in der Entwicklung anregen sollten. Durch diese lokalen Entwicklungskräfte wurde der Dorfentwicklungsplan zu einer Mischung aus Modernisierungsbestrebungen und Infrastrukturprojekten der Regierung und sozialen Ansätzen der Partizipation und der Bildung für Entwicklung von Seiten des indonesischen Kirchenrates. In den Absichtserklärungen der Leiter der Entwicklungsabteilungen blieben die idealistischen Schlagworte wie Partizipation der Armen und Kampf für mehr Gerechtigkeit bestehen, doch die tatsächlich umgesetzten Projekte spiegelten ein anderes Bild wider. Kern der Bemühungen im gesamten Dorfentwicklungsprogramm blieb die Modernisierung der Dorfgemeinschaften und die Einbindung ebendieser in eine auf Produktion und Gewinn ausgerichtete Wirtschaftsstruktur. Der Zugang zu neuen Technologien, das Kursangebot und die Unterstützung effizienter Anbautechniken dienten vornehmlich diesem Ziel. Die langfristige finanzielle Unterstützung hing vom Nutzen für die Wirtschaft der Region ab und die Auswahl der Kursteilnehmer erfolgte nach einem Effizienzsystem. Wer in der kürzesten Zeit möglichst viel Neues lernen konnte, wurde gefördert und für Weiterbildungen wurden jene Motivatoren vorgeschlagen, die ‚ihre Dörfer‘ erfolgreich – nach den oben genannten Kriterien – beeinflussen konnten. Die Untersuchung dieser ‚Übersetzung‘ von Entwicklungskonzepten und Aushandlung von entwicklungspolitischen Massnahmen zwischen unterschiedlichen Akteuren bestätigt die These, dass Entwicklungskonzeptionen Resultate wechselseitiger Beeinflussung unterschiedlicher Faktoren und mehrerer Akteure sind und nicht vom Westen einseitig diktiert wurden. Trotzdem ist die Existenz eines Machtgefälles zwischen Geberorganisationen und Empfänger deutlich zu erkennen. Nur sind die Funktionen und der Einfluss der einzelnen Akteure in dieser Beziehung nicht so klar verteilt, wie vermutet werden könnte. Zudem zeigt die Studie deutlich, dass nicht nur das Machtgefälle zwischen Geldgebern in Europa und den nationalen Organisationen berücksichtigt werden muss, sondern auch jenes zwischen nationalen Organisationen und den lokal eingesetzten Entwicklungskräften.