Vom „welschen Äbtlin“ zum Kardinal. Fürstabt Celestino Sfondrati (1644 – 1696) zwischen Mailand, St. Gallen und Rom

Cognome dell'autore
Giuanna
Beeli
Tipo di ricerca
Dottorato
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christian
Windler
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2025/2026
Abstract

Die Erhebung Celestino Sfondratis (1644 – 1696) zum Kardinal im Jahr 1695 bildet zwar eine Ausnahme in der Geschichte der Abtei und der schweizerischen Benediktiner, doch macht gerade sie kommunikative Praktiken sichtbar, mit denen sich benediktinische Akteure und ihre Ordensgemeinschaften aktiv an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen beteiligten und sich geschickt zwischen Observanz – d.h. der Gestaltung des Alltags gemäss den Vorgaben der Ordensregel – und der „Welt“ ausserhalb der Klostermauern bewegten.
 

Die Forschung zum Benediktinerkloster St. Gallen richtet ihren Blick seit jeher auf herausragende Persönlichkeiten, die als prägende Figuren der Klostergeschichte gelten. Mit dem Fokus auf Celestino Sfondrati reiht sich die Studie zwar in diese Darstellungsweisen ein. Zugleich öffnet sie jedoch mit der akteurszentrierten Perspektive den Blick auf aktuelle Fragestellungen der Frühneuzeitforschung. Über den Einzelfall hinaus zeigt sie auf, wie Ordensgeistliche in frühneuzeitlichen katholischen Gesellschaften als zentrale Akteure wirkten und mit ihrem spezifischen Normensystem gemeinsam mit anderen geistlichen und weltlichen Akteuren aktiv an Transformationsprozessen teilnahmen.
 

Basierend auf den reichen Beständen des Stiftsarchivs St.Gallen, des Apostolischen Archivs in Rom, des Archivs des französischen Aussenministerium in La Courneuve, des Familienarchivs der Sfondrati in Como sowie weiteren verstreuten Beständen nähert sich die Studie der Ausgangshypothese: Am Beispiel Sfondratis wird aufgezeigt, dass sowohl die Durchsetzung und Performanz benediktinischer Observanz als auch Praktiken translokaler Verflechtung zentrale Mittel zur Positionierung der Fürstabtei und der Akteure selbst innerhalb der frühneuzeitlichen Universalkirche darstellten. 

Um diese Handlungsspielräume analytisch zu fassen, fokussiert die Untersuchung auf drei zentrale Aspekte: (1) translokale Verflechtungen und Netzwerke, in denen die Abtei und ihr Abt agierten; (2) Observanz als kommunikative Praxis; und (3) Selbstpositionierung im soziopolitischen Raum. 

1) Der Aufstieg Celestino Sfondratis und die Stellung der Abtei St. Gallen lassen sich nur im Kontext eines dichten Netzes translokaler Verflechtungen verstehen. Auch der Benediktineror den orientierte sich an diesem für die Frühe Neuzeit typischen Muster der Einflussnahme. Zwar lag der Ordensgründung die Überzeugung zugrunde, dass transzendente religiöse Werte und Normen grundsätzlich Vorrang haben, woraus die Geistlichen ein „Ideal des Nichtverflochtenseins“ ableiteten. In der Praxis war jedoch eine enge Verflechtung mit der „Welt“ unvermeidlich. Dies galt in besonderem Masse für das Kloster St. Gallen, das als Fürstabtei zugleich geistliche Gemeinschaft und weltlicher Herrschaftsträger war. 

Zentral für die Ausrichtung der Fürstabtei während der Regierungszeit Celestino Sfondratis war die Einbettung in römische Korrespondenznetzwerke. Neben der offiziellen Verbindung über die päpstliche Nuntiatur etablierte Sfondrati eine persönliche Kommunikationslinie zur Kurie, die über einen eigens dafür eingesetzten Agenten lief. Der Zugang zur Kurie war nur über kontinuierliche Vermittlungsleistungen zu sichern. In der frühneuzeitlichen Gesellschaft, die stark auf physischer Präsenz und persönlicher Nähe beruhte, war Distanzkommunikation nur dann wirksam, wenn sie vor Ort durch vertrauensbildende, intermediär vermittelte Beziehungen abgesichert wurde. Eine Schlüsselrolle nahmen dabei der Agent in Rom und die Schwägerin Sfondratis in Mailand, auf halbem Weg zwischen Rom und St. Gallen, ein. Ihre Tätigkeiten waren essenziell für das Funktionieren des Netzwerks, das Sfondrati – und damit zugleich auch die Fürstabtei St. Gallen und die Schweizerische Benediktinerkongregation – mit Rom verband.
 

Die enge Beziehung Sfondratis zu seiner Schwägerin verdeutlicht, dass sich die sozialen Praktiken frühneuzeitlicher Verflechtung trotz institutioneller und spiritueller Abgrenzungsversuche nicht von den Interessen der Herkunftsfamilie lösen liessen. Der wechselseitige Austausch von symbolischem Kapital und Vermittlungsleistungen verdeutlicht, dass monastische Karrierewege eng mit familialen Strategien verschränkt blieben und dass intermediäre Handlungsmacht – insbesondere von Akteur:innen jenseits formaler Machtpositionen – eine zentrale Rolle für die Strukturierung und Stabilisierung translokaler Netzwerke spielte.

2) Observanz bildet ein zentrales Element der Selbstverortung der Fürstabtei St. Gallen. Sie verlieh spirituelle Autorität und diente als Mittel symbolischer Kommunikation: Nach innen regulierte sie das klösterliche Leben, nach aussen repräsentierte sie geistliche Integrität. In dieser doppelten Funktion trug Observanz wesentlich dazu bei, die Abtei als geistliches Zentrum und zugleich als Trägerin territorialer Herrschaft zu legitimieren, gerade im Kontext konfessioneller Spannungen und politischer Umbrüche.

Die zugleich propagierte Intensivierung des Glaubenslebens in den Untertanengebieten diente dazu, Loyalität zu fördern, soziale Kohäsion zu stärken und die symbolische Präsenz der Abtei im Territorium zu festigen. Observanz war damit nicht nur ein Mittel innerer Disziplinierung, sondern zugleich ein performativer Akt symbolischer Kommunikation, der Autorität sichtbar machte und die Legitimität weltlicher wie geistlicher Herrschaft konfessionsübergreifend stabilisierte.

3) Als Zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft war die Abtei in das Geflecht eidgenössischer Bündnisse und Entscheidungsprozesse eingebunden. Zugleich blieb sie auf die Anerkennung und Wahrung ihrer Souveränität durch überregionale Herrschaftsträger angewiesen. Ihr aussenpolitisches Handeln beruhte auf diplomatischer Flexibilität, dem gezielten Einsatz von Netzwerken und Loyalitätsbekundungen sowie der ständigen Vermittlung zwischen konfessioneller Bindung und Staatsräson, wobei die Sicherung innerer Stabilität stets die Voraussetzung für erfolgreiche Selbstbehauptung im überregionalen Raum bildete.


 

Zur Zeit Celestino Sfondratis setzten die Schweizer Benediktiner die Orientierung an Rom als strategische Ressource ein, um ihre Eigenständigkeit zu wahren und ihre Stellung im politischen Gefüge der Eidgenossenschaft zu festigen. Sfondrati selbst nutzte die im Sinne einer frühneuzeitlichen Gesinnungspatronage vermittelte Nähe zu Rom, um sich in einem kirchenpolitischen Feld, das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts tiefgreifenden Umbrüchen unterworfen war, zu positionieren. In über einem Dutzend Traktaten nahm er Stellung zu aktuellen Streitfragen der römischen Kirche. Zunächst stand sein Wirken im Zeichen der Verteidigung des päpstlichen Universalismus gegen den Gallikanismus; mit den wechselnden Pontifikaten verlagerte sich sein Fokus jedoch zunehmend auf die innere Reform der römischen Kurie, insbesondere auf die Kritik am Nepotismus innerhalb des Kurienapparats. Diese thematische Flexibilität, verbunden mit der Fähigkeit, sich an veränderte politische Konstellationen anzupassen, trug massgeblich zu seiner Erhebung zum Kardinal im Dezember 1695 bei.


 

Die Biografie Celestino Sfondratis zeigt, wie familiäre Herkunft, klösterliche Identität und römisch-universalkirchliche Orientierung nicht getrennt nebeneinanderstanden, sondern strategisch miteinander verflochten wurden. Gerade im Zusammenspiel dieser drei Handlungssphären – (I.) Mailand, (II.) St. Gallen und (III.) Rom, dengeografischen Bezugsräume, in die sich die Studie gliedert – entwickelte Sfondrati eine flexible Selbstpositionierung, die nicht nur seine persönliche Karriere ermöglichte, sondern auch die Autonomie der Fürstabtei St. Gallen im ausgehenden 17. Jahrhundert stärkte.

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