In der Masterarbeit wird mittels eines Vergleichs zweier solothurnischer Bezirke untersucht, ob die Konfession im 19. Jahrhundert einen Einfluss auf die Schulverhältnisse hatte. Als Vergleichsbezirke werden in der Arbeit einerseits der reformiert geprägte solothurnische Bezirk Bucheggberg und andererseits der katholisch geprägte solothurnische Bezirk Balsthal-Gäu beigezogen.
Die Methode sowie die Fragestellung der vorliegenden Arbeit werden ausgehend von der Konfessionalisierungs-, der Säkularisierungsforschung sowie Webers Kapitalismusthese entwickelt. Berücksichtigt werden insbesondere Studien, die sich mit dem Einfluss von Realwirtschaft, Wertschätzung und Reformbestrebungen auf die Schule befassten sowie Untersuchungen zu den Phänomenen Konkurrenz sowie protestantisches Milieu. Ferner bedient sich die Arbeit auch der Methode der historischen Diskursanalyse.
Die Analyse der beiden Bezirke erfolgt anhand eines ausdifferenzierten Katalogs von Faktoren, welche auf die Schulverhältnisse Einfluss haben. Nebst dem Einfluss der Konfession werden dabei die Verkehrslage der Gemeinden, deren Funktion als Marktort oder Marktfleck, die geltende Schulgesetzgebung, der Reformeifer, die Wertschätzung der Gemeinden für Schulen sowie das Vorhandensein eines protestantischen Milieus und einer Konkurrenzsituation untersucht. Sodann werden in einem zweiten Teil der Arbeit für jeden der drei Untersuchungszeitpunkte Deutungen der Zeitgenossen betreffend die damals herrschenden Schulzustände und die Schulqualität im Bezirk Bucheggberg analysiert. Damit wird aufgezeigt, welche Rolle die Zeitgenossen in ihren Deutungen dem Faktor Konfession sowie auch anderen Einflussfaktoren beigemessen haben.
Die Analyse der Einflussfaktoren ergab zusammenfassend, dass insbesondere im Zusammenhang mit dem Religionsunterricht (längere Schuldauer, mehr Schulhalbtage) der Einfluss der Konfession auf die Schulzustände signifikant war. Sodann konnte festgestellt werden, dass der reformierte Bezirk — zumindest in einigen der untersuchten Kriterien — vergleichsweise besser abschnitt und dass im reformiert geprägten Bezirk modernere Fächer gelehrt wurden. Es besteht deshalb Grund zur Annahme, dass im reformierten Bezirk Bucheggberg bessere und modernere Schulverhältnisse vorherrschten als im katholischen Bezirk Balsthal-Gäu.
Ein deutlicher Befund, dass die Unterschiede, welche bezüglich der Schulverhältnisse der beiden Vergleichsbezirke festgestellt werden konnten, konfessionelle Ursachen hatten, ergab sich insbesondere auch aus der Untersuchung der zeitgenössischen Diskussionen über die bucheggbergischen Schulverhältnisse. Dabei zeigte sich, dass die Zeitgenossen der konfessionellen Sonderstellung eine wichtige Rolle für die Schulverhältnisse im Bucheggberg beimassen. Im Rahmen der Untersuchung der geführten Debatten wurden die beiden zentralen Diskursstränge „Sonderstellung des Bezirks Bucheggberg in Schulfragen“ und „Abwehr auswärtiger Einflüsse“, welche im untersuchten Zeitraum zwischen 1830 und 1860 kontinuierlich diskutiert wurden, identifiziert. Im Diskursstrang „Sonderstellung des Bezirks Bucheggberg in Schulfragen“ verwiesen die Zeitgenossen deutlich auf den Zusammenhang zwischen der Konfession und den bucheggbergischen Schulverhältnissen. Dabei wurde mehrfach die Wichtigkeit des Religionsunterrichts für die Schule im Bucheggberg respektive der Zusammenhang zwischen dem Religionsunterricht und der Sonderstellung der bucheggbergischen Schulen betont. Die Auswertung des Diskursstrangs „Abwehr auswärtiger Einflüsse“ ergab sodann, dass im Bezirk Bucheggberg nicht nur ein sogenanntes protestantisches Milieu bestand, sondern auch eine ausgeprägte konfessionelle und geografische Konkurrenzsituation gegenüber dem katholischen Raum herrschte. Das protestantische Milieu förderte durch seine Abgrenzungsbemühungen und die damit einhergehende konfessionelle Konkurrenz die Schaffung einer qualitativ möglichst guten und modernen Schule. Die enge Verflechtung des reformierten Religionsunterrichts mit der Schule und die Abgrenzung des reformierten Raums vom restlichen Kanton waren schliesslich denn auch der Hauptgrund, weshalb es im mehrheitlich katholischen Kanton Solothurn lange Zeit unmöglich war, in religionsspezifischen Schulfragen einen gesamtkantonalen Konsens zu finden.
Konfessionelle Schulkultur im Kanton Solothurn im 19. Jahrhundert am Beispiel des protestantischen Bezirks Bucheggberg
Tipo di ricerca
Tesi di master
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Heinrich Richard
Schmidt
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2010/2011
Abstract