The Lord of Heaven in the Inner Chambers: Jesuits, Women, and Domestic Christianity in China (ca. 1580-1690)

Cognome dell'autore
Nadine
Amsler
Tipo di ricerca
Dottorato
Stato
abgeschlossen/terminé
Cognome del docente
Prof.
Christian
Windler
Istituzione
Historisches Institut
Luogo
Bern
Anno
2014/2015
Abstract
Die vorliegende Dissertation geht am Fallbeispiel der jesuitischen China-Mission unter portugiesischem Patronat (ca. 1580-1690) der Frage nach, wie sich lokale Geschlechterverhältnisse unter den speziellen Bedingungen einer Kulturkontaktsituation veränderten. Sie untersucht, welche Geschlechternormen und -praktiken sich im chinesischen Christentum im V erlaufe kultureller Austauschprozesse etablierten und welche Handlungsspielräume sich dadurch für Jesuiten und für chinesische Akteure – insbesondere Frauen, die mit dem Christentum in Kontakt kamen – ergaben. Sie stützt sich dabei auf Missionarskorrespondenzen und Missionsberichte aus römischen und portugiesischen Archiven sowie auf edierte chinesische Quellen aus der Feder von Missionaren, chinesischen Christen und chinesischen Gegnern des Christentums. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil der Arbeit nimmt die Missionare und deren Anpassungsleistungen an die chinesische Gesellschaft in den Blick, während der zweite Teil die Religiosität chinesischchristlicher Frauen ins Zentrum des Interesses rückt. Der erste Teil der Arbeit zeigt auf, dass die Handlungsspielräume sowohl der jesuitischen Missionare wie auch chinesisch-christlicher Akteure massgeblich von konfuzianischen Raumordnungen geprägt wurden, welche Frauen dem häuslichen Bereich und insbesondere den ausschliesslich für sie bestimmten „Inneren Gemächern“ zuordneten. Die Entscheidung der frühen Missionare der Gesellschaft Jesu, sich – anders als später die Missionare der Mendikantenorden – in Bezug auf Kleidung und äusseren Lebensstil an die konfuzianisch geprägte Elite der Literati anzupassen, bahnte den Weg für die Akkommodation an konfuzianische Geschlechternormen. In Anlehnung an die Literati-Elite konstituierte sich auch die jesuitische Männlichkeit im Folgenden stark über einen Habitus, welcher sich aus konfuzianischen Idealen wie jenem der Geschlechtertrennung ableitete. Obwohl die Gesellschaft Jesu ihre Mitglieder zu einem distanzierten Verhältnis zu Frauen anhielt, das sich in den Grundzügen mit dem konfuzianischen Ideal der Geschlechtertrennung vereinbaren liess, führte diese Form der Akkommodation immer wieder zu Rollen- und Normenkonflikten. So erwies sich etwa das den Priestern auferlegte Zölibat als unvereinbar mit der konfuzianischen Kardinaltugend der Filialität, welche Vaterschaft zu einer zentralen Pflicht für alle Männer erklärte. Ausserdem ergaben sich durch die konfuzianische Maxime der Geschlechtertrennung Schwierigkeiten beim Erfüllen pastoraler Aufgaben (Katechese, Sakramentspendung) gegenüber Frauen. Für chinesische Christen ergab sich insbesondere im Bereich der Ehe ein Zielkonflikt zwischen katholischer Norm und chinesischer Praxis. So liessen die Jesuiten konversionswillige chinesische Männer nur zur Taufe zu, wenn sie sich vorgängig von allfälligen Konkubinen getrennt hatten. Dies führte in manchen Fällen zum Verzicht auf oder Aufschub der Konversion. Die Arbeit zeigt auf, dass sich aus dem Umgang mit solchen Problemen aber auch kreative Lösungen ergaben. So entwickelten die Missionare diskursive Strategien, um ihre abweichenden Positionen in chinesische Diskurse einzupassen und/oder gegenüber der konfuzianischen Elite zu rechtfertigen. Ferner kam es zu praktischen Anpassungen, welche die Normkonflikte zumindest abschwächen sollten. Insbesondere achteten die Jesuiten darauf, direkten Kontakt mit chinesischen Frauen wo möglich zu vermeiden. Gegenüber der römischen Kurie wurde dies mit Verweis auf die besonderen sozio-kulturellen Gegebenheiten in China gerechtfertigt. Der zweite Teil der Arbeit zeigt, dass die von den Jesuiten verfolgte Strategie einer weitgehenden Anpassung an konfuzianische Geschlechternormen zu einer bemerkenswerten Unabhängigkeit des religiösen Lebens chinesischer Christinnen führte. Während sich städtische Christen oft in (üblicherweise an die Missionsstation angeschlossenen) Kirchen versammelten und dadurch vermehrten Kontakt zu Missionaren hatten, war der wichtigste Versammlungsort für Christinnen das Hausoratorium, das für Missionare schwer zugänglich war. Im Hausoratorium wurde die Mehrheit (und ab den 1630er Jahren, als die Gründungen von Frauenkirchen einsetzten, die Gesamtheit) der Rituale ohne priesterliche Präsenz abgehalten. Die grosse Unabhängigkeit chinesisch-christlicher Frauen von Priestern stellte aus katholischer Sicht eine Benachteiligung dar, hatten Frauen doch nur sehr beschränkten Zugang zu den Sakramenten. Sie verlieh Frauen aber in vielen Bereichen auch bemerkenswerte Handlungsmacht: V or allem ältere Frauen nahmen in den weiblichen Kongregationen wichtige Rollen als Laienführerinnen und Katechetinnen ein. Innerhalb des Haushalts spielten Matronen und insbesondere Witwen ausserdem eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der religiösen Identität der Familie. Um die enge V erbindung zwischen häuslichem Bereich und der Religiosität chinesischchristlicher Frauen zu bezeichnen, wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff des „häuslichen Christentums“ (domestic Christianity) eingeführt. In Anlehnung an neuere Forschungen zu chinesischer Religiosität, welche anstelle formalisierter religiöser Zugehörigkeit die (nur in Ausnahmefällen an ein Bekenntnis gebundene) religiöse Praxis in den Vordergrund rückt, geht die Arbeit dabei von einem breiten Verständnis des chinesischen Christentums aus, nach welchem diesem nicht nur Konvertiten und Konvertitinnen zuzurechnen sind, sondern auch Personen, die mit dem Christentum sympathisierten und/oder sich lediglich einzelner christlicher Heilspraktiken – etwa Praktiken im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit versprechenden Devotionalia – bedienten. Dieses breite Verständnis des chinesischen Christentums impliziert, dass verschiedene weibliche Personengruppen unterschiedlich starke Bindungen zum Christentum aufbauten, was mit einer variierenden Nähe ihrer christlichen Religiosität zu anderen Formen chinesischer Religiosität einherging. So wiesen etwa die zahlreichen weitgehend auf sich selbst gestellten christlichen Kongregationen, die von Frauen aus eher ärmeren, bedeutungslosen Literati-Familien angeführt wurden, eine auffallende Nähe zu buddhistischen Frauenkongregationen auf. Auf der anderen Seite lässt sich bei Frauen, die aus einflussreichen christlichen Beamten- Familien mit engem Kontakt zu Missionaren stammten, ein starker Grad der Interiorisierung christlicher Normen feststellen. Einige dieser Frauen wurden im fortschreitenden siebzehnten Jahrhundert wichtige Mäzeninnen des chinesischen Christentums, welche Missionare und Gemeinden mit grosszügigen Geld- und Sachgeschenken unterstützten. Die Religiosität chinesisch-christlicher Frauen unterschied sich insgesamt markant von der posttridentinischen Religiosität ihrer europäischen Religionsgenossinnen. Letzteren war zwar die Idee eines geschlechtergetrennten Gottesdienstes nicht gänzlich fremd; in europäischen Kirchen des siebzehnten Jahrhunderts wurden etwa vermehrt separate Kirchbänke für Männer und für Frauen eingerichtet. Europäische Frauen nahmen aber im gleichen Mass wie Männer an den zahlreichen öffentlichen und klerikalen Ritualen posttridentinischen Zuschnitts teil. Dies war undenkbar in China, wo öffentlich abgehaltene, gemischtgeschlechtliche Rituale schnell in den Verdacht der Häresie kamen und somit in den Fokus der Obrigkeit gerieten. Die Religiosität chinesisch-christlicher Frauen des siebzehnten Jahrhunderts ist deshalb ein eindrückliches Beispiel dafür, dass in der katholischen Kirche in der Zeit nach dem Konzil von Trient bei weitem nicht nur ein Prozess der Standardisierung und Integration in Gang kam, sondern das Ausgreifen der Kirche in neue kulturelle Kontexte gleichzeitig bemerkenswerte Prozesse der Hybridisierung und Diversifizierung anstiess.

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