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(Un-)sichtbare Präsenz? Sammeln, erschliessen, archivieren und valorisieren von individuellen Zeugnissen im Zeitalter von Corona

Autor / Autorin des Berichts: 
Anna Janka
anna.janka@unibe.ch
Institut für Digital Humanities, Universität Bern

Zitierweise: Janka , Anna: (Un-)sichtbare Präsenz? Sammeln, erschliessen, archivieren und valorisieren von individuellen Zeugnissen im Zeitalter von Corona, infoclio.ch Tagungsberichte, 08.10.2021. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0231>, Stand: 05.12.2021.

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In den sozialen Medien teilen Menschen ihre Meinungen zu gesellschaftlich relevanten Themen sowie ihre alltäglichen Erfahrungen. Diese Beiträge ergänzen die öffentliche Berichterstattung der etablierten Medien und die offiziellen Informationen der Behörden, wie sich jüngst in der Corona-Pandemie zeigte. Doch auch bei anderen aktuellen Themen wie der Klimakrise, Black Lives Matter oder dem Frauenstreik nutzen Akteurinnen und Akteure den digitalen Raum für ihre Diskursbeiträge. Die Online-Plattformen bieten dabei auch marginalisierten Gruppen eine Möglichkeit, ihre Lebensrealität und die daraus resultierenden Positionen zu kommunizieren. Oftmals handelt es sich jedoch um Ereignisse, die sehr kurzfristig auftauchen und dann mindestens genauso zügig wieder von der Bildfläche verschwinden. Deshalb stellt sich die Frage, wie die Erfahrungsberichte langfristig archiviert werden können. Um über diese Herausforderung mit verschiedenen Erinnerungs- und Forschungsinstitutionen zu diskutieren, luden ALAIN DUBOIS (Sion), ENRICO NATALE (Bern) und TOBIAS HODEL (Bern) zu einem Workshop ins Bernische Historische Museum ein.1

Der Anlass lässt sich grob in drei Teile gliedern. In einem ersten wurden fünf aktuelle Sammlungsprojekte aus der Schweiz vorgestellt. Die Referierenden hoben dabei besonders die Herausforderungen hervor, die die Projektdurchführung mit sich brachte. ALINE MINDER (Bern) und LUKAS GERBER (Bern) stellten ihre Sammlung Corona-Zeit – Zeig was bleibt! vor, in der durch partizipatives und kuratorisches Sammeln 140 Gegenstände zur Corona-Pandemie aus dem Alltag der Bevölkerung zusammengetragen wurden. Aus dieser Erstauswahl wurden 30 Objekte für die langfristige Sicherung ausgewählt. Um die Alltagsgegenstände in einen Bezug zur Coronakrise zu setzen, wurden anschliessend Interviews mit ihren ehemaligen Besitzerinnen und Besitzern geführt. So sollten Zeitdokumente gesichert werden, die Narrative von Privatpersonen wiedergeben, deren Erfahrungen ansonsten nur schwer fassbar wären. Allerdings sei es trotz der Sammelaufrufe in zwölf verschiedenen Sprachen zu einer Unterdokumentation migrantischer und marginalisierter Bevölkerungsgruppen gekommen, so die Referierenden. Des Weiteren sei es komplex gewesen, bereits zu Beginn der Pandemie zu antizipieren, welche Objekte für künftige Generationen relevant sind. Überdies müssten «gute» Objekte jeweils auch zu der sammelnden Gedächtnisinstitution passen. Rein ressourcentechnisch sei es nicht möglich, dass ein einzelnes Museum alles erfassen könne. Daher sei es wünschenswert, dass die Gedächtnisinstitutionen künftig bei der Sammlung von Objekten zusammenarbeiten.

Das Ziel von Alain Dubois war es, eine 360-Grad-Erinnerung an die Corona-Pandemie festzuhalten, d.h. er sammelte im Staatsarchiv Wallis neben offiziellen Quellen und Medienberichten aus Radio (Canal 9) und Zeitung (Le Nouvelliste) auch private Zeugnisse aus dem Leben der Walliserinnen und Walliser. So wurde zu Beginn der Pandemie die Kampagne #témoinsducovid19 lanciert und die Walliser Bevölkerung in den sozialen Medien sowie der Lokalpresse dazu aufgerufen, ihre Erfahrungsberichte an das Archiv zu senden. Dabei gingen vor allem während des ersten Lockdowns zahlreiche Fotos, Videos, Tagebucheinträge und Briefkorrespondenzen ein. Diese individuellen Berichte bereicherten dem Archivar zufolge den Quellenkorpus, denn sie dokumentieren den Einfluss von Corona auf den Alltag der Menschen und zeigen so eine erweiterte Perspektive auf das Geschehen. Die grösste Herausforderung sei dabei gewesen, dass das Archiv aufgrund des unerwarteten Ausbruchs der Pandemie zu einer zügigen Auswahl der Materialien gezwungen war. Dadurch konnte nicht sorgfältig evaluiert werden, welche Objekte auch nachhaltig von Bedeutung sein könnten. Die Archivierung sei daher stark von Emotionen geprägt gewesen, fügte Dubois an.

FABIAN WÜRTZ (Zürich) stellte die Arbeit des Schweizerischen Sozialarchivs zum Frauen*streik 2019 vor. Dabei speicherten die Forschenden am Streiktag zuvor selektierte Webseiten und Accounts von Aktivistinnen und Aktivisten durch Webarchivierung ab. Durch dieses Vorgehen konnten jedoch keine Interaktionen zwischen den unterschiedlichen Plattformen und Accounts gesammelt und der netzwerkartige Aufbau der sozialen Medien nicht festgehalten werden. Zudem gelang es den Forschenden durch diese Methodik nur einen bestimmten Teil und keinen breiten Schnitt der Gesellschaft zu erfassen. Laut dem Referenten sei es deswegen ihre Vision, in Zukunft ein themen-basiertes Harvesting durchzuführen, bei dem durch Hashtags über mehrere Plattformen hinweg Beiträge gesammelt werden. Dies stelle die Forschenden allerdings vor die technische und urheberrechtliche Herausforderung, überhaupt an die Daten auf den Internetplattformen zu gelangen. Hinzu komme die Schnelllebigkeit und Vielfältigkeit der sozialen Medien, die zu einem grossen IT- und Personalaufwand für die Institutionen führen. Zuletzt erklärte Würtz, dass neben sozialen Medien auch Webseiten eine interessante Quelle darstellen, die bei der Archivierung unbedingt berücksichtigt werden sollte. Beispielhaft stellte er die Crowdsourcing-Webseite www.1406.ch des Frauen*streik-Kollektivs Zürich vor. Insgesamt wurden auf dieser Webseite 360 verschiedene Frauenstreik-Events aus der ganzen Schweiz kartografisch verortet. Dabei wurden diverse Metadaten zu den einzelnen Events erfasst und Aktivistinnen und Aktivisten konnten Bilder und Videos zu den jeweiligen Anlässen hochladen. Das Crowdsourcing habe jedoch auch auf dieser Webseite nur in geringem Masse funktioniert. Diesbezüglich sieht Würtz eine Möglichkeit für die Archive, in Zukunft mit Aktivistinnen und Veranstaltern direkt zusammenzuarbeiten und diese bei der Erstellung und Sicherung der Daten zu beraten.

SONJA GASSER (Bern) ist Teil eines vierzehnköpfigen Projektteams bestehend aus Forschenden der USI in Lugano, infoclio.ch und der Universität Bern, die gemeinsam im April 2020 das partizipative Archiv Corona-Memory.ch ins Leben gerufen haben. Auf den sozialen Medien Twitter, Facebook und Instagram sowie in den klassischen Massenmedien riefen sie die schweizerische Bevölkerung dazu auf, ihre Erinnerungen und Erlebnisse der Corona-Pandemie auf die Webseite zu laden. Um auch digital unerfahrenen Personen die Partizipation zu ermöglichen, erstellten die Projektverantwortlichen Anleitungsvideos und verteilten Postkarten zur Einreichung analoger Beiträge. Insgesamt kamen so im Laufe eines Jahres 639 Bild-, Video-, Text- und Audiobeiträge zusammen. Die grösste Herausforderung lag der Referentin zufolge darin, die Schweizer Bevölkerung zum Crowdsourcing zu motivieren. Interessanterweise führten insbesondere Aufrufe über die klassischen Medien zu einem starken Anstieg der digitalen Einsendungen, während die Mobilisierung über die sozialen Medien weitestgehend ins Leere lief. Eine weitere Herausforderung sah Gasser in der ausgewogenen Widerspiegelung der Lebensrealitäten in der Pandemie, da die Beiträge auf Corona-Memory.ch überwiegend positiv konnotiert sind. Das Teilen ökonomisch, sozial oder gesundheitlich negativer Erfahrungen belief sich auf einen einstelligen Prozentbereich.

Um ein repräsentatives Bild der Corona-Pandemie zu sichern, lies ANTOINE GLAENZER (Delémont) das Staatsarchiv des Kantons Jura Anfang des Jahres 2020 proaktiv drei unterschiedliche Arten von Daten sammeln. Zum einen wurden die verschiedenen Dienststellen der Verwaltung im Kanton Jura dazu aufgerufen, Angaben zu den von ihnen implementierten Restriktionen zu machen. Diese wurden dann durch audiovisuelle und schriftliche Medienbeiträge ergänzt, die dokumentieren, wie die Menschen auf diese Veränderungen in ihrem Alltag reagierten. Zudem wurde durch die Online-Befragung eines unabhängigen Unternehmens die Einstellung der Bevölkerung zur Pandemie und den damit einhergehenden Restriktionen untersucht. Um die Datenarchivierung zu ermöglichen, muss laut Glaenzer einerseits eine juristische Grundlage bestehen, die das Sammeln und Abspeichern der Daten legalisiert. Andererseits ist auch die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Institutionen nötig, da die ressourcentechnisch anspruchsvolle Sammelleistung nur so erbracht werden könne. Da es sich um riesige Datenmengen handle, müssten sich die Gedächtnisinstitutionen zudem Gedanken darüber machen, welche Zeitzeugnisse in welchem Format in die Sammlung aufgenommen werden sollen und wie ein Ordnungssystem für die verschiedenen Erinnerungen implementiert werden könne. Zudem müsse die Vertraulichkeit der Daten auch über Jahre hinweg gewährleistet werden.

Im Anschluss an die Präsentationen sprach der Historiker FRÉDÉRIC CLAVERT (Esch-sur-Alzette, Luxembourg) über seine Forschung, die unter anderem die Sammlung und Analyse von über 9'000'000 Tweets zum Ersten Weltkrieg umfasst.2 Clavert sammelt aktuell Tweets mit französischsprachigen Hashtags zur Corona-Pandemie. In seinem Vortrag ging er auf die dabei verwendeten Methoden und die Herausforderungen in der Arbeit mit Twitter ein. Twitter ist eine soziale Plattform, die sich durch einen hohen Informationsfluss auszeichnet. Beim Versuch, die Fülle an Beiträgen festzuhalten und Tweets für die spätere Analyse abzuspeichern, spielt laut Clavert der Sammlungszeitpunkt eine entscheidende Rolle: Ob ein Tweet zum Zeitpunkt der Erstellung oder erst viel später festgehalten wird, hat einen Einfluss auf die Anzahl der mitarchivierten Retweets und Likes und auch das Twitter-Interface selbst unterliegt stetigen Veränderungen. Anhand eines Tweets von Barack Obama im Jahr 2012 verdeutlichte Clavert die Schwierigkeit des Archivierens von Twitterbeiträgen. Da sich Twitter durch viel Interaktivität und einen netzwerkartigen Aufbau auszeichnet, liege ein weiteres Problem darin, die gesamte Reichweite eines Tweets festhalten zu können. Nach dem heutigen Forschungsstand sei es noch nicht möglich, Diskussionen, die sich aus unterschiedlichen Tweets zusammensetzen, zu archivieren, ohne dass dabei die netzwerkartige Struktur der sozialen Medien verloren geht. Tweets können einerseits durch Scraping und andererseits durch die Nutzung eines application programming interface, kurz API, erfasst werden. Zwar komme die Scraping-Methode bei der Sammlung von Beiträgen in den sozialen Medien häufiger zur Anwendung und sei auch weniger restriktiv als das Sammeln mittels eines API. Da das Scraping allerdings nicht mit den Twitter-Benutzerregeln vereinbar ist, könne die Verwendung dieser Technik mit juristischen Schwierigkeiten einhergehen. Aus diesem Grund wendet Clavert die Technik des API in seiner Forschung an, wobei nur öffentliche, nicht aber private Tweets oder persönliche Nachrichten der Userinnen und User erfasst werden können. Da wir uns in einem Zeitalter des Überwachungskapitalismus befänden, sei es wichtig, bei den Erhebungsmethoden ethische Überlegungen mit einfliessen zu lassen und auch rechtliche Vorgaben zu berücksichtigen. Die Sammlung sollte ohne Folgen für die Userinnen und User der sozialen Medien ablaufen und ihre Privatsphäre müsse stets respektiert und geschützt werden.

Im dritten Teil folgte ein gemeinsamer Austausch in Arbeitsgruppen und anschliessend eine Paneldiskussion, die von Tobias Hodel geleitet wurde. Die Panelteilnehmenden RACHEL HUBER (Luzern), HEIKE BAZAK (Bern), Alain Dubois, LUKAS GERBER (Bern) und Enrico Natale tauschten sich unter anderem über die Ausbildung künftiger Forschender sowie Mitarbeitender von Museen und Archiven aus und kamen zum Schluss, dass das Thema der Digitalisierung und die Arbeit mit Datenbanken in den Ausbildungsinstitutionen stärker gefördert werden sollte. Zudem teilten die Panelverantwortlichen die Meinung, dass die Ressourcen der Gedächtnis- und Forschungsinstitutionen gebündelt werden müssten, wie bereits in mehreren Referaten betont worden war. So stünden zum einen mehr Fachwissen, Personal und Geldmittel zur Verfügung, zum andern tauchten bei den verschiedenen Projekten jeweils ähnlich Probleme auf. Deswegen sollten der aktive Dialog und eine engere Absprache zwischen den Gedächtnisinstitutionen in Zukunft nicht vernachlässigt werden.

Durch die Tagung konnten zahlreiche Herausforderungen thematisiert und einige neue Fragen formuliert werden. Viele dieser Fragen wurden allerdings während des Workshops nicht geklärt. So blieb bezüglich der Archivierung etwa offen, wie die Netzwerkartigkeit der sozialen Medien erhalten bleiben kann oder wie mit Fake-News und Beiträgen von Coronavirus-negierenden Personen umzugehen ist. Unbeantwortet blieb auch die zentrale Frage, wie Personen aus allen Bevölkerungsschichten erreicht und zum Crowdsourcing motiviert werden können. In weiteren Veranstaltungen, die Möglichkeiten zum Austausch bieten, sollten diese Herausforderungen gemeinsam angegangen werden, damit Forschende und Mitarbeitende von Gedächtnisinstitutionen bei zukünftigen Projekten mit ihnen umzugehen wissen.




Anmerkungen

1 Anna Janka ist Hilfsassistentin im Bereich Forschung und Lehre am Institut für Digital Humanities an der Universität Bern, das den Workshop mitorganisierte.
2 Die Slides zu Frédéric Claverts Keynote sind auf der Plattform Slide online verfügbar.


Programm

Präsentation von fünf Sammlungsprojekten in der Schweiz:

Aline Minder und Lukas Gerber (Bernisches Historisches Museum): Corona-Zeit. Zeig, was bleibt!

Alain Dubois (Archives d'Etat du Valais): Témoins du COVID-19

Fabian Würtz (Schweizerisches Sozialarchiv): Frauen*steik 2019

Sonja Gasser (Digital Humanities, Universität Bern): corona-memory.ch

Antoine Glaenzer (Archives cantonales du Jura): Enquête et pandémie

Keynote:

Frédéric Clavert (Université du Luxembourg): Crise, flux et archives: méthodologies de la collecte des médias sociaux


Austausch in Arbeitsgruppen und Paneldiskussion: «(Un-)sichtbare Präsenzen? Neue Herausforderungen»:

Rachel Huber (Universität Luzern)
Heike Bazak (PTT Archiv)
Alain Dubois (Archives d'Etat du Valais)
Lukas Gerber (Bernisches Historisches Museum)
Enrico Natale (infoclio.ch)

Veranstaltung: 
(Un-)sichtbare Präsenz? Sammeln, erschliessen, archivieren und valorisieren von individuellen Zeugnissen im Zeitalter von Corona
Organisiert von: 
Digital Humanities@Universität Bern, Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA), Historisches Museum Bern, Museum für Kommunikation, infoclio.ch
Veranstaltungsdatum: 
09.09.2021
Ort: 
Bern
Sprache: 
d
Art des Berichts: 
Conference
Dateianhänge: