CfP: traverse 3/2027 - Poison/Gift

15. Juni 2026
Call for papers

Hgg. Tina Asmussen, Sabine Pitteloud, Tiphaine Robert, Maria Tranter

Gift, in all seiner Vielgestaltigkeit, ist in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft omnipräsent. Ob eingenommen, inhaliert, absorbiert, oder in der Erde und in der Luft verbreitet, toxische Substanzen wirken sich bis heute auf Körper, Umwelten, Ökonomien und politische Strukturen aus. Doch ist «Gift» weder eine stabile noch eine selbst-evidente Kategorie. Was als Gift gilt, für wen und unter welchen Bedingungen, wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder ausgehandelt und neu bestimmt – geprägt von sich wandelnden Epistemologien, veränderten ökonomischen Interessen und Regulierungsregimen sowie von kulturspezifischen Vorstellungen von Natur, Körper und Risiko.

Dieses Themenheft schlägt eine transepochale Untersuchung der Geschichte toxischer Substanzen vom Mittelalter bis heute vor, die in der Material- und Stoffgeschichte verankert ist (Haumann et al., 2023). Indem wir die Substanzen selbst als historische Objekte in den Mittelpunkt der Analyse stellen – von ihrer Gewinnung oder Synthese über ihre Zirkulation in Handelsnetzwerken und ihrem Konsum bis hin zu Anwendung, Reglementierung und Entsorgung – lassen sich Gifte über analytische Felder hinweg verfolgen, die üblicherweise separat untersucht werden: von der Mine oder dem Labor bis zum Markt, vom Körper bis in den Gerichtssaal, von der lokalen Umgebung bis zu globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten. Die materiellen Eigenschaften dieser Stoffe, etwa ihre Volatilität, Dauerhaftigkeit, Bioakkumulation oder Latenzzeit, sind dabei keine blossen Begleitumstände, sondern massgebliche Bestandteile ihrer Geschichte.

Wir suchen Beiträge, die materielle Aspekte mit kultur-, rechts- oder sozialgeschichtlichen Perspektiven oder mit der Wirtschafts-, Technik- und Umweltgeschichte verbinden. Die Grenze zwischen «Gift» und «Heilmittel», zwischen dem, was als schädlich gilt, und dem, was als gesundheitsfördernd erscheint, ist historisch kontingent. Die Toxizität erweist sich demnach relational, kontextgebunden, und umstritten. Dazu operiert die Belastung giftiger Stoffe ganz unterschiedliche Zeitrahmen, von dem akuten Anlass der absichtlichen Vergiftung zum langsamen, kumulativen, oft kaum wahrnehmbaren Prozess der Umweltbelastung, die von Rob Nixon (2011) als «slow violence» bezeichnet wurde. Eine Geschichte der Substanzen ist besonders geeignet, diese unterschiedlichen zeitlichen Dynamiken sichtbar zu machen.

Die Regulierung toxischer Substanzen war noch nie eine simple Anwendung öffentlicher Autorität. Sie setzt vielmehr gesellschaftlich hervorgebrachte Toleranzen gegenüber Risiken sowie die Normalisierung eines Kontaktes mit Giftstoffen voraus (Boudia und Jas, 2019); auch scheinbar objektive Grenzwerte und Schwellen werden nicht allein durch wissenschaftliche Evidenz, sondern ebenso durch politische und wirtschaftliche Interessen geprägt. Die Toxizität von Substanzen ist oft bereits bei ihrer Verbreitung erkannt worden, doch haben mächtige Akteure wiederholt Zweifel gesät, um Regulierung aufzuschieben (Oreskes und Conway, 2010), oder mögliche Skandale zu unterdrücken versucht. (Henry, 2021) Gleichzeitig haben toxische Substanzen nie alle Körper und Umwelten gleichermassen betroffen: insbesondere marginalisierte Gruppen – etwa entlang von Klasse, Ethnizität, Gender, Machtasymmetrien oder Kolonialismus – sind historisch gesehen disproportional von den Folgen toxischer Expositionen und Vergiftungen betroffen gewesen (Liboiron, 2021 ; Nixon, 2011 ; Taylor, 2014 ; Jarrige et Le Roux, 2017).

Beiträge zu allen Epochen und geografischen Regionen sind willkommen. Die Einsendungen können sich auf ein bestimmtes Thema, einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Region beziehen oder einen vergleichenden und vernetzten Ansatz verfolgen. Folgende Fragen dienen als Anregung:

  • Wie wurden bestimmte giftige Substanzen im Laufe der Zeit identifiziert, gewonnen, synthetisiert, vermarktet und konsumiert, und wie haben ihre materiellen Eigenschaften die Möglichkeiten ihrer Erkennung und Regulierung beeinflusst?
  • Wie wurde die Grenze zwischen «Gift» und «Heilmittel», zwischen Toxizität und Unbedenklichkeit neu gezogen und verhandelt – und durch welche Akteure?
  • Welche Rolle spielten alltägliche oder handwerkliche Wissensformen im Zusammenspiel oder in Konkurrenz mit Bewertungen von Toxizität durch anerkannte Experten und Institutionen?
  • Wie wurden Kategorien – Belästigung, Berufskrankheit, Umweltverbrechen – als Reaktion auf giftige Substanzen entwickelt, und wie wurden sie von teilweise konkurrierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen geprägt?
  • Wie war die vorsätzliche Vergiftung als Straftat in der Rechtspraxis und die ökologische und industrielle Dimension der Exposition gegenüber giftigen Substanzen verflochten?
  • Welche Bevölkerungsgruppen, Körper und Umwelten waren in besonderem Masse von Vergiftungen und toxischen Belastungen betroffen, und wie prägten Klasse, Ethnizität, Gender, Alter, Beschäftigung oder koloniale Machtverhältnisse die historische Verteilung von Exposition, Risiko und Schaden?
  • Wie haben die betroffenen Bevölkerungsgruppen ihre eigene Gefährdung durch Gifte erkannt, zum Ausdruck gebracht und Massnahmen dagegen ergriffen?
  • Wie wurden giftige Substanzen in Literatur, Kunst und Populärkultur problematisiert und angeprangert, und inwiefern haben die symbolischen Bedeutungen des Giftes die materiellen Realitäten der Kontamination beeinflusst?
  • Wie haben bestimmte Produktionstechnologien (Schmelzen, Amalgamieren, industrielle Chemie) neue toxische Risiken hervorgebracht, und wie haben Detektions- und Sanierungstechnologien die Art und Weise geprägt, wie mit Giften umgegangen wurde?
  • Inwiefern verändern oder verlagern die Deindustrialisierungs- sowie breitere industrielle Transformationsprozesse die Exposition gegenüber toxischen Substanzen in den betroffenen Gemeinden und Orten? Wie wurden die Definition sogenannter «Opfergebieten» und Initiativen zur Umweltsanierung geprägt, und mit welchen Ergebnissen?

Die Beiträge werden im Heft 3/2027 der traverse veröffentlicht. Die Artikel dürfen eine maximale Länge von 30’000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) haben und werden einem double blind peer review Verfahren unterzogen. Alle Informationen zu formalen Aspekten sowie einem Stylesheet finden sie hier.  Abstracts (ca 500 Wörter) und eine kurze biographische Angabe schicken Sie bitte vor dem 15. Juni 2026 an: m.tranter@unibas.ch. Die Autor :innen werden spätestens am 30. Juni von den Bandherausgeber :innen über Ihre Aufnahme in den Band informiert. Die Abgabefrist für fertige Beiträge ist der 15. Oktober 2026.

Referenzen

Boudia, Soraya; Jas, Nathalie, Gouverner un Monde Toxique, Versailles, 2019.

Haumann, Sebastian; Roelevink, Eva-Maria; Thorade, Nora; Zumbrägel, Christian (éd.), Perspektiven auf Stoffgeschichte: Materialität, Praktiken, Wissen, Bielefeld, 2023.

Henry, Emmanuel, La fabrique des non-problèmes: ou comment éviter que la politique s’en mêle, Paris, 2021.

Jarrige, François; Le Roux, Thomas, La contamination du monde: Une histoire des pollutions à l’âge industriel, Paris, 2017.

Liboiron, Max, Pollution Is Colonialism, Durham, NC, 2021.

Nixon, Rob, Slow Violence and the Environmentalism of the Poor, Cambridge, MA, 2011.

Oreskes, Naomi; Conway, Erik M., Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, New York, 2010.

Taylor, Dorceta E., Toxic Communities: Environmental Racism, Industrial Pollution, and Residential Mobility, New York, 2014.

Organisiert von
traverse - Zeitschrift für Geschichte

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