Geteiltes Neuland. Schauplätze des Zusammenlebens und Arbeitens in der Podkarpatská Rus/Karpato-Ukraine, 1919–1939 (Arbeitstitel)

AutorIn Name
Berenika
Zeller
Art der Arbeit
Dissertation
Stand
laufend/en cours
DozentIn Name
Prof.
Julia
Richers
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Als die westlichste Region der heutigen Ukraine nach dem Ende des Ersten Weltkriegs von Ungarn abgetrennt und der Ersten Tschechoslowakischen Republik (ČSR) zugeteilt wurde, sollte die bis dahin kaum bekannte und von Armut geprägte Region in den neuen Staat integriert werden. Neben dem Bau von Verkehrs- und Kommunikationsnetzen wurden tausende Neusiedler:innen, darunter zahlreiche Beamte, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Polizisten, Grenz(finanz)wächter und Lehrerinnen, in den folgenden zwei Dekaden in den Karpatenraum beordert und beteiligten sich am infrastrukturellen «Aufbau» («budování») der Region, die fortan «Podkarpatská Rus» genannt wurde. Diese Eingriffe veränderten tiefgreifend das kulturelle, soziale und politische Gefüge einer Bevölkerung, die lange an Ungarn gebunden war.

Die Dissertation untersucht das Zusammenleben der Akteure der ČSR vor Ort und die Reaktionen der lokalen Bevölkerung im Zeitraum von 1919 bis 1939. Im Zentrum stehen die vielschichtigen Aushandlungen zwischen staatlichen Akteuren, Organisationen wie dem Tschechoslowakischen Roten Kreuz und den multiethnischen, mehrsprachigen Gemeinschaften der Region. Über Berufsgruppen als analytischen Zugang werden nationale und ethnische Kategorien dezentriert und aufgezeigt, wie Macht, Identitäten und Zugehörigkeiten zwischen 1919 und 1939 in verschiedenen Schauplätzen geteilten Arbeitens auf unterschiedlichen Ebenen – staatlich, institutionell sowie biographisch und mikrohistorisch – neu verhandelt wurden.

Theoretisch knüpft die Arbeit an postkoloniale Ansätze an, an Konzepte wie Hybridität und Third Space (Bhabha) sowie an Habsburg Postcolonial (Feichtinger u. a.). Sie hinterfragt nationalzentrierte Geschichtsschreibung, indem sie klassen-, geschlechts- und berufsübergreifende Dimensionen betont. Besonderes Augenmerk liegt auf geschlechtsspezifischen Berufsgruppen – etwa Krankenschwestern, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Grenzbeamten und Schmugglern –, deren Praktiken sich in Schulen, Gesundheitsinstitutionen, an der Grenze und im Alltag der Region entfalteten.

Die Podkarpatská Rus wird anhand von Schauplätzen untersucht und erweist sich dabei als von den Ambitionen des tschechoslowakischen Staates ebenso geprägt wie von Alltagsstrategien der Lokalbevölkerung. Sie erscheint so als dynamischer Raum, in dem sich soziale Grenzen fortwährend neu formten.