Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Joachim
Eibach
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2013/2014
Abstract
Bei der vorliegenden Masterarbeit handelt es sich um eine Fallstudie im Bereich der Mikrogeschichte, welche im Gebiet der Alltags- und Familiengeschichte anzusiedeln ist. Anhand der Familienrundbriefhefte der Pfarrfamilie Rohr-Riggenbach und den Memoiren der Mutter werden die Bedeutung und der Stellenwert der Familie untersucht. In der Forschung galt lange Zeit die Auffassung, dass seit dem Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ein kontinuierlicher Niedergang der Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen stattfand. Laut dem amerikanischen Historiker David Warren Sabean („Kinship in Europe“) gab es jedoch keinen solchen Bedeutungsrückgang. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht: Was verstand die Familie Rohr-Riggenbach unter „Familie“? Welche Beziehungen hatten die Familienmitglieder untereinander? Trifft Sabeans These auch auf diese Familie zu? Welche Bedeutung hatte das Pfarrhaus für die Familie? Wer ging im Pfarrhaus ein und aus? Worüber wurde in den Familienheften geschrieben und worüüer wurde nicht berichtet?
Als der letzte Sohn Peter im Jahre 1919 aus dem Elternhaus in Hilterfingen auszog, lancierte die Mutter Emilie Rohr-Riggenbach die Familienrundbriefhefte. Das ursprüngliche Ziel der Mutter war es, den Kontakt zwischen den Familienmitgliedern aufrecht zu halten. Dank den Heften konnte sie alle sechs Kinder mit einem Brief erreichen. Die Hefte zirkulierten bis im Jahre 1947 unter den engsten Familienmitgliedern. In diesen Jahren wurden 86 Hefte beschrieben. Durch das Sammeln der Rundbriefhefte wurden diese vermehrt zu einer Familienchronik. Diese besondere Art der Familienkorrespondenz half auf eine effiziente Weise die geografische Distanz zwischen den Familienmitgliedern zu überwinden. Durch die dichte Korrespondenz wurde die Familienidentität definiert, befestigt und bewahrt. Diejenigen, welche in den Familienrund-briefheften mitschreiben konnten, hatten einen festen Platz im Kreis der engsten Familienmitglieder. Wer zur Familie gehörte, war auch an gewisse familiäre Pflichten gebunden. Ab der Verlobung durften sich auch die Partner der Geschwister an den Familienheften beteiligen. Sie gehörten ab diesem Zeitpunkt nicht nur praktisch, sondern auch symbolisch zum vertrauten Familienkreis. Durch die Aufnahme in die Familie verpflichteten sie sich, regelmässig in die Briefhefte zu schreiben. Aus den Einträgen in den Rundbriefheften lässt sich ein gegenseitiges Helfen und Unterstützen herauslesen. Als Familie stand man sich sowohl in guten Zeiten, wie bei einer Geburt eines Enkels, als auch in schlechten Zeiten, beispielsweise bei einem Todesfall oder bei ökonomischen Schwierigkeiten, zur Seite. In zahlreichen Rundbriefen empfahlen sie sich Lektüren, Theatervorstellungen, Kunstausstellungen und Konzerte. Durch den gemeinsamen, gleichen Geschmack gestalteten sie ihre eigene bürgerliche und familiäre Identität. In den Heften nahmen sie auch Bezug zu aktuellen politischen und historischen Ereignissen. Da Ernst Rohr als Pfarrer im Pfarrhaus arbeitete, vermischte sich der familiäre Bereich mit der Berufswelt des Vaters. Im Pfarrhaus herrschten ein reger Verkehr und eine fröhliche Geselligkeit. Nebst den Gemeindemitgliedern, welche den Pfarrer aufsuchten, waren im Pfarrhaus oft zahlreiche Freunde, Pensionäre und Feriengäste anzutreffen. Für die Pfarrfamilie war die familiäre Gemeinschaft sehr wichtig. Die Familienmitglieder besuchten sich oft gegenseitig, sie verbrachten die Ferien zusammen und organisierten Familienfeste. Wenn sie sich nicht persönlich treffen konnten, so versuchten sie zumindest durch die Familienrundbriefhefte in Kontakt zu bleiben. Der Kontakt sowie der Zusammenhalt der Familie und der weiteren Verwandtschaft wurden bewusst und intensiv gepflegt. Die Hefte zirkulierten nur unter den engsten Familienmitgliedern. Deshalb konnten die Schreibenden auch über „intime Dinge“ berichten. Sie beschrieben wie sie ihre Partner kennenlernten, kündigten Schwangerschaften an, oder berichteten über ihre beruflichen Schwierigkeiten. Innerfamiliäre Konflikte wurden jedoch kaum schriftlich festgehalten. Diese hätten das „gute Familienbild“ getrübt.
Aus dem Fallbeispiel der Familie Rohr-Riggenbach geht hervor, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert in der Schweiz eine Pfarrfamilie lebte und welche enorme Bedeutung der Familienzusammenhalt für diese hatte. Die Familie Rohr-Riggenbach kann als exemplarische, bürgerliche Familie für diese Zeitspanne gelten. Ein Grossteil der Ergebnisse der vorliegenden Fallstudie können vermutlich auch auf andere bürgerliche, protestantische Deutschschweizer Familien mit dem gleichen sozialen Status übertragen werden. Auf diesen „Typ“ von Familien trifft David Warren Sabeans These sicherlich zu. Um eine allgemeine These über den Familienzusammenhalt in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert aufstellen zu können, müssten weitere Familien aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Regionen, sowie mit unterschiedlicher Konfessionszugehörigkeit untersucht werden.