Iatromathematische Hausbücher zwischen Wissen, Selbstvergewisserung und Selbstverständnis. Bedeutung und Funktion in den politischen Führungsschichten Berns und Nürnbergs im Spätmittelalter

AutorIn Name
Sarah
Büttiker
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Regula
Schmid Keeling
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit der Iatromathematik oder Astromedizin, welche Lösungen für medizinische Probleme anhand einer Verbindung von Mathematik, Astronomie und Astrologie suchte, indem anhand verschiedener Methoden das Ungleichgewicht von Körpersäften behoben oder verhindert werden sollte. Als Ausgangspunkt dienen die Beobachtungen, dass iatromathematische Hausbücher als medizinisch-astrologische Ratgeber einerseits im Kontext der politischen Führungsschicht verbreitet waren und andererseits die Lebensführung ihrer Nutzerinnen und Nutzer massgeblich beeinflussten. Iatromathematischen Hausbücher wurden aber bisher nicht im Hinblick auf ihren Zusammenhang mit der sozialen Position ihrer Empfänger untersucht. Im Zentrum stehen deshalb iatromathematische Hausbücher aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert anhand der Fragestellung: Welche Bedeutung hatten iatromathematische Hausbücher für die Angehörigen der politischen Führungsschichten Berns und Nürnbergs im Spätmittelalter, und lässt sich ihre Nutzung auch als Ausdruck einer Praxis der Selbstvergewisserung verstehen? Damit verbindet die Untersuchung wissens-, sozial- und kulturgeschichtliche Perspektiven und trägt dazu bei, die vielfältige Bedeutung der Hausbücher zu ergründen.


 

Untersuchungsgegenstand sind zwei Manuskripte mit eindeutig identifizierbaren Empfängern. Zum einen der Codex Schürstab, Zentralbibliothek Zürich (ZB), Ms. C 54, der um 1469/72 für das Nürnberger Ehepaar Erasmus und Dorothea Schürstab kompiliert wurde, sowie zum anderen das Iatromathematische Gesundheitsbüchlein ZB, Ms. Z VII 287, welches 1482 von Conrad Türst für den Berner Schultheissen Rudolf von Erlach erstellt wurde. Bei beiden Manuskripten handelt es sich um Auftragsarbeiten, welche eine ähnliche Entstehungszeit aufweisen. Sie eignen sich deshalb besonders gut für eine vergleichende Analyse. Ergänzend dienen der Kalender für Kaiser Friedrich III. und drei bayerische iatromathematische Hausbücher ohne bekannte Empfänger als eine Art Kontrollgruppe zur Einordnung gemeinsamer Merkmale und möglicher Abweichungen.


 

Die Vorgehensweise kombiniert verschiedene Ansätze. Zunächst erfolgt eine thematische Gliederung der Inhalte, anhand derer die Hausbücher besonders auf Art und Umfang der behandelten Themen untersucht werden können. Anschliessend erfolgt eine detaillierte Analyse der Inhalte, welche insbesondere auf Widmungen, Genealogien, Handlungsanweisungen und diätetische Ratschläge eingeht und diese hinsichtlich ihrer praktischen Nutzbarkeit als auch in Bezug auf ihre soziale Bedeutung diskutiert.


 

Die Untersuchung zeigt, dass iatromathematische Hausbücher keineswegs blosse medizinisch-astrologische Ratgeber waren, sondern vielmehr die Wissensvermittlung mit Aspekten der Selbstvergewisserung beziehungsweise der Selbstrepräsentation verbanden. Hinweise darauf liefern beispielsweise lange Dedikationstexte, Dedikationsbilder und Genealogien, die Art der Handlungsanweisungen sowie die Individualisierung des Textes auf den Empfänger. Dies deutetdarauf hin, dass die iatromathematischen Hausbücher nicht nur der praktischen, medizinisch-astrologischen Konsultation dienten, sondern zugleich auch als sichtbare Zeichen von Bildung, adliger Lebensweise und gesellschaftlichem, ständischen Anspruch fungierten. Sie hatten für ihre Empfänger also auch die Funktion, sie als Teil der politischen Führungsschicht auszuweisen und unterstützten die Konstruktion ihrer Identität.


 

Die Ergebnisse machen deutlich, dass iatromathematische Hausbücher sowohl Mittel zur gesunden Lebensführung waren als auch Instrument zur Konstruktion oder Bestätigung der Stellung der Empfänger in der sozialen und politischen Hierarchie. Sie stehen also zwischen Wissen, sozialer Praxis und persönlicher Inszenierung. Damit leisten die Ergebnisse einen Beitrag zum Verständnis spätmittelalterlicher Praktiken der Selbstvergewisserung und verdeutlichen die Verknüpfung der Aneignung von Wissen und Identitätsbildung.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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