Die schweizerische Hilfe zugunsten von Naturkatastrophenopfern besitzt in verschiedener Ausformung eine lange Tradition. Humanität und Solidarität sind Begriffe, die im Selbstverständnis der Schweizerischen Bevölkerung seit langer Zeit gross geschrieben werden. Die Anfänge dieser zuerst regional beschränkten, dann nationalen Hilfe wurden bereits untersucht. Die Frage, die bis anhin jedoch unbearbeitet blieb, war, ob und wie diese Solidarität ihren regionalen und nationalen Charakter überwand und die Hilfsbereitschaft über die Grenzen hinaus wirksam wurde. Die vorliegende Lizentiatsarbeit will diese Lücke füllen und so die Weiterentwicklung der nationalen Solidarität nach dem Zweiten Weltkrieg skizzieren.
Wie es Hilfswerken gelang, Schweizer und Schweizerinnen auf europäische und aussereuropäische Naturkatastrophenopfer zu sensibilisieren, wird anhand der Spendenaufrufe der Glückskette und des Schweizerischen Roten Kreuzes dargestellt. Die Sammelaktionen zwischen 1951 und 1970 werden quantitativ ausgewertet. Da die Ausweitung der schweizerischen Solidarität aber nicht nur von den Motivationskünsten der Hilfswerke abhängig war, werden auch zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen der 50er und 60er Jahre für die Erklärung der wachsenden Solidarität in die Untersuchung miteinbezogen. Die Ausgangsthese versteht die Spendenbereitschaft in erster Linie als Produkt von äusseren Faktoren wie der Europaidee, der Aussenpolitik, der wirtschaftlichen Situation, der Entwicklungspolitik und der Dekolonisation, so dass die Hilfswerke nur begrenzt Einfluss darauf nehmen konnten, wann und in welchem Masse die Solidarität gegenüber Naturkatastrophenopfern über die Schweizer Grenzen hinaus getragen wurde.
Das bearbeitete Quellenmaterial umfasst einerseits das SRK-Archiv und dessen Akten im Bundesarchiv. Vor allem die Jahresberichte und die Korrespondenzakten lieferten dabei umfassende und wertvolle Informationen über die Sammelappelle und Hilfsaktionen. Andererseits waren die Informationen zur Glückskette ziemlich spärlich. Viel Quellenmaterial konnte zudem nur in Zweitarchiven wie dem SRG-Archiv oder der Schweizerischen Landesphonothek gesichtet werden. Zudem wurden Pressemitteilungen, Radiosendungen und Filmdokumente der Tagesschau und Wochenschau beigezogen, um die Sammel- und Hilfsaktionen zu dokumentieren, aber auch den Einfluss der Medien auf die Spendenbereitschaft beschreiben zu können. Nach einer statistische Auswertung der Spendenaufrufe von SRK und Glückskette bei 31 Naturkatastrophen im Untersuchungszeitraum zwischen 1951 und 1970 und der Beschreibung zweier Fallbeispiele (Überschwemmungen in Holland 1951 und Erdbeben in Agadir 1960, die als Übergang zur europäischen und zur internationalen Solidarität betrachtet werden können) sowie der Beschreibung der äusseren Faktoren, die die wachsende Solidarität beeinflussten, können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden.
Der Übergang von der nationalen zur europäischen Solidarität zugunsten von Naturkatastrophenopfern vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund eines Aktionsvakuums, da die Schweizerische Wiederaufbauhilfe und Flüchtlingshilfe für Europa ausgedient hatten, und die Probleme grösstenteils gelöst waren. Für die Hilfswerke mussten neue Aktionsfelder geschaffen werden. Eine Fokussierung auf Naturkatastrophenopfer fand statt. Die Naturkatastrophenhilfe war in der Nachkriegszeit der ideale Rahmen, die neue Formel der schweizerischen Aussenpolitik ‚Neutralität und Solidarität‘ von Max Petitpierre zu praktizieren, um die Schweiz aus der durch die selbst formulierte Neutralität bewirkten aussenpolitischen Isolation herauszuholen. Der Bundesrat versuchte die fehlende Mitwirkung der Schweiz am Aufbau einer Nachkriegs-Friedensordnung durch national überhöhte humanitäre Gesten zu kompensieren. Dasselbe Ziel verfolgte auch die vermehrte Naturkatastrophenhilfe. Obwohl sich die Naturkatastrophenhilfe seit den 50er Jahren auf Europa ausweitete, war der kommunistische Osten weiterhin von der Hilfe der Schweiz grösstenteils ausgeschlossen. Nur gerade Rumänien und Ungarn, die sich vermehrt von der UdSSR abgrenzten, profitierten von der Solidarität der Schweizer Bevölkerung. Die Ausweitung der Solidarität vollzog sich also entlang politischer, religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Linien. Der Kalte Krieg und die Dekolonisation truen das ihre dazu bei, die neuen Grenzen der Solidarität zu bestimmen. Die Schweizer Bevölkerung solidarisierte sich politisch und kulturell mit dem Westen und wirtschaftlich mit der Dritten Welt. Der Übergang zur internationalen Solidarität bei Naturkatastrophen vollzog sich seit 1960. Obwohl der Aktionsrahmen für Solidaritätsbezeugungen geographisch weitere Kreise zu ziehen begann, wurde der eigenen Bevölkerung die grösste Aufmerksamkeit gewidmet, was sich in den höheren Spendensummen nach den wenigen Katastrophenfällen manifestierte. Die SchweizerInnen standen sich selbst immer noch am nächsten. Die Spenden dienten weiterhin als Integrationsmittel und als nationale Identitätsstifter.