Art der Arbeit
Dissertation
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christian
Windler
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2015/2016
Abstract
Thema der Dissertation ist die Rolle der Kurfürstin Henriette Adelaïde von Savoyen in den Außenbeziehungen des frühneuzeitlichen Bayern. Aus der Perspektive der Landesherrin wurden die außenpolitischen Handlungsmöglichkeiten einer Mittelmacht des Heiligen Römischen Reiches in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts näher untersucht. An den frühneuzeitlichen Höfen, verstanden als erweiterte Fürstenhaushalte, wurde erst ansatzweise zwischen einer als öffentlich verstandenen Sphäre der Politik und der Familie des Fürsten unterschieden. Aufgrund der Überlappung dieser beiden Bereiche eröffneten sich für adlige Frauen und dabei besonders für die erste Frau am Hof Handlungsspielräume. In der neueren Forschung werden frühneuzeitliche Mächtebeziehungen nicht mehr als Beziehungen zwischen Staaten verstanden, sondern als Beziehungen zwischen Gesellschaften, an denen verschiedenste Akteure mit vielfältigen Interessen auf unterschiedlichen Ebenen beteiligt waren. Da der Staatsbildungsprozess im 17. Jahrhundert noch bei weitem nicht abgeschlossen war, war die politische Kultur von Bindungen und Beziehungen zwischen Personen(-gruppen) geprägt, die eine akteurszentrierte Untersuchung sinnvoll erscheinen lassen. Zur Beschreibung des diplomatischen Handlungsrahmens, in dem Henriette Adelaїde agierte, eignet sich der von Hillard von Thiessen vorgeschlagene Idealtyp der Diplomatie vom type ancien sowie die Verflechtungsanalyse von Wolfgang Reinhard. Der Blick auf die Kurfürstin und ihre außenpolitischen Handlungsspielräume ermöglicht einen Zugang zu den Spezifika frühneuzeitlicher Herrschaft und Außenbeziehungen, und leistet so einen Beitrag zu einer „Kulturgeschichte von Außenbeziehungen“. Die vorliegende Arbeit verortet sich im Kontext einer weiter gefassten Kultur- und Sozialgeschichte des Politischen und stützt sich zu weiten Teilen auf die umfassende Korrespondenz der Kurfürstin sowie auf Berichte französischer, kaiserlicher und savoyischer Gesandter.
Die Wirkungsmöglichkeiten der Kurfürstin wurden sowohl im Hinblick auf institutionalisierte Herrschaftsausübung als auch auf informelle Einflussnahme untersucht. Ihre außenpolitischen Handlungsspielräume waren an ihre Position als Kurfürstengattin gebunden und hingen in erster Linie von ihrem Zugang zum bayerischen Herrscher ab. Im personalen Herrschaftssystem der Frühen Neuzeit hingen Einflussmöglichkeiten vor allem auch davon ab, ob eine Person dem Herrscher nahestand und sein Vertrauen genoss. Aufgrund ihres exklusiven Zugangs zum wichtigsten Entscheidungsträger der bayerischen Politik war sie für auswärtige Akteure als Vermittlerin von besonderem Interesse, da sie einen alternativen diplomatischen Kommunikationsund Verhandlungsweg bieten konnte, der den Kontakt zum Kurfürsten direkter, einfacher und risikoärmer gestaltete. Aufgrund dieses besonderen Zugangs konnte sie als Einflussnehmerin, Fürsprecherin und V ermittlerin von Interessen fungieren. Henriette Adelaïde agierte als Kurfürstengattin als Teil des fürstlichen Arbeitspaares. Ihre Beteiligung an den auswärtigen Beziehungen beschränkte sich nicht auf informelle Tätigkeiten, da sie als Landesherrin zur Teilhabe an der Herrschaft legitimiert war. Als Kurfürstengattin hatte Henriette Adelaïde vielfältige Aufgaben wahrzunehmen, die sich auf das Ansehen der Dynastie sowie die außenpolitische Situation des Kurfürstentums auswirkten, da das Kurfürstenpaar gemeinsam die wittelsbachische Dynastie repräsentierte. Der Position einer Kurfürstengattin lag eine ambivalente Struktur zugrunde, da sie aufgrund ihres Geschlechts zur Unterordnung verpflichtet, wegen ihrer Stellung aber zur Herrschaftsteilhabe berechtigt war. Aufgrund ihrer Standeszugehörigkeit spielte Geschlecht für Henriette Adelaïde selbst in ihrer Position als Kurfürstin eher eine untergeordnete Rolle. In außenpolitischer Hinsicht konnte sie sich durch ihre Geschlechtszugehörigkeit Handlungsspielräume erschließen, musste jedoch innerhalb der gesellschaftlich akzeptierten und ihrem Geschlecht angemessen Konventionen handeln bzw. die Wünsche des Kurfürsten als legitimierenden Faktor ihres Handelns betonen, um sich nicht dem Vorwurf unangemessener weiblicher Einflussnahme auszusetzen.
Aufgrund ihrer Position als Kurfürstengattin wurde Henriette Adelaïde zum Geheimen Rat zugelassen, was für die Erschließung von außenpolitischen Handlungsspielräumen eine entscheidende Rolle spielte. Im Geheimen Rat waren in erster Linie das Verhältnis zum Kurfürsten und eine damit in Zusammenhang stehende Vertrauensstellung von Bedeutung. Sowohl die Funktionsweise des Geheimen Rates als auch die Teilnahme der Kurfürstin an den Ratssitzungen verweisen auf die Grenzen der Ausdifferenzierung des fürstlichen Haushalts einerseits und des Verwaltungssystems andererseits. Auch die Variabilität des höfischen Machtgefüges und die damit einhergehende Konkurrenz um Macht und Einfluss innerhalb der höfischen Gesellschaft verweisen auf diese Grenzen. Der jeweilige Positionierungserfolg einer Person hing vom Vertrauen und der Gunst des Kurfürsten ab.
Frühneuzeitliche Außenbeziehungen wurden maßgeblich von personalen Beziehungen bestimmt. Gerade innerhalb informeller Netzwerke konnten sich Frauen weit mehr Handlungsspielräume erschließen als im Rahmen der offiziellen politischen Aktivitäten und Strukturen. Henriette Adelaïde pflegte ein weites höfisches und grenzüberschreitendes Netzwerk. Für die Beziehungspflege innerhalb des Netzwerks spielten Faktoren wie V ertrauen und Information eine wichtige Rolle. Sowohl aufgrund ihrer Position als Kurfürstengattin als auch aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Bindungen zum savoyischen und französischen Hof konnte sich Henriette Adelaïde als Vermittlerin von Patronageressourcen profilieren. Damit erfüllte die Kurfürstin eine wichtige Funktion für die interterritoriale V ernetzung und Erweiterung des klientelären Netzwerks des bayerischen Hofes.
In der Frühen Neuzeit war das Handeln von Frauen stark an Familieninteressen gebunden. Vor diesem Hintergrund konnte Henriette Adelaïde als außenpolitische Akteurin agieren. Von auswärtigen Mächten wurde sie sowohl als savoyische Prinzessin als auch als bayerische Kurfürstin wahrgenommen. Ihr außenpolitisches Handeln wurde von dynastischen Motiven und Interessen bestimmt. Zeitlebens strebte die Kurfürstin nach Ruhmvermehrung und Rangerhöhung der beiden Dynastien, denen sie angehörte.
Von ihrer Herkunftsfamilie war Henriette Adelaïde mit einem konkreten politischen Auftrag an den bayerischen Hof geschickt worden und hatte eine Instruktion mit entsprechenden Anweisungen erhalten. Für ihre Herkunftsfamilie erfüllte Henriette Adelaïde in ihrer Position als bayerische Kurfürstin eine politische Funktion, da sie Aufgaben übernahm, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich eines ständigen Gesandten fielen. Mittels regelmäßiger Berichterstattung, Vertretung der savoyischen Interessen und intensiver Pflege der verwandtschaftlichen Bindungen blieb Henriette Adelaïde ein
aktives Mitglied ihrer Herkunftsfamilie.
Zudem wurde Henriette Adelaïdes außenpolitisches Handeln vom mindermächtigen Status des Kurfürstentums Bayern bzw. des Herzogtums Savoyen strukturiert. Sowohl als Kurfürstin von Bayern als auch als savoyische Prinzessin gehörte Henriette Adelaïde einer Mittelmacht an, die ihren Platz vor allem zwischen den Polen Habsburg und Bourbon behaupten musste, gleichzeitig aber von beiden Großmächten als dynastisch und politisch interessanter Verbündeter wahrgenommen wurde. Indem sie sowohl zu den Bourbonen als auch zu den Habsburgern Beziehungen pflegte und ihre multiplen Bindungen bewusst instrumentalisierte, konnte sie sich außenpolitische Handlungsspielräume erschließen.
Bilanzierend lässt sich festhalten, dass Henriette Adelaïde sich gezielt außenpolitische Handlungsspielräume erschloss und von auswärtigen Akteuren als umfassend informierte und einflussreiche außenpolitische Akteurin wahrgenommen wurde.