Höhenflüge im Underground Die Bärglütli und ihre Sommercamps 1971-1973. Ein Schweizer Hippie-Dropout-Phänomen als Ausdrucksform des "romantischen Komplexes

AutorIn Name
Stefan
Bittner
Art der Arbeit
Lizentiatsarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Albert
Tanner
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2006/2007
Abstract

Nachdem sich die Bewohnerinnen und Bewohner einer Zürcher Landkommune, die sich „Bärglütli“ nannten, darauf verpflichtet hatten, „nicht mehr in der Wirtschaft oder Industrie tätig zu sein“, starteten sie an Pfingsten 1971 ihr erstes „Urland-Camp“ im Walliser Gerental. Während der Sommermonate erprobten sie auf 1800 Metern über Meer in selbstgebauten Steinhütten und in psycho-spirituellen Workshops eine „neue Kultur“ und bereiteten sich auf die Wiederbesiedlung eines verlassenen Bergdorfes vor.

 

Etliche von ihnen hatten ihrem Unmut während der 68er-Unruhen noch auf der Strasse Luft verschafft. Die Frustration über den „Leerlauf des städtischen Betriebs“ sowie die apokalyptischen Umwelt- Szenarien, die 1970 erstmals breite Kreise aufschreckten, hatten die Bärglütli schliesslich dazu bewogen, sich vollends aus dem „im Endstadium stehenden System“ zu verabschieden. Anstatt „blosse Symptombekämpfung“ zu betreiben und „demonstrierend in den Abgasen zu verrecken“, setzten sie ganz auf die Kraft der Ursprünglichkeit. In Abwesenheit zivilisatorischer Fremdbestimmung, vorgegebener Verhaltensregeln und fixer Vorstellungen sollten die Tage genutzt werden, um den „Kontakt mit uns selbst, unseren Mitmenschen, der Umwelt und dem Kosmos“ zu vertiefen. Die drei Sommercamps 1971–1973 wurden jeweils von bis zu 1000 Ausstiegswilligen aus den Agglomerationen der Deutschschweiz und dem Ausland besucht und zogen die Gründung etlicher, meist wenig beständiger Landkommunen und Pioniersiedlungen im Wallis und im Tessin nach sich. Die Lizentiatsarbeit „Höhenflüge im Underground“ stellt diesen experimentell-utopischen Aufbruch als besonders aufschlussreiches Beispiel für jene Übergangsphase dar, während der sich das gegenkulturelle Milieu der 68er Bewegung zu Beginn der 1970er Jahre zur sog. Alternativbewegung formierte. Die modernisierungs- und subjekttheoretische Darstellung der Hippie-Dropouts, ihrer Selbst- und Weltwahrnehmung, ihrer moralischen und ästhetischen Wertvorstellungen sowie ihrer Kommunikations- und Verhaltensmuster stützt sich einerseits auf zeitgenössisches Quellenmaterial, anderseits auf rund zehn Oral-History-Interviews mit ehemaligen Beteiligten.

 

Die von der Hippie-Kultur geprägten radikalindividualistischen Aufbrüche wurden von der politischen Linken, den bürgerlichen Medien und den Kultur- und Geisteswissenschaften bislang praktisch ausschliesslich als eskapistische, antimodernistische Phänomene wahrgenommen. In dieser Arbeit wird versucht, die spezifische Modernität dieser alternativkulturellen Strömung sowie ihr Beitrag zum Prozess der Modernisierung herauszuarbeiten, der – so Max Weber – nicht nur von der kongnitiv-instrumentellen und der evaluativ-normativen, sondern auch von der ästhetisch- expressiven Rationalität entscheidend vorangetrieben wird. Konzeptuell stützt sich die Studie auf den von Cornelia Klinger in „Flucht – Trost – Revolte. Die Moderne und ihre ästhetischen Gegenwelten“ (1995) entwickelten theoretischen Ansatz des romantischen Komplexes. Dieser umfasst ein Bündel von sieben strukturell zusammengehörenden Grundmotiven, die in ihrer Gesamtheit erstmals in der historischen Romantik um 1800 aufgetreten sind: (1) Ausweitung des Revolutionsbegriffs: von der politischen auf die kulturelle, von der materiellen auf die bewusstseinsmässige, von der institutionellen auf die lebenspraktische Ebene; (2) Ausweitung der Revolutionskritik: von einer aufklärerischen Gesellschaftskritik auf eine umfassende Kultur- und Wahrnehmungskritik; (3) Wendung zum Subjekt als Individuum: Betonung der Einzigartigkeit des Einzelnen im Kontrast zu seiner blossen Autonomie; (4) Wendung zur Ästhetik: zum Leben als authentischem Kunstwerk; (5) Wendung zur Natur: zu einem ästhetisch-emotionalen Natur- und Körperbezug; (6) Wendung zu Religiosität und Mythologie: zu individuell gestaltbaren, erfahrungsoffenen Ordnungen von Sinn, Einheit und Ganzheit; (7) Wendung zur Gemeinschaft: im Kontrast zur mechanistisch- atomistischen Gesellschaft.

 

Auf der Grundlage der sieben Merkmale des romantischen Komplexes werden die Bärglütli entsprechend als (1) „Revolutionärinnen und Revolutionäre des Bewusstseins“, als (2) „Neue Menschen“, als (3) romantische Individuen, als (4) (Lebens-)Künstlerinnen und Künster, als (5) „Naturmenschen“, als (6) religiös Suchende sowie als (7) „Sippe“ analysiert. In dieser multiperspektivischen Sichtweise erweist sich diese Gruppierung von Aussteigerinnen und Aussteigern als geradezu idealtypisches Anschauungsbeispiel für die These, dass „1968“ – nach der Französischen Revolution (Romantik) und der Novemberrevolution von 1918/19 (Siedlungswelle innerhalb der Lebensreformbewegung) – für den deutschsprachigen Raum als – zeitlich kurz voraus und entwicklungslogisch zugrunde liegende – Initialzündung einer dritten Hochkonjunktur romantischer Motivlagen verstanden werden kann. In dieser Hinsicht erhofft sich diese Lizentiatsarbeit einige bisher kaum berücksichtigte Aspekte in der Erforschung und Deutung der 68er Bewegung erschlossen zu haben.

Zugang zur Arbeit

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