Mit dem 1448 begonnenen St. Vinzenzen- Schuldbuch von Thüring von Ringoltingen liegt der Historikergemeinschaft eine Quelle vor, die Einblicke in den Finanzierungsalltag der Kirchenpfleger gewährt. In dem als aide-mémoire angelegten Schuldbuch geht es um den Alltag, um jeden einzelnen Schilling und darum, wie man zum Beispiel Geld aus dem abzubrechenden Langhaus der alten Leutkirche machen kann: Es geht also um das Konkrete, das Materielle.
Die Arbeit behandelt in einem ersten Teil den wirtschaftlichen Kontext sowie die kirchlichen Verhältnisse der Stadt Bern im 15. Jahrhundert. In einem zweiten Teil wird die Kirchenpflegschaft als Knotenpunkt zwischen Kirchenbau, Ratsherrschaft und Stadtbevölkerung vorgestellt. Wichtig erscheint dabei, dass sich die Kirchenpflegschaft zwar zu einem städtischen Amt entwickelte, sich aber anhand des Schuldbuches Einblicke in die praktische Umsetzung ergeben, die darauf hindeuten, dass die Persönlichkeit des Kirchenpflegers sowie die personellen Beziehungen in Bezug auf den Finanzierungsalltag die entscheidenden Faktoren zur Durchsetzung, Eintreibung und Bezahlung der Schulden waren. Somit leistet der Einblick in den Finanzierungsalltag der Kirchenpfleger auch einen Einblick in die Entwicklung von städtisch-administrativen Strukturen, welche die allmähliche Differenzierung und Professionalisierung der Verwaltungstätigkeiten zeigen. Während Thüring von Ringoltingen zu Beginn als beispielhafter Stifter mit persönlichem Engagement Schulden zusammenträgt, sortiert und verwaltet, zeigt sich ein Jahrzehnt später bereits die Tendenz zur administrativen Professionalisierung, wenn der Stadtschreiber Zugang zu diesem Schuldbuch hat und dieses benutzt.
Den Hauptteil der Lizentiatsarbeit macht jedoch die formale und inhaltliche Kritik des Schuldbuchs sowie die Auswertung dieser Ergebnisse mittels einer Datenbank aus. Es konnte aufgezeigt werden, dass sehr unterschiedliche und voneinander unabhängige Finanzierungsstrategien zum Zuge kamen und diese möglichst alltagstauglich eingesetzt wurden. In der Regel lässt sich eine pragmatische Geldmittelverwaltung ausmachen, die darauf angelegt war, möglichst viele Schulden zu verzeichnen und einzufordern, wenn möglich in monetärer Form und nicht in Naturalien. Allerdings zeigt sich, dass dies bei kleineren Beträgen oft nicht durchgesetzt werden konnte, obwohl es zu einzelnen Gerichtsverfahren und Mahnungen kam.
Grundsätzlich wird klar, dass sich die Einziehung ausstehender Schulden nicht langfristig planen liess, jedoch gerade die Vielzahl der finanziellen Einkünfte der fabrica die latente Geldnot immer wieder abzumildern schien.
Betrachtet man die soziale Verteilung der Schenker, Stifter und Schuldner, so wird deutlich, dass das Spektrum fast die ganze Stadtbevölkerung umfasst. Betont sei hier die grosse Anzahl von weniger vermögenden Handwerkern, die mit kleineren Schenkungen und Spenden ihren Teil zum Bau als solchem beitrugen. Weiter konnte ein überaus grosser Anteil an Frauen ausgemacht werden, welche sowohl für grosse Stiftungen als auch für kleine Almosen verantwortlich zeichneten. Diese in ihrem Ausmass erstaunlich rege Spendetätigkeit erklärt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass diese für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten darstellte, sich im ökonomisch-öffentlichen Leben zu engagieren, da die meisten Rechtsgeschäfte den Männern vorbehalten waren. Weiter bot sie allen Beteiligten die Gelegenheit, etwas für ihr Seelenheil zu tun. Die Spenden sind also zugleich auch ein Zeichen der zunehmenden aktiven Frömmigkeit im Spätmittelalter. Die Stiftungen bilden dabei eine Sonderkategorie, da sie zusätzlich den Stifter ins Zentrum rücken und zu dessen sozialem Prestige beitragen. Zudem sind es die aus den führenden Geschlechtern stammenden Stifter, die bereits im ersten Stadium des Baus die Seitenkapellen stifteten und damit die Umkränzung des Münsters hauptsächlich ermöglicht hatten. Der Löwenanteil des Baues trugen klar die führenden Geschlechter der Stadt. Die Beträge der weniger vermögenden, arbeitenden Schicht gehen zwar in der Masse des Baues unter, trugen aber summiert dennoch ihren nicht zu vernachlässigenden Teil bei.
Die Ergebnisse zum Finanzierungsalltag des Berner Münsterbaus werden im letzen Teil der Arbeit anhand ähnlicher Ergebnisse aus den Untersuchungen zu Finanzierung und Verwaltung des Strassburger Frauenwerks bestätigt. Obwohl die rechtliche Situation der beiden Kirchen und die Organisation unterschiedlich sind, zeigen sich in der Praxis der Kirchenpflege ähnliche Muster, was die Finanzierungsmittel und deren Verwaltung anbelangt.
Sowenig sich das St. Vinzenzen-Schuldbuch als Quelle für standardisierte und empirische Auswertungen eignet, bietet gerade sein Charakter als „Notizbuch“ einen Einblick in den Alltag einer fabrica ecclesiae, welcher bereits bestehende Erkenntnisse weiter differenziert und durch Vergleichsbeispiele bestätigt.