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Geschichtswissenschaften und Geschlechtergerechtigkeit - Sciences historiques et égalité entre les sexes

Autor / Autorin des Berichts: 
John Ly
Historisches Institut / Walter Benjamin Kolleg, Universität Bern

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An den Schweizer Universitäten besteht bis zur Stufe Doktorat ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, anschliessend verringert sich der Anteil an Frauen mit jeder Qualifikationsstufe. Die Abteilung Wissenschaftspolitik der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG) nahm sich dieser Thematik an und liess Erhebungen zu Geschlechterverhältnissen an ausgewählten Historischen Instituten in der Schweiz, bei der Eingabe und Bewilligung von Anträgen des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und an den Schweizerischen Geschichtstagen 2019 durchführen. Anhand der Resultate sollte an der Tagung die gegenwärtige Situation umrissen und die Diskussion über Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven angestossen werden.

Nachdem ALIX HEINIGER (Lausanne) die Resultate aus den quantitativen Erhebungen in einem Überblick präsentiert hatte, kommentierten Vertreterinnen und Vertreter der Historischen Institute, des SNF und der Geschichtstage die Ergebnisse ihrer jeweiligen Institutionen eingehend.

LUCAS BURKART (Basel) wies in seinem Kommentar zu den Erhebungen daraufhin, dass das Geschlechterverhältnis in Basel vorbildlich zu sein scheine, sich dieser Zustand aber mit wenigen Abgängen schnell verschlechtern könne. Regulatorische Vorschriften wie etwa eine Frauenquote sind nach Burkart nicht der richtige Ansatz. Dass die hohe Anzahl Frauen im Mittelbau ab Postdoc-Qualifikation rapide abnimmt, sei strukturell bedingt. Deshalb gehe es um die Frage, wie ein Umfeld gestaltet werden könne, das für Frauen attraktiver ist bzw. in dem mehr Frauen auf einen Lehrstuhl berufen werden. So müsse man bei Ausschreibungen, Verfahren und Anstellungsbedingungen ansetzen. Generell seien die Strukturen in den Instituten aber sehr hierarchisch, weshalb Veränderungen schwierig durchzusetzen seien.

JULIA RICHERS (Bern) stellte dem Historischen Institut der Universität Bern hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses ein schlechtes Zeugnis aus. Auf zehn unbefristete Professuren entfallen acht auf Männer und lediglich zwei auf Frauen, wobei mit der Emeritierung von Brigitte Studer Ende Jahr der Frauenanteil unter Umständen weiter sinkt. Aus den erhobenen Zahlen sei jedoch nicht zu entnehmen, dass auf die im Jahr 2015 neu geschaffenen Dozenturen ausschliesslich Frauen berufen worden seien. Mit diesen Dozenturen wird ein Versuch unternommen, den Flaschenhals etwas auszudehnen. Der momentan tiefe Anteil von Professorinnen ziehe ausserdem den Effekt nach sich, dass diese für sämtliche Kommissionen angefragt würden und die Frauen so einer Mehrfachbelastung ausgesetzt seien.

BERNARD ANDENMATTEN (Lausanne) bezeichnete die Situation an der Universität Lausanne mit einer Professorin und vier Professoren als unbefriedigend, fügte aber hinzu, dass die beiden Assistenzprofessuren von Frauen besetzet werden. Allgemein sei auf der höchsten Qualifikationsstufe der Gleichstellungsprozess sehr langsam.

Beim SNF sei der Anteil der Frauen bei der Projektförderung mit 20% sehr tief, so JULIA CAHENZLI (Bern). Der tiefe Anteil decke sich mit anderen Disziplinen der Geisteswissenschaften. Dass deutlich weniger Frauen Projektanträge einreichen, widerspiegle das derzeitige Geschlechterverhältnis bei den Professuren, die meistens die Gesuchstellenden sind. Der SNF hat bereits Massnahmen ergriffen und unter anderem das Förderinstrument PRIMA geschaffen, das ausschliesslich an Forscherinnen vergeben wird. Ein PRIMA-Beitrag soll den letzten Schritt zur Professur ermöglichen.

REGINA WECKER (Basel) wies daraufhin, dass sich die Geschlechterverhältnisse an den Schweizerischen Geschichtstagen 2019 je nach Rolle der Panel-Teilnehmenden erheblich unterschieden. Beim Kommentar von Panels war etwa ein Übergewicht an Männern festzustellen. Dies wiederspiegle ebenfalls die Situation bei den Professuren. Allerdings sei auch bei den Kommentaren eine steigende Tendenz des Frauenanteils beobachtbar.

In der darauffolgenden Podiumsdiskussion wurden verschiedene mögliche Massnahmen diskutiert. FRANCESCA FALK (Bern/Fribourg) stellte die These zur Diskussion, dass die starren Strukturen im Wissenschaftsbetrieb Innovationen und Veränderungen verhindern und forderte deshalb eine Enthierarchisierung der Universitäten. Falk schlug zudem vor, einerseits bei der Besetzung von freien Stellen Quoten vorzugeben, andererseits Berufungskommissionen geschlechterparitätisch zu besetzten. Auch SIMON TEUSCHER (Zürich) plädierte für eine Frauenquote an den Universitäten und ortete die Berufungsverfahren ebenfalls als mögliche Quelle für Ungleichheit. Teuscher vermutete, dass der SNF in dieser Hinsicht professioneller sei, da die Selektionsprozesse rigider gestaltet seien. SABINE KRADOLFER (Lausanne) entgegnete hierauf jedoch, dass bei Auswahlverfahren Kriterien der Exzellenz bei Männern und Frauen oft unterschiedlich gedeutet würden.

Eine weitere vieldiskutierte Massnahme zur Enthierarchisierung ist das Jobsharing-Modell bei Professuren. So würde gleichzeitig auch die sonst oft alleinige Verfügungsmacht aufgebrochen, argumentierte Falk und verwies auf die Entwicklungen im Département d’histoire contemporaine an der Universität Fribourg. Die Besetzung einer Professur im Jobsharing habe hier erstaunliche Effekte der Enthierarchisierung in Gang gesetzt, die sich bis in die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus fortsetzten. Teuscher hingegen hegte Zweifel gegenüber dem Jobsharing-Modell, das mit weniger Verdienst und dadurch mit weniger Anerkennung in der Gesellschaft einhergehen würde.

Unter den Anwesenden der Tagung bestand Einigkeit, dass hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit an den Universitäten Massnahmen ergriffen werden müssen. Bei der Frage, welche Massnahmen geeignet seien, um die strukturellen Hürden für Frauen im Wissenschaftsbetrieb abzubauen, gingen die Meinungen auf dem Podium und im Plenum jedoch auseinander. Die angeregte Podiumsdiskussion wie auch die zahlreichen Wortmeldungen aus dem Plenum zeigten deutlich, wie aktuell die Thematik der Geschlechtergerechtigkeit auch in den Geisteswissenschaften ist und strukturelle Veränderungen vonnöten sind, um das Ziel der Geschlechterparität erreichen zu können.


Programm:

Geschichtswissenschaften und Geschlechtergerechtigkeit in Zahlen / Sciences historiques et égalité entre les sexes: les chiffres
Begrüssung und Präsentation der Erhebung / Accueil et présentation des enquêtes:
Alix Heiniger, boursière FNS Centre Maurice Halbwachs (ENS Paris), responsable suppléante du Département Politique scientifique de la SSH

Kommentare zu den Erhebungen | Commentaires sur les enquêtes:
• Lucas Burkart, Universität Basel, stv. Departementsleiter Departement Geschichte
• Julia Richers, Universität Bern, stv. Geschäftsführende Direktorin des Historischen Instituts
• Bernard Andenmatten, Université de Lausanne, vice-président de la Section d’histoire
• Julia Cahenzli, Schweizerischer Nationalfonds
• Regina Wecker, Universität Basel, ehemalige Präsidentin der SGG und Mitinitiatorin der Geschichtstage

Podium und Plenumsdiskussion / Table ronde et discussion plénière:
Moderation / Modération: Lina Gafner, Projektleiterin «Stadt.Geschichte.Basel»
Podium / Table ronde:
• Francesca Falk, Universitäten Bern und Fribourg, Mitverfasserin des nationalen Hochschulmanifests für den Frauen*streik
• Farinaz Fassa, Université de Lausanne, Institut des sciences sociales / Centre en Études genre
• Simon Teuscher, Universität Zürich, Historisches Seminar, Auswahlkommission Eccellenza des Schweizerischen Nationalfonds

Veranstaltung: 
Geschichtswissenschaften und Geschlechtergerechtigkeit - Sciences historiques et égalité entre les sexes
Organisiert von: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte - Société suisse d'histoire
Veranstaltungsdatum: 
27.09.2019
Ort: 
Bern
Sprache: 
d
Art des Berichts: 
Conference