Freiheit und Genossenschaft: Geschichtsschreibung im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung

AutorIn Name
Adrian
Zimmermann
Art der Arbeit
Lizentiatsarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Peter
Blickle
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2002/2003
Abstract

In der Geistigen Landesverteidigung kam der Geschichtsschreibung eine wichtige Rolle zu. Die Lizentiatsarbeit beschäftigt sich mit den Historikern Karl Meyer (1885–1950), Werner Näf (1894–1959) sowie Adolf Gasser (1903–1985) und fragt nach den Zusammenhängen, die zwischen der wissenschaftlichen Arbeit und dem politischen Engagement dieser drei Historiker für die Geistige Landesverteidigung bestanden.

 

Karl Meyer, ordentlicher Professor an der Universität und der ETH Zürich, verortete die Gründung der Eidgenossenschaft im Kontext der „kommunalen Bewegung“, die für ihn die zweite Welle demokratischer Entwicklung – nach der antiken Polis und vor der bürgerlich-demokratischen Revolution des 18./19. Jahrhunderts – darstellte. In diesem Zusammenhang betrachtete er die von der „kritischen Schule“ der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Reich der Sage verbannte Befreiungstradition zunehmend als einen mit den wenigen erhaltenen Urkunden in Einklang zu bringenden chronikalischen Bericht, der „im Kern“ geschichtliche Tatsachen überliefere. Meyers Deutung der eidgenössischen Gründungsgeschichte fand breite Beachtung, konnte sich aber nicht durchsetzen. Besonders nationalistische deutsche Historiker wie Georg von Below und Theodor Mayer bekämpften sie scharf. Nach Meyers Tod 1950 wurden seine Arbeiten zum Ursprung der Eidgenossenschaft – unter anderem von seinen ehemaligen, stark mit der deutschen Mediävistik verbundenen Doktoranden Bruno Meyer und Marcel Beck – als „mythologisch“ und damit unwissenschaftlich abgestempelt.

 

Meyer erwarb sich vor und während des Zweiten Weltkriegs den Ruf eines patriotischen „Mahners“. Für eine wirksame Vorbereitung der Landesverteidigung gelte es, auf das Schlimmste gefasst zu sein („hochgemuter Pessimismus“). 1940 gehörte er zu den Gründern der „Aktion Nationaler Widerstand“, die als Geheimorganisation den Widerstand gegen die Achsenmächte vorbereitete.

 

Werner Näf, ordentlicher Professor für Neuere Geschichte in Bern, beschäftigte sich mit der Entstehung des modernen Staates. Mit Blick auf die kommunalen Stadtstaaten, die Magna Charta in England und die Umwälzungen im Reich, nicht zuletzt aber auch auf die Entstehung der Eidgenossenschaft, kam er zum Schluss, dass die Anfänge des modernen Staats im 13. Jahrhundert zu suchen seien. Mit dem Ziel, ein wissenschaftliches Diskussionsforum zu schaffen, das dem Einfluss der deutschen NS-Regierung entzogen blieb, begründete Werner Näf die „Schweizerischen Beiträge zur Allgemeinen Geschichte“. Diese wurden anfänglich durch die Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz (AGGS) herausgegeben, was auf erheblichen Widerstand seitens des Redaktors der „Zeitschrift für Schweizergeschichte“, des Aargauer Staatsarchivars Hektor Ammann, einer Schlüsselfigur der germanophilen Rechten in der Schweiz, stiess.

 

Näfs Beitrag zur Geistigen Landesverteidigung bestand unter anderem aus breit beachteten Reihen von Radiovorträgen, mit denen er das Geschichtsbewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit stärken wollte. Er verweigerte sich Vereinnahmungsversuchen von staatlicher und parteipolitischer Seite und verstand es besser als Meyer, einen Ruf als „reiner Wissenschaftler“ zu wahren.

 

Adolf Gasser – Schüler Karl Meyers, Gymnasiallehrer und Privatdozent in Basel – hatte sich mit seinen Forschungen zur Bildung der Landeshoheit einen Namen gemacht. Sein Beitrag zur Geistigen Landesverteidigung bestand in einem auf dem Gegensatzpaar „Herrschaft und Genossenschaft“ beruhenden Entwurf einer Theorie der Weltgeschichte. Nur „altfreie“, auf „wehrhaften Volksgemeinden“ („Gemeindefreiheit“) beruhende Staaten hatten sich seiner Überzeugung nach als stabile Demokratien erwiesen, die dem autoritären Zeitgeist zu trotzen vermochten. Diese geschichtspolitische Theorie fand eine gewisse Beachtung in antifaschistischen Exil- und Widerstandskreisen und in der in der Nachkriegszeit sich neu formierenden europäischen föderalistischen Bewegung. Diese Sichtweise diente Gasser auch als analytisches Raster für seine das Kriegsgeschehen kommentierenden Leitartikel in der Basler „National-Zeitung“, in denen er verschiedentlich den Kriegsverlauf erstaunlich präzise prognostizierte.

 

Die Arbeit kommt zum Schluss, dass der in der bisherigen Literatur vor allem gegen Karl Meyer oft pauschal erhobene Vorwurf einer der nationalen Mythenbildung dienenden Geschichtsschreibung zu einseitig ist. Die politischen Aspekte der Werke stehen in einem Zusammenhang, der in der bisherigen Literatur zu wenig herausgearbeitet worden ist: Der Untergang der italienischen (1922), deutschen (1933), österreichischen (1934) und schliesslich der französischen (1940) Demokratie führte auch in der Schweiz dazu, dass viele Intellektuelle die demokratischen Errungenschaften von 1848 und 1874 als „Importprodukt“ in Frage stellten. In der Auseinandersetzung mit dieser rechts-autoritären Richtung der Geistigen Landesverteidigung, deren Hauptvertreter der reaktionäre Romanist und Geschichtsphilosoph Gonzague de Reynold war, kam dem Kampf um die Deutung der Alten Eidgenossenschaft eine entscheidende Rolle zu: Im Unterschied zu diesen Befürwortern einer autoritären „Neuordnung“, die in der Alten Eidgenossenschaft das Gegenbild zur angeblich ausländisch beeinflussten modernen Demokratie erkennen wollten, erblickte die demokratische Richtung der Geistigen Landesverteidigung in den alteidgenössischen Republiken die Wurzeln einer weit in die schweizerische Geschichte zurückreichenden demokratischen Tradition. In diesem Zusammenhang ist die Gasser, Meyer und Näf gemeinsame Betonung einer Parallelität zwischen der Behauptung der Alten Eidgenossenschaft in einem feudalen Umfeld und der Behauptung der modernen liberalen und demokratischen Schweiz gegen die faschistischen Nachbarstaaten und ihre schweizerischen Nacheiferer zu verstehen.

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