Fiktionale Vergangenheiten erforschen und erzählen. Fan-Historiografie zu Elden Ring zwischen Spiel und Wissenschaft

AutorIn Name
Simon
Friedli
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christof
Dejung
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Diese Masterarbeit befasst sich mit der Frage, wie Geschichte in digitalen Spielen nicht nur in Form von historischem Wissen, sondern als Disziplin und Praxis präsent ist und wie Spieler:innen um digitale Spiele historiografische Diskurse reproduzieren.Im Zentrum steht mit Elden Ring (2022) ein Spiel, das nicht die reale Vergangenheit abbildet, sondern eine fiktionale Welt. Die Darstellung einer fiktionalen Vergangenheit in Elden Ring hat für das Interesse dieser Arbeit gegenüber Darstellungen der realen Vergangenheit in Spielen wie Assassin’s Creed und Kingdom Come den Vorteil, dass sie nicht auf bereits vorhandener und zugänglicher Forschung basiert, an welcher die Darstellung im Spiel gemessen wird, sondern das Spiel selbst die primäre Vermittlungsinstanz ist: Wer die (fiktionale) Vergangenheit erforschen will, kann dies nur dort tun. Elden Ring bietet sich als Untersuchungsobjektan,weildiedargestellteWeltstark in ihrer Vergangenheit verankert ist, Spieler:innen, die ihre eigene Aufgabe in der Spielwelt ergründen wollen, müssen ihren Blick notwendigerweise auf diese Vergangenheit richten. Gleichzeitig gibt die Welt Informationen nur spärlich und in Form von verstreuten Fragmenten preis, die man ohne Anleitung oder Unterstützung vonseiten des Spiels zusammensetzen muss. Die Erforschung der Vergangenheit sowohl in Bezug auf Methode als auch Inhalt liegt also ganz in den Händen der Spieler:innen, wobei bei Elden Ring eine grosse Community existiert, die sich dieser Aufgabe widmet. Aufbauend auf der Forschung von Nick Webber und Charlotte E. Stevens werden diese als Fan-Historiker:innen bezeichnet. Um Lücken in ihrem Wissensstand zu füllen oder eigene Beobachtungen zu teilen, treten Fan-Historiker:innen online in eine kollektive Partizipation ein, welche auf mehreren Ebenen stattfindet und verschiedene Formen an Outputs erzeugt, welche von Posts in Diskussionsforen bis zu mehrstündigen, aufwändig produzierten Videos auf Youtube reichen. Eine thematisch verbundene Auswahl dieser Outputs stellen die Quellengrundlage der Arbeit dar.
 

Hauptziel dieser experimentellen Arbeit, die Ansätze aus der Geschichtstheorie, den historischen Game Studies und den Erzähl- und Medienwissenschaften kombiniert, ist es, diese Fan-Historiografie in Breite und Tiefe abzubilden. Auf Basis der Kernthese, dass es sich dabei um einen historischen Diskurs in der Form, aber nicht im Inhalt handelt, wird durch eine qualitative und vergleichende Analyse der Quellen aufgezeigt, dass die Fan-Historiker:innen, obwohl das Subjekt nicht die reale Vergangenheit ist, ein Verständnis von Themen wie Quellenkritik, Argumentation/ Interpretation/Spekulation, Thesenbildung und Emplotment haben, welche sie untereinander verhandeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Rolle von Narrativität bei der Produktion der Outputs in Videoform. Geschichte wird hier nicht nur dargestellt, sondern die Quellenfragmente werden eingeordnet und verknüpft, um sinnstiftende Erzählungen zu generieren. Damit unterstreicht das Untersuchungsfeld die von Hayden White erforschte universale Präsenz von Narrativität in der Darstellung von Geschehenem.
 

Daneben werden auch die sozialen Dynamiken innerhalb dieser Fan-Historiografie kritisch betrachtet. Es wird gezeigt, wie einige Fan-Historiker:innen durch ihre Outputs grosse Reichweite und Rezeption erlangen und dadurch zu Autoritäten im Feld werden, die den Diskurs mit ihren Stimmen stark prägen. Aufgrund des Hobby-Charakters des Diskurses fehlt allerdings insgesamt der institutionelle Rahmen, um etwa Autorschaft zu etablieren oder Plagiate zu sanktionieren, weshalb Wissen und Thesen nicht konsequent als Produkte der historischen Arbeit von Individuen wahrgenommen werden, sondern auch als autorlose Konstanten.
 

Separat wird als zweite Kernthese betrachtet, dass es sich beim Untersuchungsfeld teilweise auch um einen historischen Diskurs in der Form, aber nicht im Inhalt handelt: Eine kleinere Untergruppe der Quellen betrachtet die fiktionale Vergangenheit als beabsichtigtes Spiegelbild der realen Vergangenheit und verwendet Bezüge auf echte historische Ereignisse, um die fiktionalen Quellen zu erklären und zu erweitern. Hier lässt sich eine sehr interessante Umkehrung von Whites Narrativitätstheorie beobachten: Statt dass Fiktion verwendet wird, um der Geschichte Kohärenz zu verleihen, wird hier der fiktionalen Erzählung durch Appelle an die reale Vergangenheit Sinnstiftung verliehen. Dabei musste aber auch festgestellt werden, dass die jeweiligen Quellen mit dem realen historischen Wissen intransparent umgehen und nur populäre bis überholte Geschichtsbilder wiedergeben.
 

Insgesamt zeigt die Arbeit das Potenzial des Untersuchungsfelds als einen Ort, in dem im digitalen Raum eine Auseinandersetzung mit Geschichte stattfindet, der von der konventionellen Geschichtsforschung bislang unbeachtet blieb, auf. Das gesteckte Ziel erwies sich allerdings als zu gross, weshalb viele Aspekte schlussendlich nicht im gewünschten Detailgrad behandelt werden konnten.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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