Die Vermessung des hygienischen Subjekts . Zur Quantifizierung hygienischen Wissens in der Schweiz, 1864 – 1914

AutorIn Name
Anja
Grob
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Dr.
Juri
Auderset
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Statistik und Hygiene wurden in der geschichtswissenschaftlichen Forschung bisher weitgehend getrennt voneinander betrachtet. Dieser Umstand überrascht insbesondere, weil beide Disziplinen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozess durchschritten und zu gesellschaftlich wichtigen Wissenschaften avancierten. Dass die Geschichte der Hygiene und der Statistik sowohl personell als auch epistemisch eng verflochten ist, stellt die Ausgangsbeobachtung der Masterarbeit dar. Die wissens- und kulturhistorische Arbeit geht der Frage nach, auf welche Weise quantifizierende und statistische Verfahren in der Produktion und Vermittlung von hygienischem Wissen eingesetzt wurden und welche Einflüsse sie auf die gesellschaftliche Konstruktion des „Normalen“ hatten.
 

Durch die Bevölkerungsansammlungen in den Städten und die ungesunden Lebensverhältnisse im Zuge der Industrialisierung wurde, so die These, das hygienische Subjekt zum Problem erklärt und quantitativ vermessen. Ausgestattet mit der Autorität statistischer Evidenz und Objektivität produzierten statistisch bewandte und hygienisch engagierte Ärzte vorwiegend deskriptive Statistiken in Form von Zahlen und Tabellen, um die Gesellschaft „lesbar“ zu machen (James C. Scott). Mit dem statistischen „Tatsachenblick“, der zwischen Wichtigem und Unwichtigem selektionierte und gleichzeitig blinde Flecken produzierte, wurden immerzu auch kulturelle Normerwartungen an das hygienische Subjekt geschaffen. Indem Hygiene diskursiv an Produktivität geknüpft wurde, entfaltete die Quantifizierung ihr disziplinierendes Potential.

 

Anhand von vier Schauplätzen hygienischer und statistischer Wissensproduktion – der Schulhygiene, der Tuberkulosestatistik, der Militärhygiene und der Impfstatistik–wird aufgezeigt, wie die beiden Disziplinen interagierten und voneinander profitierten. Grundlage der Analyse bildet ein vielseitiges Quellenkorpus aus Fachzeitschriften wie beispielsweise die Blätter für Gesundheitspflege und die Zeitschrift für schweizerische Statistik, wissenschaftliche Monografien, Lexika, Kongress- und Tagungsberichte, populärwissenschaftliche „Belehrungsblätter“ und Akten aus der Abteilung Sanitätswesens des Eidgenössischen Departements des Inneren, des Eidgenössischen Militärdepartements und des Bundesamts für Statistik im Bundesarchiv sowie Archivalien aus der Hygienekommission der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft im Schweizerischen Sozialarchiv.
 

Im Feld der Schulhygiene wird anhand des Statistikers und Hygienikers Louis Guillaume aufgezeigt, wie mittels quantitativer Nachweise die These gestützt wurde, dass die Schule krank mache, und wie darauf aufbauend schulpolitische Massnahmen gefordert und legitimiert wurden. Wie alle Hygieniker versuchte er unermüdlich seine Inhalte in die Politik zu tragen. Sie bewegten sich in unterschiedlichen Arenen: In wissenschaftlichen Gesellschaften, als Autoren in Fachzeitschriften und an internationalen Kongressen. Selbst bei jenen statistischen Verknüpfungen, die bereits damals als zu waghalsig kritisiert wurden, blieb ihr Anspruch auf gesellschaftliche Deutungshoheit bestehen. Denn die Statistik wurde als Fortschritt angesehen und lieferte gleich selbst eine Methode, ebendiesen zu quantifizieren.
 

Breit angelegte statistische Untersuchungen in den 1860er-Jahren sollten helfen, Erkenntnisse über die Verbreitung der Tuberkulose zu sammeln, bevor Robert Koch 1882 das Tuberkulosebazillus entdeckte. Auch hier drohte den Akteuren die Gefahr von Scheinzusammenhängen und einer einseitigen Auslegung der Ergebnisse. Dies zeigte sich beispielsweise in der Bestätigung der ohnehin schon dominanten These einer immunisierenden Wirkung von höheren geografischen Lagen, was den alpinen Kurorten für die zeitgenössisch als „Lungenschwindsucht“ bezeichnete Krankheit weiter Aufschub gab. Bei der Behandlung der Lungenschwindsüchtigen spielten auch volkswirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, indem Anspruch auf Heilung statistisch an Aussicht auf Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit geknüpft wurde. Die Erhebungen zur Tuberkulose resultierten allerdings oft in Konsternation über mangelnde und mangelhafte Daten, weil sich die lokalen Ärzte nur teilweise für das Unterfangen gewinnen liessen.

 

Dass die Geschichte der Statistik konfliktgeladen ist, zeigt sich auch bei der Militärhygiene und der Impfstatistik. Während militärhygienische Massnahmen hauptsächlich zur Erhaltung der „Wehrkraft“ dienten, wurden die Daten aus den Rekrutenuntersuchungen auch verwendet, um statistische Aussagen über die „Volkskraft“ zu ziehen. Weil die Daten von den Militärärzten spezifisch für die Tauglichkeitsprüfung der männlichen Soldaten erhoben, davon ausgehend aber auf die zivile Gesamtbevölkerung geschlossen wurde,
 

hatte dies nicht nur einen normierenden Effekt, sondern führte auch zu einer Auseinandersetzung zwischen den Militärärzten und dem Eidgenössischen Statistischen Bureaus über den Zweck der Militärstatistik. Im Fall der Impfstatistik verwendete im Zuge der aufgeladenen Diskussionen rund um die Einführung eines nationalen Impfobligatoriums 1882 sowohl die impfkritische als auch die impfbefürwortende Seite Statistiken zur Vermittlung und Legitimierung ihrer jeweiligen Anliegen. In polemischer Weise warfen sie sich gegenseitig statistische Unkenntnis vor – über das statistische Werkzeug waren sie sich aber einig. Die Auseinandersetzung spielte sich innerhalb des statistischen Paradigmas ab.

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