Diese Masterarbeit untersucht, wie Staat und Öffentlichkeit der Schweiz auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, sowie die Reichsgründung 1871 reagierten und welche Folgen diese Ereignisse für die Schweizer Neutralitätspolitik hatten. Ausgangspunkt ist die Frage, inwiefern die Kriegserfahrung und das Entstehen einer neuen Grossmacht in unmittelbarer Nachbarschaft Handlungsspielräume, Wahrnehmung und das Selbstbild der Schweiz veränderten. Methodisch verknüpft die Arbeit eine politikgeschichtliche Analyse von Bundesratsprotokollen, diplomatischen Akten und Militärberichten mit einer diskursanalytischen Auswertung zeitgenössischer Zeitungen aus verschiedenen politischen, konfessionellen und kulturellen Milieus. Somit werden Entscheidungsprozesse der „high politics“ und deren Resonanz in der Öffentlichkeit aufgezeigt.
Die Schweizer Regierung machte nach Kriegsausbruch im Sommer 1870 eine Politik der kontrollierten Flexibilität und verband in der Neutralität militärische Abschreckung, diplomatische Berechenbarkeit und humanitäres Engagement. Die Internierung der Bourbaki-Armee im Winter 1870/71 erwies sich als logistischer Kraftakt, der den internationalen Ruf der Schweiz als moralische Instanz festigte und zugleich den inneren Zusammenhalt stärkte. Die heterogenen Sympathien und Meinungen in der Schweizer Öffentlichkeit und deren Wandel über den Verlauf der Ereignisse von 1870/71 erforderte eine Besinnung auf gemeinsame Prinzipien und Werte, um eine nationale Einheit zu schaffen.
Aus dieser Bewährungsprobe erwuchsen zum einen Chancen, wie ein klar definierter Ansprechpartner in Berlin, Zusammenarbeit in grossen Infrastrukturprojekten wie dem Gotthardtunnel und ein grosser Absatz- und Beschaffungsmarkt für die Schweizer Wirtschaft. Andererseits entstanden durch die Deutsche Reichsgründung zu einem mächtigen Nationalstaat Risiken, wie die zunehmende ökonomische Abhängigkeit oder die latente Bedrohung durch eine militärische Grossmacht. Innenpolitisch reagierte die Schweiz mit der Verfassungsrevision 1874, welche die Bundeskompetenzen im Militär- und Finanzwesen ausbaute und damit die Grundlage einer aktiven Neutralität institutionalisierte.
Die Arbeit argumentiert, dass der Deutsch-französische Krieg und die Reichsgründung als Katalysator für ein neues schweizerisches Selbstverständnis wirkte. Die eidgenössische Neutralität entwickelte sich vom passiven „Stillesitzen“ zu einer aktiven Politik. Diese veränderte Grundhaltung verankerte die Neutralität im nationalen Selbstverständnis und führte die Schweiz zu ihrer Rolle als Vermittlerin der „guten Dienste“. Die Untersuchung soll aufzeigen, wie ein neutraler Kleinstaat wie die Schweiz durch pragmatische Anpassungsfähigkeit im politischen Kontext der europäischen Grossmächte handlungsfähig blieb und durch die Krisen im Ausland ein innenpolitischer Zusammenhalt entstehen konnte.