Die Nacht der geschlossenen Fenster. Proteste nach dem Grossbrand von Schweizerhalle (BL), 1986

AutorIn Name
Yannick
Käser
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
PD Dr
Daniel Marc
Segesser
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Der Grossbrand auf dem Areal der Sandoz AG in Schweizerhalle vom 1. November 1986 gilt als die grösste technische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert und wurde in der öffentlichen Diskussion in eine Reihe mit den Störfällen von Seveso, Bhopal und Tschernobyl gestellt. Der Störfall galt als Novum in der Techniknation Schweiz, in der eine Katastrophe dieses Ausmasses damals unvorstellbar gewesen war. Zahlreiche Akteur:innen der Zivilgesellschaft nahmen den Störfall als eine tiefgreifende Zäsur im Verhältnis zwischen der Basler Bevölkerung und der chemischen Industrie, des grössten Wirtschaftsfaktors der Region, wahr. Neben den erheblichen ökologischen Schäden durch die Verschmutzung des Rheins, die von Basel bis in die Niederlande zu hunderttausenden toten Tieren führte, erschütterte das Ereignis das Vertrauen von Teilen der Wohnbevölkerung beider Basel in staatliche Kontrollmechanismen, industrielle Sicherheitsstandards und behördliche Krisenkommunikation. Während sich die bisherige Forschung vor allem mit naturwissenschaftlichen Zugängen über die Folgen des Brandes mit Blick auf den Rhein sowie mit der Rolle der Behörden und des Konzerns Sandoz befasst hat, richtet diese Masterarbeit den Fokus auf die gesellschaftlichen Reaktionen in Form von Protestaktionen, die sich im Anschluss an den Störfall manifestierten.
 

Im Zentrum der Untersuchung stehen die Protestaktionen von Studierenden und Schülerinnen in Basel, die bislang in der historischen Forschung kaum berücksichtigt wurden. Die Arbeit fragt danach, unter welchen organisatorischen Bedingungen diese Proteste zustande kamen, wie sie strukturiert waren, welche Akteur:innen sie trugen, wie lange sie Bestand hatten und welche Wirkungen sie kurzund mittelfristig entfalteten. Ein Augenmerk gilt der Einordnung in den Kontext der studentischen Proteste ab den 1960er Jahren und der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre. Dabei wird unter anderem untersucht, inwiefern die studentischen Proteste als alleinstehende Aktion oder als Teil einer weiter gefassten Organisation der Betroffenen verstanden werden können.
 

Den theoretischen Rahmen der Arbeit bilden Ansätze der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung. Unter anderem wird auf Konzepte der Mobilisierung, kollektiven Identität und Ressourcenabhängigkeit sowie politischen Gelegenheitsstrukturen rekurriert. Diese werden für eine geschichtswissenschaftliche Analyse fruchtbar gemacht und mit einem historischen Zugang kombiniert. Methodisch basiert die Untersuchung auf einer quellenkritischen Analyse textueller und bildlicher Zeugnisse der entsprechenden Zeit. Visuelle Quellen wie Plakate und Transparente der Protestierenden werden unter Einbezug von Zugängen der Visual History ausgewertet. Die Grundlage bildet ein bislang unerschlossenes Quellenkorpus aus dem Privatarchiv einer ehemaligen Studierendenführerin. Dieses wird durch zeitgenössische Presseberichte, Publikationen privater Umweltorganisationen, studentische Printmedien sowie einer unternehmensnahe Darstellung des Ereignisses ergänzt.
 

Die Analyse zeigt, dass die Proteste nach Schweizerhalle nicht als rein lokal begrenzte Reaktionen zu verstehen sind. Die Protestaktionen dauerten über mehrere Monate an und mobilisierten Menschen auch über die Landesgrenzen hinaus. Obwohl die ersten Proteste fast spontan noch am selben Tag stattfanden, wurden daraufhin über anderthalb Monate und dann jährlich wieder Demonstrationen und andere Proteste organisiert. Die Studierenden der Universität Basel und ihre Körperschaften nahmen dabei zwar keine zentrale Rolle ein, waren aber gut vernetzt und konnten durch ihre Mittel und institutionellen Zugänge zu den Manifestationen durch Mobilisierung beitragen. Darüber hinaus konnten sie auch im Rahmen von Universität und Kanton ihr Gewicht in die Waagschale werfen. Die Protestaktionen zeichneten sich durch eine hohe symbolische Dichte und eine bewusste mediale Inszenierung aus. Die Forderungen der verschiedenen Akteur:innen betrafen unter anderem die politisch-juristischen Rahmenbedingungen für die Industrie, zukunftsweisende Neuorientierungen zu einer Nachhaltigen Entwicklung, eine Bildungsoffensive und Wissenschaftsförderung.
 

Weiter zeigt die Arbeit, dass die Proteste zwar nur begrenzte unmittelbare Auswirkungen auf die chemische Industrie selbst hatten, jedoch zur Politisierung einzelner Bevölkerungskreise beitrugen und nachhaltige Effekte im institutionellen und gesellschaftlichen Kontext entfalteten. Dazu zählen unter anderem eine zeitweise verstärkte öffentliche Sensibilisierung für Umwelt- und Sicherheitsfragen, die Etablierung neuer Diskussionsräume an der Universität Basel sowie Impulse für längerfristige organisatorische und politische Entwicklungen im Umfeld der Umweltbewegung.

Zugang zur Arbeit

Bibliothek

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