Die Entwicklung des portugiesischen Vereinswesens im Oberengadin. Das Vereinsleben aufgearbeitet in Zusammenhang mit den Migrationserfahrungen der Mitglieder seit den 1980er Jahren

AutorIn Name
Seraina
Campell
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Francesca
Falk
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2024/2025
Abstract

2'088 Kilometer Fahrtstrecke entfernt von ihrer Heimat im ländlichen Norden Portugals etablierten portugiesische Arbeitsmigrierende im Oberengadin seit den 1980er Jahren ein vielseitiges Vereinswesen. Über wenige Jahrzehnte hinweg ist aus einem engen Migrationsnetzwerk ein lebhaftes Vereinsleben mit zahlreichen Aktivitäten und Angeboten für die portugiesische Gemeinschaft im Bündner Hochtal entstanden. Die ersten portugiesischen Migrierenden in den 1980er und 1990er Jahren fanden unter dem sogenannten „Saisonnierstatut“ (A-Bewilligung) meist eine Anstellung im Gastgewerbe, der Hotellerie oder im Baugewerbe. Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen prägten die ersten Aufenthaltsjahre und spiegelten sich in der Selbstorganisation der schnell wachsenden Migrierendengruppe wider. Mit der Abschaffung der A-Bewilligung und den damit einhergehenden Veränderungen der Lebensumstände und Zukunftsplanungen, richteten sich die Vereine neu aus.

 

In der Masterarbeit wurde daher der Frage nachgegangen, wie sich das Vereinswesen der portugiesischen Migrierenden im Oberengadin seit den 1980er Jahren entwickelt hat und wie die Entwicklung des Vereinslebens mit der Migrationserfahrung der Mitglieder zusammenhängt. Anhand von Oral-History-Interviews wurden die Stimmen der Vereinsfunktionäre und aktiven Mitglieder aufgegriffen, um eine Perspektive einzunehmen, die sich auf die Erfahrungen der Migrierenden konzentriert. Ergänzend dazu wurden Medienbeiträge über die portugiesische Gemeinschaft und das Vereinsleben als weitere Quellengrundlage hinzugezogen.

 

Die Masterarbeit zeigt, wie die Entwicklung der Vereine in drei Phasen verlaufen ist. Diese hängen jeweils eng mit den lokalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. Die erste Phase der 1980er und frühen 1990er Jahre war geprägt von einem starken Bedürfnis nach Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung, insbesondere angesichts der schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen unter dem Saisonnierstatut. Die portugiesischen Vereine dienten in dieser Zeit als Räume, wo einerseits Heimatgefühle gemeinsam erlebt werden konnten und andererseits familiäre Trennung und Heimweh kompensiert wurden. In der zweiten Phase, die mit der Verbesserung der Lebensbedingungen und der Abschaffung des Saisonnierstatuts einherging, öffneten sich die Vereine zunehmend gegenüber der Ankunftsgesellschaft im Oberengadin. Vereinsfunktionäre und langjährige Mitglieder verstanden sich als Brückenbauende und förderten die Integration der eigenen Landsleute in die lokale Gesellschaft. Gleichzeitig sollten die Vereine ein Ort bleiben, wo Traditionen aus der Heimat bewahrt und weitergegeben werden konnten. Diese Phase markierte den Höhepunkt des Vereinslebens, da die Vereine sowohl intern als auch extern eine zentrale gesellschaftliche Rolle einnahmen. Die dritte und aktuelle Phase wird als Krisenphase interpretiert. Die Herausforderungen durch die hohen Lebenshaltungskosten, die Wohnungsnot und die Altersstruktur der Vereinsfunktionäre gefährden die Zukunft der Organisationen. Die zunehmende Diversität innerhalb der portugiesischen Gemeinschaft und die sich verändernden Bedürfnisse der jüngeren Generation stellen die Vereine vor neue Aufgaben, auf die bisher keine einheitliche Antwort gefunden wurde.

 

Die Analyse verdeutlicht, dass die portugiesischen Vereine im Oberengadin nicht nur als Weiterführung portugiesischer Lebensweise zu verstehen sind, sondern als transnationale Räume, die von den Migrationserfahrungen ihrer Mitglieder geprägt wurden. Sie verbinden Elemente der Herkunfts- und Ankunftsgesellschaft und schaffen so einen Raum für die transnationalen Identitäten der Vereinsmitglieder und vielfältige Zugehörigkeitsgefühle. Dennoch bleiben Fragen zur langfristigen Entwicklung der Vereine und zur Perspektive der jüngeren Generation sowie derjenigen, die sich nicht in den Vereinsstrukturen wiederfinden, offen.

 

Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Forschung über Migrierendenorganisationen in der Schweiz, indem sie eine ländliche Bergregion als Fallstudie wählt und die Migrationserfahrungen selbst ins Zentrum rückt.

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