CfP: Der Zugang zu Wissen – Zum Verhältnis von historischer Bildungsforschung, Quellen und Gedächtnisinstitutionen

28. Februar 2023
Call for papers

Eine Tagung der Stiftung Pestalozzianum in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich und der Arbeitsgruppe Historische Bildungsforschung der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung

Datum: 28.9.2023
Ort: Tagungszentrum Schloss Au (Au, ZH)

Die Stiftung Pestalozzianum ist, neben anderen Archiven, eine Gedächtnisinstitution, die sich für den Erhalt und die Zugänglichkeit ihrer umfangreichen, heterogenen Sammlungen aus dem Bereich Bildung und Schule einsetzt. Zu den Sammlungen Pestalozzianum gehören Archivalien, eine Bibliothek sowie Bildersammlungen, welche zum einen mit ihren Schulwandbildern und Fotografien Einblick in visuelle Unterrichtspraktiken des 20. Jahrhunderts geben und welche zum anderen mit ihren Kinderzeichnungen Hinweise zur Zeitgeschichte aus Kinderhand bieten. Diese Sammlungen werden seit 2016 digitalisiert, erschlossen und über verschiedene Forschungsinfrastrukturen zugänglich gemacht. Auf dieser Basis stellt die Stiftung Pestalozzianum grundlegende Fragen hinsichtlich der Beziehung von Gedächtnisinstitutionen und bildungshistorischer Forschung sowie vor dem Hintergrund von heterogenen Quellen.

Die bildungshistorische Forschung ist genuin auf Archive, Bibliotheken oder andere Gedächtnisinstitutionen angewiesen, die Vergangenes verfügbar machen. Denn erforschbar ist immer nur das, was durch solche Institutionen auch überliefert wird. Der Prozess der Überlieferung ist in staatlichen oder staatsnahen Archiven weitgehend standardisiert. Da die Datenmenge die Möglichkeiten der Überlieferung sprengt, werden archivische Lücken in der Dokumentation in Kauf genommen und blinde Flecken produziert. In dieser Hinsicht sind Gedächtnisinstitutionen Orte der Vernichtung (Landwehr 2016, S. 182). Zwar beansprucht das begründete Wegwerfen von Unterlagen für sich, zur Informationsverdichtung und Überlieferungsbildung Redundanz zu verringern, aber die unauflösliche Verschränkung von Archiv und Macht lässt Fragen nach historischen Bewertungen sowie Auswahl- und Kassationspraktiken entstehen (Schenk 2021, S. 139). Die Prozesse der Bewertung und Kassation verlaufen – zumindest in privaten Archiven – sehr unterschiedlich, teilweise auch zufällig und häufig – in Abhängigkeit von ändernden Rahmenbedingungen – unbeständig (Marty 2021). Das führt zu heterogenen Datenbeständen, seriellen Brüchen und oftmals unbekannten Provenienzen.

Überlieferte und somit archivwürdige Quellen sind für die Forschung unsichtbar, solange sie nicht zugänglich gemacht werden. Die Zugänglichkeit kann über analoge oder digitale Verzeichnisse gewährleistet werden. Die Digitalisierung der Quellen selbst, also eine Anreicherung digitaler Verzeichnisse durch Digitalisate, ermöglicht eine computergestützte, standardisierte Auswertung (etwa durch distant reading, text mining u.ä.).

Zugänglichkeit allein bedingt aber noch keine Sichtbarkeit. Das gilt offensichtlich für Gedächtnisinstitutionen mit rein analogen Verzeichnissen. Das gilt aber genauso für digitale Verzeichnisse sowie für voll digitalisierte Quellen. Denn in den letzten Jahren entstanden eine Vielzahl digitaler Verzeichnisse und Forschungsinfrastrukturen, die teilweise in verschiedenen Verbünden angesiedelt sind oder aber – als Insel-Lösung – in keinem Verbund angesiedelt sind. Eine herausragende Rolle als Akteure spielen hierbei die nationalen oder (sprach-)regionalen Bibliothekensysteme mit ihren Verbundkatalogen. Daneben entstehen disziplinäre Meta-Dateninfrastrukturen, welche Daten verschiedener Insel-Lösungen oder aus verschiedenen Verbünden zusammenziehen und so an einem Ort zugänglich machen (Hocker u.a. 2022; Hartong/Machold/Stosic 2020).

Die Digitalisierung ausgewählter Quellenbestände erzeugt hinsichtlich der Sichtbarkeit von Quellen eine Dysbalance. Denn digitalisierte Quellen ermöglichen einen einfacheren Zugriff und eine standardisierte Auswertung. Es besteht die Möglichkeit, dass Forscher:innen eher mit digitalisierten Quellen arbeiten, als mit jenen, die mühsam in verschiedenen Archiven selbst gehoben, gelesen (close reading) oder gar transkribiert werden müssten. Die Digitalisierungspraxis von Gedächtnisinstitutionen kann Forschungsperspektiven lenken. Und sofern in Forschungsprojekten eigene Datenbestände digitalisiert und ausgewertet werden, müssen anschliessend Fragen der Nachnutzbarkeit geklärt werden (Reh/Müller/Cramme/Reimers/Caruso 2020).

Aus diesem Fächer an Herausforderungen, die allesamt das Verhältnis von Gedächtnisinstitutionen und bildungshistorischer Forschung betreffen, interessieren uns insbesondere Beiträge, die sich etwa mit folgenden Fragen auseinandersetzen:
- Wie beeinflussen heterogene Datenbestände, Datenlücken und unbekannte Provenienzen die bildungshistorische Forschung? Und wie können bildungshistorische Forschungsergebnisse in Gedächtnisinstitutionen zurückfliessen?
- Wie können heterogene Quellenbestände in digitale Forschungsinfrastrukturen integriert werden? Und welche (neuen) Forschungszugänge ermöglichen heterogene Quellenbestände (bspw. Sammlungen Pestalozzianum)?
- Welchen Logiken folgen Digitalisierungspraktiken von Gedächtnisinstitutionen? Welche Rolle spielen hierbei Forschungsperspektiven, Forschungstrends und Forschungsmethoden? Und was beeinflusst die Sichtbarkeit von Quellen, neben der Digitalisierung? Wo stehen wir mit der Integration bildungshistorischer Datensätze in die Katalogsysteme der (sprach-)regionalen und nationalen Verbundkataloge? Gibt es gute Praktiken bei der Zusammenarbeit zwischen bildungshistorisch Forschenden und Archiven/Bibliotheken bei der Veröffentlichung bildungshistorischer Quellen?
- Wie verändern digitale Forschungsinfrastrukturen die Forschungs- und Lehrpraxis? Welche neuen Forschungszugänge ermöglichen computergestützte, standardisierte Forschungsmethoden und welche Anforderungen stellen sie an Gedächtnisinstitutionen? Entsteht unter weitgehender Aufgabe von materiellen Eigenschaften und ohne die zeitliche Dimension ein Content ohne Kontext (Knoche 2018, S. 13)?

Willkommen sind Einzelbeiträge (keine Symposien) in deutscher, englischer oder französischer
Sprache aus folgenden Disziplinen:
- Historische Bildungsforschung
- Geschichtswissenschaft
- Digital Humanities
- Archivwissenschaft

Vorschläge für Beiträge im Umfang von maximal 2’500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) können bis zum
28.2.2023 unter stiftung.pestalozzianum+derzugangzuwissen@phzh.ch eingereicht werden.
Rückmeldungen zu Einreichungen erfolgen bis zum 30.4.2023

Organisiert von
Stiftung Pestalozzianum / Pädagogische Hochschule Zürich / Schweizerische Gesellschaft für Bildungsforschung

Veranstaltungsort

Sprachen der Veranstaltung
Deutsch
Französisch
Englisch

Zusätzliche Informationen

Kosten

CHF 0.00

Anmeldung