„Auf, in den heiligen Krieg gegen alles, was unrein ist“ . Sittlichkeitsdiskurs und Geschlechteraspekte im Kontext der Vereine zur Hebung der Sittlichkeit zwischen 1875 und 1930

AutorIn Name
Livia Noemi
Meyer
Art der Arbeit
Masterarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Joachim
Eibach
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2025/2026
Abstract

Ende des 19. Jahrhunderts bildete die sogenannte „Sittlichkeitsfrage“ ein Politikum. Unter dem nicht klar definierten und durchaus dehnbaren Begriff „Sittlichkeit“ wurden diverse Themen wie Sexualmoral, Prostitution, Geschlechtskrankheiten, Alkoholismus, Unterhaltungskultur, Erziehungsfragen, Geschlechterverhältnisse und Geschlechterrollen verhandelt. Insbesondere als Reaktion auf den rasanten gesellschaftlichen Wandel im 19. Jahrhundert gründeten sich von England ausgehend in Europa, den Kolonien und den USA Sittlichkeitsvereine, die diesen als sittlich-moralischen Zerfall interpretierten und eine Reform „zur Hebung der Sittlichkeit“ anstrebten. Auch in der Schweiz entstanden im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Sittlichkeitsvereine, die die als sittlich deklarierten Normen gesellschaftlich als auch gesetzlich zu verankern und normabweichende Personen durch ihre privaten Erziehungsheime zu normkonformem Verhalten zu bringen versuchten. Durch diese öffentlichen Tätigkeiten beteiligten sich die Sittlichkeitsvereine an Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Deutungsmacht, die zu definieren vermochte, was als sittlich, gut, normal und damit zusammenhängend als unsittlich, schlecht, abnormal galt.
 

Die Masterarbeit untersucht in diesem Zusammenhang diskursanalytisch einerseits den von den deutschschweizerischen Sittlichkeitsvereinen geprägten Sittlichkeitsdiskurs und anderseits die sich aus dem Geschlechterverhältnis innerhalb der Bewegung ergebenden Geschlechteraspekte – sowohl innerhalb des Diskurses selbst als auch im Hinblick auf die Motive von Männern und Frauen, sich für Sittlichkeit zu engagieren. Die Untersuchung basiert auf der Verbandszeitschrift des grössten Sittlichkeitsvereins der Schweiz, dem Verband deutschschweizerischer Frauenvereine zur Hebung der Sittlichkeit und den Publikationen der viel kleineren Männervereine zur Hebung der Sittlichkeit in Bern und Zürich sowie von deren Koordinationsgremium, der Schweizerischen Kommission zur Bekämpfung der Unsittlichkeit.
 

Die Auseinandersetzung mit den Verbandsschriften zeigt, dass der Sittlichkeitsdiskurs biopolitische und disziplinierende Tendenzen aufwies. So galten im Sittlichkeitsdiskurs bürgerlich-protestantische Werte wie Selbstdisziplin, Pflicht bewusstsein oder Mässigung als erstrebenswert, respektive als sittlich. Diese sollten gewährleisten, dass sich Individuen möglichst nutzbringend in die bürgerliche Gesellschaft eingliederten. Angeprangert wurde daher alles, was diese Nützlichkeit gefährden konnte–wie uneheliche oder nicht reproduktive Sexualität, Rausch oder Freizeitvergnügen. Der Sittlichkeitsdiskurs fungierte dabei als wirksames Instrument biopolitischer Disziplinierung, da er disziplinierte, ohne offen autoritär zu wirken. So galten im Diskurs die (meist männlichen) Konsumierenden der als unsittlich erachteten Bordelle, Wirtshäuser und Kinos als Opfer von Anbietenden, die ihr Geschäft mit dem Ausnutzen menschlicher Bedürfnisse machten. Disziplinierende Forderungen wie das strikte Keuschheitsgebot oder die Einschränkung des Freizeitangebots erschienen damit im Lichte der Fürsorge, um Konsumierende vor vermeintlich übermächtigen Trieben und der eigenen Ausbeutung zu schützen.
 

Daneben war der Sittlichkeitsdiskurs eng mit der Kategorie Geschlecht verknüpft. Im Zentrum des Diskurses stand die ungleich geltende Moral für Mann und Frau. Sexuelle Freiheiten einzig für den Mann oder die einseitige Stigmatisierung und Verantwortung der Frau bei unehelichen Kindern sprachen die Vereine offen an und begriffen dies als Unrecht. Mit der Forderung nach gleicher Moral für Mann und Frau, die sich nicht am männlichen, sondern am weiblichen Standard orientierte, wurde das patriarchalische System zu einem gewissen Mass in Frage gestellt. Zugleich stellte sie ein Versuch dar, bisherige Geschlechterverhältnisse etwas aufzuweichen. Zwar wurden im Sittlichkeitsdiskurs einerseits bei der Frau weiblich-konnotierte Eigenschaften wie Keuschheit oder die Rolle als Mutter und Hausfrau verfestigt und damit die auf Hierarchie beruhende Geschlechterdualität stabilisiert. Anderseits wurde versucht, eine alternative (hegemoniale) Männlichkeit aufzustellen, die auf Achtung der Frau und Selbstkontrolle basierte. Keuschheit sollte dabei analog zur weiblichen Norm zur Grundlage des männlichen Selbstverständnisses werden. Als Lösung für die benachteiligte (gesellschaftliche) Position der Frauen schlugen die Sittlichkeitsvereine nicht Partizipation, sondern moralische Gleichstellung vor. Sie wählten damit einen anderen Ansatz als die emanzipative Frauenbewegung: Nicht die Frau eignet sich Privilegien des Mannes an, sondern der Mann passt sich dem Zustand der Frau an.

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