„... we‘ ve got our king crowned...“. Nation-Building im Irak der frühen 1920er Jahre – ein orientalistisches Experiment

AutorIn Name
Sabina
von Fischer
Art der Arbeit
Lizentiatsarbeit
Stand
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Stig
Förster
Institution
Historisches Institut
Ort
Bern
Jahr
2005/2006
Abstract

Die Lage im Irak nach der Invasion von 2003 ist Ausgangspunkt der Arbeit für die Untersuchung der Geschichte des irakischen Staatsaufbaus. Obwohl es nicht um die Darstellung der Parallelen des Vorgehens von damals und heute geht, werden diese implizit bewusst. Die Lizentiatsarbeit beschreibt den irakischen Staatsaufbau in den frühen 1920er Jahren als britische Angelegenheit. Der Fokus liegt auf den im Irak stationierten Briten, die in der Folge des 1. Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, mit einem Mandat des Völkerbunds versehen, dem neuen Staat den Weg in die Unabhängigkeit ebnen sollten. Das Mandat, basierend auf der Ideologie des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, war der kolonialen Denkweise fremd, was sich im Umgang der Briten mit dem Irak zeigte. Ausserdem war die britische Politik im Irak in den frühen 1920er Jahre geprägt von Sparmassnahmen, die für die britische Regierung oberste Priorität hatten. Als Resultat hatte die Mandatsadministration die schwierige Aufgabe, mit minimalen finanziellen Mitteln maximale Kontrolle herzustellen. Diese von der Regierung erteilte Vorgabe vermischte sich mit dem Glauben der Briten im Irak, dass sie eine ideale Strategie hatten, um dem neuen Staat Starthilfe zu leisten. Einen Staat zu errichten, das war ihr selbst erklärtes Ziel, und sie glaubten, dass sie besser dazu fähig waren als die Bewohner dieses künftigen Staates selbst.

 

Dass sie damit nur mässig erfolgreich waren, wird nicht nur aus der Retrospektive ersichtlich. Die Lizentiatsarbeit zeigt, dass schon der Plan zum irakischen Staatsaufbau der frühen 1920er Jahre von einem bestimmten Betrachtungswinkel gesehen verfehlt war. Ausgangspunkt für die Untersuchung ist die Kairo Konferenz von 1921, deren Teilnehmer – fast ausnahmslos Briten – sich mit dem irakischen Staatsaufbau befassten.

 

Methodisch werden die Strategien zum irakischen Staatsaufbau auf zwei Ebenen untersucht. Einerseits wird überprüft, ob die Absichtserklärungen der Kairo Konferenz und der britischen Mandatsadministration tatsächlich umgesetzt wurden. Andererseits wird die Qualität dieses Staatsaufbaus anhand eines zeitgenössischen Nation-Building- Modells gemessen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Themenfelder staatliche Kontrolle, Integration der Gesellschaft und nationale Identität. Der Grund für dieses methodische Vorgehen ergab sich daraus, dass Studien zu historisch- gesellschaftlichen Prozessen im Irak weit gehend fehlen. Infolge der politischen Situation nach der Revolution von 1958 war unabhängige Forschung im Land selbst nicht mehr möglich. Die meist beachteten Feldstudien zur irakischen Gesellschaft wurden vor 1958 gemacht. Forschungsergebnisse zum modernen Irak stützen sich demzufolge hauptsächlich auf europäisches oder amerikanisches Archivmaterial, das heisst, die irakische Sicht auf die Ereignisse bleibt verborgen.

 

Wenn Aussagen über die irakische Gesellschaft gemacht werden, die nur auf britischem Quellenmaterial basieren, kann der Vorwurf erhoben werden, dass solche Betrachtungen unausgewogen sind. Die Gefahr besteht, dass ein einseitiges Bild, rein durch seine Wiederholung, mit der Zeit den Status allgemeiner Gültigkeit erhält. Das ist ein Mechanismus, der unter Kritikern als typisches Merkmal für Orientalismus gilt. Orientalismus ist denn auch das zentrale Thema der Arbeit – einerseits auf Grund der Forschungssituation andererseits in inhaltlichem Sinne.

 

Orientalismus wird in der Arbeit als Denkfigur definiert, die eine bestimmte Fremd- aber auch Eigenwahrnehmung konstituiert, wobei das Eigene im Gegensatz zum Fremden einen allgemeinen Gültigkeitsanspruch annimmt. Orientalismus, so lautet die These, prägte die Politik der Kairo Konferenz sowie der britischen Mandatsadministration in Bagdad. Diese Denkfigur trug erheblich dazu bei, dass im Irak in den frühen 1920er Jahren Staatsaufbau-Strategien zur Anwendung kamen, die gemessen an einem zeitgenössischen Nation- Building-Modell verfehlt waren. Die britische Mandatsadministration hatte aber nicht beabsichtigt, einen fehlerhaften Prozess einzuleiten, so die Fortsetzung der These. Dieser Prozess war mitunter Produkt des Orientalismus-Diskurses.

 

Mit der Messung der orientalistischen Strategien zum irakischen Staatsaufbau an einem zeitgenössischen Nation-Building-Modell konnten Schlüsse über den Nation-Building-Prozess im Irak gezogen werden, ohne historisch-gesellschaftliche Entwicklungen untersuchen zu müssen. Aussagen, die in der Arbeit über die irakische Gesellschaft gemacht werden, widerspiegeln meist die Sichtweise britischer Orientalisten. Die Frage, ob und inwiefern dieses Gesellschaftsbild etwas mit der damaligen Realität zu tun hatte, bleibt dabei unbeantwortet.

Zugang zur Arbeit

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