Der Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI) im Klassenzimmer und im Hörsaal ist seit einigen Jahren ein heiss diskutiertes Thema. Obwohl die meisten Lehrpersonen und Dozierenden in ihrer eigenen Ausbildung kaum Kontakt mit Deep-Learning-Algorithmen und generativer KI hatten, sind sie im Unterricht gefordert, Lernende und Studierende in einer sinnvollen Handhabung anzuleiten und die problematische Nutzung abzuwehren. Da standardisierte Weiterbildungen aktuell kaum möglich sind, ist der Austausch zwischen gymnasialen und universitären Lehrpersonen umso wichtiger. Entsprechend luden das Digital History Lab (DHL) der Universität Zürich und der Digital Learning Hub (DLH) Sek II des Zürcher Berufs- und Mittelschulamts am 19. März 2026 zu einem Workshop über KI im Geschichtsunterricht ein. Gefolgt sind der Einladung ungefähr 40 Personen, zumeist Dozierende des Historischen Seminars und Geschichtslehrpersonen kantonaler Gymnasien.
JUSTINE BURKHALTER, Geschichtslehrerin an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon sowie Mitorganisatorin für das DLH Sek II, eröffnete den Workshop mit einem Input zu generativer KI. Sie stellte anschaulich dar, dass ein KI-Modell Teilinhalte ausschliesslich nach Wahrscheinlichkeiten auswählt, den Inhalt dabei nicht verstehen kann und deshalb Fehler und Vorurteile aus den Trainingsdaten reproduziert. Das Bild eines Papageis wirkt dabei besonders passend. Diese Funktionsweise könne zu grossen Problemen führen, wenn beispielsweise in den vorhandenen Daten eine statistische Nähe zwischen Missbrauchsfällen und dem Namen eines darüber berichtenden Journalisten dazu führt, dass der Journalist von der KI als Missbrauchstäter bezeichnet wird. Besonders problematisch ist deshalb die KI-Nutzung, wenn den Modellen Intelligenz unterstellt und die Systeme vermenschlicht werden – deswegen sei eine kritische Medienkompetenz zentral. Diese wird im Geschichtsunterricht bereits jetzt umfassend vermittelt, muss sich aber den neuen Gegebenheiten anpassen.
Sofern diese Herausforderungen berücksichtigt werden, lässt sich KI auf verschiedene Arten im gymnasialen Unterricht sowie in der vorangehenden Vorbereitung nutzen, wie NATALIJA JOVANOVIC (Kantonsschule Zürcher Oberland) und Justine Burkhalter aufzeigten. KI-Modelle und -Plattformen sollten dabei als Assistenz gesehen werden, die eine fachliche Einarbeitung in neue Themen vereinfachen; beispielsweise indem die Lehrperson in einem entsprechenden Prompt nach zentralen Begriffen, Konzepten und Zusammenhängen, unterschiedlichen Deutungen und Diskursen fragt, um diese dann selbstständig aufzuarbeiten. KI kann ausserdem Lektionspläne generieren und so neue Unterrichtseinheiten inspirieren oder Übungen und Aufträge an verschiedene Leistungsniveaus anpassen. Justine Burkhalter unterschied dabei fünf Nutzungsarten von KI in der Bildung: die inspirierende, die korrigierende, die trainierende, die recherchierende und die generierende. Während die ersten drei Möglichkeiten ko-konstruktive Formen sind und dabei den Lernprozess entscheidend anregen können, sind vor allem die recherchierende und die generierende Form hinsichtlich des Lernprozesses wie auch der Zuverlässigkeit der Inhalte kritisch zu sehen.
CHRISTINE GRUNDIG, die zweite Organisatorin des Events und Koordinatorin des DHL, stellte anschliessend verschiedene Beispiele vor, wie das Historische Seminar der Universität Zürich KI aktuell in Forschung und Lehre thematisiert. Zentral ist hier die Erkenntnis, dass die von den Studierenden erworbenen Grund- und Fachkenntnisse um die Dimension der sinnvollen KI-Nutzung erweitert werden müssen. Dabei stellten sich allerdings in der Lehre die Schwierigkeiten, dass Studierende zum einen mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen ihr Studium beginnen und zum anderen ihr Interesse heterogen ist. Das Historische Seminar wird in Zukunft deshalb vermutlich mit einer Kombination aus verbindlichen Workshops und freiwilligen weiterführenden Angeboten in Seminaren, Kolloquien oder kleineren Workshops arbeiten. Wichtig sei dabei auch, die geforderten Leistungsnachweise in der universitären Lehre so anzupassen, dass der Arbeits- und Lernprozess sowie dialogische Formate stärker in den Fokus gerückt werden und nicht nur das Endergebnis der schriftlichen Arbeit bewertet wird.
LUKAS STUBERs (Universität Zürich) abschliessender Input zum Bau einer eigenen KI verwies auf die Chancen von KI-gestützter Datenvisualisierung für den studentischen Lernprozess. Seine Arbeit als Dozent für Digital Marketing und das gleichzeitige Geschichtsstudium brachte ihn aus verschiedenen Richtungen zur zentralen Frage: Inwiefern kann KI den wissenschaftlichen Arbeitsprozess unterstützen, erweitern oder transformieren? Durch die von ihm gebaute KI-gestützte Visualisierung könnten komplexe Zusammenhänge und zeitliche Abfolgen einfach und ansprechend dargestellt und so Informationen verarbeitet wiedergegeben werden. Dabei sei es wichtig, Risiken in der Entwicklung mitzudenken (Skepsis by Design). Kritisch lässt sich hier – und in vielen anderen KI-Anwendungen im Studium – einwenden, dass diese anschaulichen Darstellungen oft Diskurse und alternative Deutungen verbergen. Damit droht die Gefahr, dass die Geschichte in ihrer Präsentation wieder zu einer positivistischen Aneinanderreihung von Ereignissen wird. Durch eine kritische Einordnung können solche Anwendungen aber durchaus einer inspirierenden Nutzung dienen.
Insbesondere Hausarbeiten, Leistungsnachweise und Prüfungen stellen aktuell ein grosses Problem im Studium dar. Obwohl auch in vergangenen Jahren kaum Gewissheit gegeben war, dass Aufgaben ausserhalb des Unterrichtsraums von Studierenden und Lernenden selbstständig gelöst werden, hat sich diese Problematik mit dem Einsatz von generativer KI verstärkt. Dies zeigte sich sowohl in einer den Anwesenden gestellten Gruppenarbeit als auch in der anschliessenden Podiumsdiskussion. Bei Lehrpersonen und Dozierenden herrscht eine grosse Unsicherheit über den Umgang mit möglicherweise KI-generierten Texten vor, es finden sich kaum sinnvolle Erkennungsstrategien oder Leitlinien zur Überprüfung.
MARIETTA MEIER, Leiterin des Bereichs Studium und Lehre am Historischen Seminar, FELIX MAIER, Professor für Alte Geschichte, ALEXANDRA KREBS, Professorin für Geschichtsdidaktik, MANUEL HUBACHER, Fachhochschuldozent für Politische Bildung und Geschichtsdidaktik sowie MARTIN KLEE, Rektor der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene in Zürich, diskutierten diese Herausforderungen miteinander und mit dem anwesenden Publikum. Dabei zeigte sich, dass der Grat zwischen Eigenverantwortung der Lernenden sowie der Kontrolle durch Lehrpersonen im Umgang mit KI sehr schmal ist. Das Schreiben und Lesen wird bei der generativen Nutzung von KI vermehrt ausgelagert; diese beiden Fähigkeiten sehen die Anwesenden aber als Instrument des Denkens und Lernens und damit zentral für umfassende Lernprozesse. Zu bedenken ist laut Alexandra Krebs zudem die wechselseitige Wirkung auf die Konstruktion historischer Narrative: Die Geschichtswissenschaften und die Gesellschaft formen Geschichtserzählungen, wobei die generative KI unkritisch diskriminierende und stereotype Narrative verstärken kann. Manuel Hubacher ergänzte, dies stelle eine grosse Herausforderung für pluralistische Gesellschaften und die Demokratie dar, insbesondere auch weil das Bildungssystem durch Tools und Firmen aus dem Silicon Valley stark beeinflusst werde und die KI kein rein technisches, sondern ein soziotechnisches Phänomen sei. Die Diskutierenden waren sich einig, dass hier Lernenden und Studierenden ein reflektiertes Verständnis von Geschichte mitgegeben werden soll – was mit der Quellenkritik bereits tief im Fach verankert ist. Diese Medienkritik sei auf die verwendeten KI-Tools auszuweiten. Martin Klee schlug vor, Zwischenschritte und Selbstreflexionen im Unterricht einzubauen, da diese eine tatsächliche Beschäftigung mit dem Thema verlangen und den unkritischen Einsatz von KI erschweren. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit KI-Tools im Unterricht kann dabei nicht nur die Medienkompetenz der Lernenden und Studierenden fördern, sondern auf grössere Herausforderungen oder Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft aufmerksam machen.
Für meinen eigenen Unterricht habe ich besonders eine Erkenntnis mitgenommen: Wenn Lernende und Studierende den Sinn einer Übung nicht verstehen, ist der Griff zu KI-Tools nahe. Wenn ich ihnen aber vermitteln kann, dass nicht das Ergebnis, sondern der Lernprozess selbst das Ziel ist, und ihnen gleichzeitig sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für eine ko-konstruktive Nutzung aufzeige, ist die Chance viel höher, dass die Studierenden die Lernziele erreichen. Ein anschauliches Beispiel hilft bei der Vermittlung: Wenn ich den Roboter für mich ins Fitnessstudio schicke, profitiert mein Körper davon nicht. Wenn ich ihn aber als Hilfe im Training einsetze – mir einen Trainingsplan schreiben lasse oder ihn als Spotter nutze –, dann wird der Prozess einfacher und ich habe trotzdem gute Resultate. Wenn ich KI also nicht zur Erledigung meiner Arbeit, sondern augmentativ nutze, ist das Ergebnis viel mehr in meinem Sinn.
In abschliessenden Gesprächen mit beteiligten Personen hat sich gezeigt, dass an der Universität oft nur über die generative Nutzung von KI gesprochen wird, sich dabei eine entsprechend ablehnende Grundhaltung entwickelte und die positiven Lerneffekte von ko-konstruktiven Anwendungen mehrheitlich vergessen gingen. Auf gymnasialer Ebene scheinen sowohl Lehrpersonen als auch die Strukturen viel weiter zu sein. Beispielsweise bezahlen viele Schulen ihren Lehrpersonen kostenpflichtige Tools, die sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können. Entsprechend sollte die universitäre Geschichtsdidaktik klare Leitlinien zum Umgang mit KI entwickeln, um die Dozierenden zu entlasten. Insgesamt scheint ein grosser Bedarf nach niederschwelligen Weiterbildungsmöglichkeiten zu bestehen – auf gymnasialer wie auf universitärer Stufe. Nur so können wir KI als Werkzeug mit Grenzen verstehen und sie im Unterricht entsprechend vermitteln.
Programm
Inputs: Was kann generative KI in der Geschichte?
Justine Burkhalter: Ausgangslage: Was ist generative KI?
Natalija Jovanovic , Justine Burkhalter: Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung mit generativer KI
Christine Grundig: Lehre und Forschung am Historischen Seminar
Lukas Stuber: Generative KI in der Geschichte didaktisch nutzen
Workshop: KI-generierte Texte erkennen
Diskussion: Wie verändert generative KI die Geschichte?
Roundtable mit Marietta Meier, Felix Maier, Alexandra Krebs, Manuel Hubacher, Martin Klee