Studies in the Arts (SINTA)

Cristina Urchueguía (Universität Bern) stellt in diesem Blogbeitrag die Studies in the Arts vor, ein Graduiertenprogramm der Universität Bern und der Hochschule der Künste Bern, das innovative Dissertationsprojekte an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft fördert. Der Beitrag ist Teil einer Reihe, die die infoclio.ch-Tagung 2026 «New Humanities. Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert» begleitet. Die Reihe beleuchtet verschiedene aktuelle Projekte und regt zum Nachdenken über relationale Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Posthumanismus sowie die Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft an.


Das lateinische Wort «Ars» erfuhr im Laufe der Geschichte eine erstaunliche Bedeutungsverschiebung: Während ein Lateinwörterbuch von «Geschicklichkeit und höherer Befähigung etwas zu tun» – sei es ein Handwerk oder eine wissenschaftliche Tätigkeit – schreibt, so denken wir heute bei «Ars» an die «Schönen Künste», die seit dem 19. Jahrhundert nur sich selbst verpflichtet sein sollten und deren Verbindung zu Wissen und Gesellschaft, gelinde gesagt, kompliziert ist.

Seit der Gründung des Graduiertenprogramms Studies in the Arts (SINTA) 2011 schlug eine grosse Zahl von Doktorierenden die Brücke zwischen dem antiken und dem modernen Verständnis von «Ars», und dies auf sehr unterschiedliche Weise. Dieses praxisorientierte Programm verbindet unterschiedliche geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche sowie künstlerische Disziplinen. Innovative Dissertationsprojekte werden gefördert, indem die SINTA die Forschung und Reflexion künstlerischer Praktiken, gestalterischer und ästhetischer Fragestellungen ins Zentrum stellen.



Die SINTA – ursprünglich Graduate School of the Arts – wurde 2011 an der Universität Bern als Kooperation zwischen der Philosophisch-historischen Fakultät und der Hochschule der Künste Bern (HKB), einer Abteilung der Berner Fachhochschule, ins Leben gerufen. Sie ist Teil der Graduate School of the Arts and Humanities (GSAH), die unter dem Dach des Walter Benjamin Kollegs die strukturieren Doktoratsprogramme der Fakultät bündelt.

Für eine erfolgreiche Kooperation war und ist der beidseitige Wille zur Konsensfindung auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Einerseits galt es zunächst, Wege für die institutionelle Kooperation zwischen zwei akademisch ungleichen Partnern zu schaffen, andererseits wird aus hermeneutischer und methodischer Sicht ständig, wenn nicht Neuland, dann neue Wissensbereiche betreten, denen bewährte best practices fehlen. Ein hochschulpolitischer Grund für die Kooperation zwischen den beiden Institutionen ist die Tatsache, dass im Gegensatz zu einigen Fachhochschulen in Österreich oder Deutschland in der Schweiz im Zuge der Bologna-Reform den Fachhochschulen das Promotionsrecht nicht zuerkannt wurde. Zwar erhielten sie ein Mandat zur Forschung, konnten diese aber nicht durch eigene Doktorierende durchführen lassen, was sowohl inhaltlich als auch bezüglich der Drittmittelakquise einen Nachteil darstellt. Obschon die primäre Motivation für die Gründung der SINTA ein akademisches Bedürfnis der HKB darstellte, ist das Programm auch für Universitätsabsolvierende offen.

Bis 2019 bot die Universität Bern den Master in Research on the Arts an, der die Absolvierenden der Fachhochschule für ein Doktorat qualifizierte und, last but not least, die Grundkenntnisse wissenschaftlichen Arbeitens vermittelte. Dieser Master erübrigte sich, als SwissUniversities den direkten Zugang zum Doktorat für Absolvierende von Fachhochschulen ermöglichte, wenn auch mit Auflagen.

Aus methodischer Sicht führt ein, meines Wissens, nicht nur schweiz- sondern auch weltweit einzigartiges Merkmal des Programms zur ständigen Suche nach unbekannten und immer originelleren Lösungen: Die SINTA sind mehrfach inter- und transdisziplinär aufgestellt, sie bringen eine Vielzahl von Fachrichtungen der Geistes- und Sozialwissenschaften mit einer Reihe künstlerischer und gestalterischer Praktiken ins wissenschaftliche Gespräch. Viele andere Programme, etwa an der Universität der Künste in Berlin oder dem Orpheus Institut in Gent, sind dagegen auf eine bestimmte Kunstrichtung spezialisiert, die in der Regel mit ihrem wissenschaftlichen Pendant zusammenspannt – Musik mit Musikwissenschaft oder Gestaltende Kunst mit Kunstgeschichte –, oder sie verfolgen Arbeitsweisen der künstlerischen Forschung, die wissenschaftliche Paradigmata relativieren.

Innerhalb der SINTA haben Musikerinnen, Designer, Restauratoren, Tontechnikerinnen sowie gestaltende Kunstschaffende in Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Archäologie, Sozialanthropologie, Philosophie, Geschichte, Hispanistik oder Sprachwissenschaft promoviert oder sie promovieren zurzeit. Aber auch Universitätsabsolvierende bevorzugen für ihre Forschung die Nähe zur künstlerischen Praxis. Bezüglich der Fächerkombination wurde nicht immer die naheliegendste Wahl getroffen, denn nicht alle Kunstrichtungen oder gestaltenden Disziplinen sind an der Universität mit einem historischen oder theoretischen Fach explizit vertreten. Doch wenn eine Designerin in der Philosophie promoviert, oder eine Künstlerin in der Sozialanthropologie, stellt die Suche nach dem gemeinsamen, intellektuellen Begegnungsraum gleichzeitig eine Herausforderung für die Beteiligten und ein Gewinn für die wissenschaftliche Allgemeinheit dar.

Die Promovierenden durchlaufen in der SINTA ein strukturiertes Begleitprogramm, das neben der Reflexion über methodische Besonderheiten einer wissenschaftlichen Arbeit mit, durch, an oder über Kunst auch Soft Skills, Workshops zu übergeordneten oder fachspezifischen Themen und die Begegnung mit führenden Praktikerinnen oder Theoretikern aus dem In- und Ausland beinhaltet. Zudem lernen sie im Schnelldurchlauf die wissenschaftlichen Traditionen ihres Promotionsfaches kennen. Ferner geben die SINTA eine Publikationsreihe heraus, in der Mitglieder Forschungsergebnisse publizieren können, natürlich peer-reviewt.


«Neue Perspektiven auf Forschung über, in und durch Kunst und Design», herausgegeben von Thomas Gartmann und Michaela Schäuble, ist der erste Band der Buchreihe Studies in the Arts. Die Bände sind open access verfügbar.

Die SINTA zeichnen sich durch eine hochgradige Heterogenität aus: Kein Doktorat gleicht dem anderen, denn die Promovierenden führte stets ein individueller Weg zur Promotion. Die SINTA verstehen sich nicht als Schmiede einer wissenschaftlichen Schule, sondern als Labor, das der Vielstimmigkeit der Ansätze Raum bietet.

Wer experimentiert, nimmt Scheitern in Kauf. Der Erfolg der SINTA-Promovierenden steht und fällt mit der Bereitschaft aller an einem Projekt Beteiligten, sich auf die jeweils andere Perspektive einzulassen, wobei der Betreuungsaufwand weit höher ist als bei Promovierenden, die konsekutiv nach einem Universitätsstudiums promovieren. In der Gründungsphase trug eine repräsentative Gruppe von Professorinnen und Professoren der Philosophisch-historischen Fakultät und der HKB das Projekt durch nicht immer ruhige Zeiten. Herzblut kompensierte das Lehrgeld, das auch alle Betreuenden im neuen Promotionsrahmen zahlten. Doch die Gründungsgeneration steuert das Pensionsalter an, und es wird eine Herausforderung darstellen, die neuen Hochschullehrenden mit ins Boot zu holen.

New Humanities