Zwischen „Autarkie“ und „Grossraumwirtschaft“. Unorthodoxe Ideen im ökonomischen Denken der Schweiz, 1932 – 1945

AutorIn Name
Marius
Fellinger
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christof
Dejung
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2025/2026
Abstract

Die Masterarbeit untersucht die Rezeption ökonomischer Autarkieideen in der Schweiz während der 1930er Jahren und des Zweiten Weltkriegs. Vor dem Hintergrund der Desintegration des Welthandels wurde „Autarkie“ vielerorts zu einem populären wirtschaftspolitischen Schlagwort. Viele Staaten strebten nach grösserer wirtschaftlicher Selbstversorgung und im faschistischen Italien sowie im nationalsozialistischen Deutschland wurde Autarkie ein zentraler Punkt des Wirtschaftsprogramms. Gleichzeitig geriet der Schweizer Außenhandel durch die Clearingabkommen ab Mitte der 1930er Jahre zunehmend in den Einflussbereich der nationalsozialistischen Pläne zur Schaffung einer sogenannten Grossraumwirtschaft, eines autarken europäischen Wirtschaftsraums. Die Arbeit geht von der Hypothese aus, dass auch in der Schweizer Wirtschaftspolitik, obwohl sie traditionell am Freihandel und Multilateralismus orientiert war, Autarkieideen diskutiert und teilweise umgesetzt wurden.
 

Für die Untersuchung wurden einerseits anhand der Forschungsliteratur mehrere Autarkiephänomene untersucht. Zum Beispiel die Bestrebungen zur Steigerung des Getreideanbaus, die auf den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs beruhten und im Plan Wahlen gipfelten, oder die Initiativen zur Förderung des Konsums inländischer Produkte, wie die Schweizer Woche oder das Schweizerische Ursprungszeichen. Andererseits wurde mithilfe der Analyse von zeitgenössischen Zeitschriftenartikeln, Büchern und Denkschriften die Diskussion des Autarkiegedankens unter Schweizer Ökonominnen und Ökonomen nachgezeichnet. Methodisch orientiert sich die Arbeit am wissenssoziologischen Denkstil-Konzept von Karl Mannheim und Ludwik Fleck, wonach die Autarkieidee als unorthodoxer ökonomischer Denkstil aufgefasst werden kann, der sich vor dem Hintergrund der Krise zunehmender Beliebtheit erfreute.
 

Dabei zeigt sich, dass die Autarkie von etablierten Schweizer Ökonomen wie William Rappard und Jürg Niehans oder dem aus Deutschland immigrierten Wilhelm Röpke dezidiert abgelehnt wurde; primär, weil ihrer Ansicht nach in der Schweiz die geographischen Voraussetzungen zur Selbstversorgung fehlten und der Autarkiegedanke den etablierten wissenschaftlichen Kriterien nicht genügte. Dennoch gab es auch Ökonomen, die dem Autarkiegedanken positiv gegenüberstanden: etwa der spätere HSG-Professor Hans Bachmann, der unter dem Stichwort „Nationalwirtschaft“ mit diesemsympathisierte,oderderFreiburgerPrivatdozent Edgar Schorer, der den Autarkiegedanken aktiv propagierteund sich dabei auf Debatten bezog, die im nationalsozialistischen Deutschland bereits weit fortgeschritten waren.
 

Einen Höhepunkt erreichte die Diskussion, als die Schweiz ab dem Sommer 1940 vollständig von den Achsenmächten umgeben war und mit den nationalsozialistischen Plänen einer mehr oder weniger autarken europäischen „Grossraumwirtschaft“ konfrontiert war. Diese „übernationale Autarkie“ (Niehans) erschien den liberalen Ökonomen als Fremdkörper in der etablierten Wirtschaftstheorie. Nichtsdestotrotz prüften Bund und Wirtschaftswissenschaft pragmatisch die Rolle der Schweiz in einem möglicherweise dauerhaften „Neuen Europa“ unter deutscher Herrschaft. Zugleich lancierte der Bund unter Anleitung des Agronomen Friedrich Traugott Wahlen mit der „Anbauschlacht“ sein eigenes kriegswirtschaftliches Autarkieprogramm zur Steigerung der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln. Der Plan Wahlen diente zudem als Blaupause für die Landwirtschaftspolitik der Nachkriegszeit.
 

Die Arbeit nahm sich der Forschungslücke zur Bedeutung des Autarkiegedankens in der Schweiz an. Sie ist ein Beitrag zur Geschichte des ökonomischen Denkens in der Schweiz sowie der noch wenig beleuchteten Historiographie der Wirtschaftswissenschaften. Zudem erweitert sie die Forschung zur Rezeption der nationalsozialistischen Europaideen. Die Relevanz des Themas zeigt sich nicht nur in der Landwirtschaftspolitik, wo es unter dem Schlagwort der „Ernährungssicherheit“ bis heute nachwirkt, sondern auch in den regelmässig wiederkehrenden „Swissness“-Debattn sowie in den aktuellen internationalen Autarkietendenzen, die nicht zuletzt von den Vereinigten Staaten vorangetrieben werden. 

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