Während der Zeit des Königreichs Jugoslawien (1918 –1941) lebten in Sarajevo rund 8'000 Jüdinnen und Juden, sie machten rund 10 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Der Grossteil gehörte der sephardischen Gemeinde an, die seit dem 16. Jahrhundert in Sarajevo existierte und die Stadt kulturell und ökonomisch stark mitgeprägt hatte. In der Zwischenkriegszeit veränderte sich das Leben der jüdischen Bevölkerung durch Prozesse der Liberalisierung, Säkularisierung und einer verstärkten Integration in das breitere Stadtleben. Diese Entwicklungen wurden im Jahr 1941 jedoch jäh unterbrochen, als die jüdische Bevölkerung Sarajevos unter dem faschistischen Ustaša-Regime des Unabhängigen Staats Kroatien Opfer des Holocausts wurde. Die Masterarbeit beschäftigt sich mit jüdischen Lebenswelten und deren Wandel in Sarajevo in der Zwischenkriegszeit bis und mit 1941. Als Quellengrundlage dienen Erinnerungen von Überlebenden in Form von Oral History-Interviews, die Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Rahmen von Holocaust-Forschungsprojekten aufgenommen wurden. Die Erinnerungen nicht als Spiegelung des Geschehenen, sondern als eine subjektive Deutung der eigenen Wirklichkeit verstehend, untersucht die Masterarbeit drei individuelle Lebenswelten, die zugleich wichtige Einblicke in Prozesse und Strukturen des multireligiösen Alltags in der Stadt Sarajevo bieten. Im Zentrum der Analyse stehen Jakob Kajon, Šarika Stern und Cilika Altarac, welche die Zwischenkriegszeit und den Kriegsbeginn 1941 in Sarajevo erlebten und vor der Verfolgung aus der Stadt flohen. Anhand ihrer Erinnerungen analysiert die Arbeit sephardische Selbstverständnisse und Räume jüdischen Lebens (Familie, Nachbarschaft, Vereinsleben, Stadtöffentlichkeit), ebenso wie das Mit- und Nebeneinanderleben in der multireligiösen Stadt. Die Analyse zeigt die Diversität an Selbstverständnissen einer im Königreich Jugoslawien aufgewachsenen jüdischen Generation auf, die durch die jugoslawische nationale Idee, durch eine lokale sephardische sowie eine nationale jüdische Identifizierung geprägt sind. Die Lebenswelten von Juden und Jüdinnen in Sarajevo in der Zwischenkriegszeit waren durch eine Differenzierung angesichts von Prozessen der Säkularisierung, Modernisierung, Nationsbildung und Klassenbewegung geprägt. Die alten Normen und die nach religiösen Kategorien orientierte gesellschaftliche Ordnung weichte sich zunehmend auf, was zu Konflikten zwischen den Generationen führte. Auch innerjüdische Klassendifferenzen prägten das soziale Leben sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Interviewten in bedeutendem Masse. Zugleich öffneten sich im Zuge eines Integrationsprozesses in die breitere nichtjüdische Gesellschaft neue Räume für die Sephardim Sarajevos. Abseits von religiöser Zugehörigkeit ordnete sich der Alltag in der Stadt nach Kategorien wie Klassenzugehörigkeit (Arbeiterklasse, Bürgertum), politischer Ausrichtung (Sozialismus), Berufsgruppen, die Nachbarschaft und das Geschlecht. Doch diese Öffnung der jüdischen Lebenswelt entwickelte sich nicht in allen Sphären jüdischen Lebens gleich: War der Kontakt zu nichtjüdischen Personen in der Nachbarschaft und der Stadtöffentlichkeit vertraut und alltäglich, blieb der private Raum weitestgehend jüdisch. Diese Ambivalenz zeigt sich auch in den Interaktionen mit muslimischen und christlichen Mitmenschen: Während der zunehmende Kontakt neue Solidaritäten schuf, führte das Vordringen jüdischer Personen in traditionell nichtjüdische Räume auch zu Reibungen und Anfeindungen, die in der angespannten Vorkriegszeit zunahmen und nach Kriegsausbruch in gesellschaftlichem Ausschluss mündeten.
Erinnerungen an ein jüdisches Sarajevo im Wandel . Eine räumliche Analyse jüdischer Lebenswelten der Zwischenkriegszeit bis 1941 in einer multireligiösen Stadt
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Julia
Richers
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2024/2025
Abstract