Zwischen 1964 und 2002 kamen im Zuge bilateraler Anwerbeabkommen zahlreiche–unqualifizierte als auch qualifizierte–Arbeitskräfte aus Jugoslawien in die Schweiz. Unter ihnen waren auch viele Frauen, die im Volksmund als gastarbajterke bezeichnet wurden. Sie leisteten oftmals körperlich belastende und gesellschaftlich wenig anerkannte Arbeit, etwa im Hotel- und Gastgewerbe. Während ihre Arbeitskraft geschätzt wurde, blieben ihre individuellen Lebensrealitäten, Herausforderungen und Stimmen weitgehend im Schatten offizieller Migrationsdiskurse.
Vor diesem Hintergrund widmet sich die vorliegende Masterarbeit den Stimmen jener ex-jugoslawischen Arbeitsmigrantinnen und ihrer Nachkommen, die in einem doppelten Sinn Unsichtbarkeit erfuhren: als Frauen in einer männlich dominierten Migrationsgeschichte und als prekär beschäftigte Arbeiterinnen in einem ökonomisch funktionalisierten System. Im Zentrum steht daher die Frage, wie sich die strukturellen Bedingungen von Migration, Arbeit und Geschlecht auf ihre Lebenswelten, Identitätskonstruktionen, Zugehörigkeitsempfinden und Wahrnehmungen auswirkten. Die Untersuchung stützt sich auf eine qualitative Analyse von acht selbstgeführten Oral-History-Interviews mit ehemaligen Arbeitsmigrantinnen und ihren Töchtern aus Ex-Jugoslawien, die in den 1990er-Jahren im Berner Oberland und in der Ostschweiz lebten und arbeiteten–Regionen, die stark vom Tourismus geprägt waren und einen hohen Bedarf an saisonalen Arbeitskräften aufwiesen. Der Untersuchungszeitraum von 1989 bis 2002 markiert eine Phase tiefgreifender Umbrüche: vom Zerfall Jugoslawiens über veränderte Migrationsbewegungen bis hin zur politischen und gesellschaftlichen Neuverortung dieser Gruppe innerhalb der Schweiz.
Aufgrund der begrenzten behördlichen und institutionellen Quellen kommt der Methode der Oral History hier eine zentrale Bedeutung zu. Sie ermöglicht es, subjektive Erinnerungen, Wahrnehmungen und Alltagserfahrungen zu fassen. Oral History wird dabei sowohl als Methode der Datenerhebung als auch als eigenständige Quellengattung verstanden: Die Interviews sind daher nicht bloss Datenlieferanten, sondern Ausdruck biografisch erinnerter Lebenswirklichkeiten, deren Erzählstruktur selbst Teil der Analyse ist. Die Gespräche wurden mithilfe eines thematisch fokussierten Leitfadens geführt und anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse sowie einer Narrationsanalyse ausgewertet. Dabei wurden zentrale Themenbereiche –etwa Arbeitsbedingungen, Migrationserfahrung, Familienalltag und der Krieg in der Heimat–kodiert und systematisch vergleichend betrachtet.
Die jeweiligen Tandeminterviews zeigen, dass weibliche Arbeitsmigration aus Ex-Jugoslawien in den 1990er-Jahren stark durch strukturelle Machtverhältnisse, wirtschaftliche Zwänge und geschlechtsspezifische Aushandlungsprozesse geprägt war. Die Erzählungen der ersten Generation rekonstruierten ihre Migration zumeist über Narrative von Selbstaufopferung, Leistungsbereitschaft und moralischer Pflicht. Ambivalenzen wie emotionale Belastungen, familiäre Trennungen oder prekäre Arbeitsverhältnisse werden in diesen Narrationen häufig von Strategien der Anpassung und des Durchhaltens überlagert. Gleichzeitig fungierte Erwerbsarbeit für viele Frauen als Quelle von Selbstwert und sozialer Legitimation in einem–durch patriarchale Normen geprägten–transnationalen Raum.
Die Perspektive der zweiten Generation ist von einem Narrativ der „übersehenen Kindheit“ geprägt, in dem sich frühe Verantwortung, (emotionale) Sprachlosigkeit und ein steter Anpassungsdruck verdichten. Die Interviews offenbaren hier eine kritische Reflexion der psychosozialen Kosten familiärer Migrationsentscheidungen. In der Gegenüberstellung der Interviews wird deutlich, dass Migrationserfahrungen dabei nicht linear weitergegeben, sondern transformiert werden. Die erzählten Erinnerungen erschienen dabei jedoch nicht als Abbild des Vergangenen, sondern als dialogische Konstruktion, geformt durch zeitliche Distanz, Interviewkontext und gesellschaftliche Erzählmuster. Die Untersuchung zeigt im Ausblick auch, dass sich strukturelle Herausforderungen weiblicher Arbeitsmigration bis in heutige Regulierungen fortschreiben und sozial- wie geschlechterpolitische Fragen in diesem Zusammenhang dringlich bleiben.