Mehr als Völkermord und antifaschistischer Widerstand. Die Darstellung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der historischen Kinder- und Jugendliteratur der DDR von 1949 – 1990

AutorIn Name
Ava-Katharina
Schröder
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Dr. habil.
Carmen
Scheide
Institution
Historisches Seminar
Place
Bern
Year
2023/2024
Abstract

Aufgrund der staatlich verankerten antifaschistischen Tradition der DDR war eine vertiefte Auseinandersetzung der ostdeutschen Bevölkerung mit Themen wie Antisemitismus, NS-Verbrechen, Schuld und Verantwortung oder die Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung kaum möglich. Der Einfluss der antifaschistischen Staatsdoktrin der DDR sowie der gesellschafts- und kulturpolitische Umgang der DDR mit der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung lässt sich auch in der ostdeutschen Literatur erkennen. Das antifaschistische Dogma war grundsätzlich für alle Formen der Thematisierung der NS-Vergangenheit in literarischen Produktionen verbindlich. Diese Umstände führten dazu, dass in der Forschung die Darstellung und Thematisierung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der DDR-Literatur lange Zeit als nicht existent galt.

 

Die antifaschistische Tradition, auf die sich die DDR berief, liess vermuten, dass eine tiefere Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen an den Jüd:innen in der ostdeutschen Literatur nicht stattgefunden hat. Entgegen dieser Annahme wird in dieser Untersuchung gezeigt, dass im Bereich der ostdeutschen Literatur durchaus ein umfassendes und differenzierteres Bild der Erinnerungskultur hinsichtlich der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung vorherrschte. Zudem wird in dieser Untersuchung mit der (historischen) Kinder- und Jugendliteratur (KJL) der DDR ein Bereich erschlossen, der in der bisherigen Forschung zur Darstellung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der DDR-Literatur kaum berücksichtigt wurde. Die (historische) KJL der DDR stellt als Teilsystem der ostdeutschen Literatur einen bislang wenig beachteten Bereich dar, in dem die systematische Judenverfolgung und -vernichtung thematisiert werden konnte und eine Form der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit stattfand. Diese Arbeit untersucht die konkrete Darstellung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der historischen KJL der DDR im Zeitraum von 1949 bis 1990. Ziel der Arbeit ist die Sichtbarmachung und Erarbeitung von konkreten Narrativen der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der entsprechenden KJL sowie die Untersuchung und Darlegung der konkreten Darstellung der Narrative in der KJL anhand von exemplarischen Beispielen.

 

Die Erkenntnisse dieser Arbeit ergänzen die bisherigen Untersuchungsergebnisse, indem sie mit diesem spezifischen Feld eine Forschungslücke schliessen. Im Rahmen dieser Masterarbeit konnte festgestellt werden, dass in der historischen KJL der DDR die systematische Judenverfolgung und -vernichtung thematisiert und mithilfe verschiedener Narrative dargestellt wurde. Es konnte nachgewiesen werden, dass von 1949 – 1990 in insgesamt 23 Kinder- und Jugendbüchern ostdeutscher Autor:innen die Thematik aufgegriffen und dargestellt wurde. Das lange vorherrschende Vorurteil, dass in der DDR aufgrund der antifaschistischen Staatsdoktrin kein Raum für die Auseinandersetzung oder Thematisierung der NS-Verbrechen war, konnte durch die Analyseergebnisse aus der Untersuchung der historischen Kinderund Jugendbücher widerlegt werden. Mithilfe einer qualitativen Analyse konnte aufgezeigt werden, dass in den 23 untersuchten Kinder- und Jugendbücher ostdeutscher Autor:innen insgesamt 18 verschiedene Narrative zur Darstellung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung verwendet wurden. Die gefundenen Narrative wurden systematisch erfasst und kategorisiert, sodass die 18 verschiedenen Narrative in die fünf Oberkategorien: «Widerstandskampf», «Flucht und Emigration», «Helfer- und Opfernarrativ», «systematische Judenverfolgung und -vertreibung» und «systematische Judenvernichtung» unterteilt werden konnten. Durch die Systematisierung und Kategorisierung konnten insgesamt 16 Narrative herausgearbeitet werden, die neben den staatlich vorgeschriebenen Narrativen des „antifaschistischen Widerstandskampfs“ und der/des „sozialistischen Heldin:in“ vorherrschend waren. Abschliessend konnte anhand zweier exemplarischer Kinder- und Jugendbücher aufgezeigt werden, wie die Narrative konkret dargestellt und umgesetzt wurden.

 

Die Analyse der historischen KJL hinsichtlich der Narrative der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung hat ergeben, dass die Darstellung weit über die der/des staatlich propagierten „antifaschistischen Widerstandskämpfer:in“ hinausgehen und sich vielfältiger gestalten, als lange Zeit in der Forschung angenommen wurde. Die Darstellung der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung in der historischen KJL der DDR von 1949 – 1990 war mehr als Völkermord und antifaschistischer Widerstand.

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