Von Kündigungen und freundlichen Einladungen den Betrieb nun zu verlassen. Die Situation der (ehemaligen) Arbeiter der W+F Bern in den Jahren 1918 und 1919

AutorIn Name
Martin
Alois Bürgisser
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
PD Dr.
Daniel Marc
Segesser
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2024/2025
Abstract

Mit dem Waffenstillstand an der Westfront im November 1918 brachen die Aufträge für die Schweizer Rüstungsbetriebe ein. Während die Produktion von Waffen und Munition zu Kriegszeiten auf Hochtouren lief, sahen sich die hiesigen Waffenschmieden nach dem Friedensschluss mit drastisch veränderten Rahmenbedingungen, sprich mit dem Zusammenbruch des Bedarfs an Rüstungsgütern, konfrontiert. Die betroffene Ar- beiterschaft wird bei wirtschafts- oder politikhistorischen Betrachtungen dieses Industriesektors oft vernachlässigt. Die vorliegende Masterarbeit nimmt sich diesem Desiderat an und spannt einen Bogen über drei Handlungsniveaus. Es reicht von globalen Ereignissen, über die eidgenössische Verwaltung bis zu den lokalen Geschehnissen auf kommunaler Ebene. Dazu setzt sie mit Hilfe diverser zeitgenössischer Dokumente die Arbeiterschaft der Eidgenössischen Waffenfabrik Bern (W+F Bern) in den Jahren 1918 und 1919 ins Zentrum. Die bundesinternen Rüstungsbetriebe, somit auch die W+F Bern, waren innerhalb der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) organisiert. Die KTA versuchte durch mehrere Massnahmen auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren, kam aber schlussendlich nicht um eine grosse Personalreduktion herum. Zwischen 72% und 76% der Mitarbeitende verliessen die W+F Bern auf Jahresende 1918. Der Grossteil von ihnen – 356 Personen – kündigten gemäss der betriebsinternen Personalkontrolle auf eigenen Wunsch. Bei freiwilligem Verlassen des Arbeitsplatzes erhielten die Personen während sechs Wochen noch 70% des Lohnes.

 

Anhand einer multimodalen Herangehensweise erforscht diese Arbeit das Handeln der Bundesbehörden und der Waffenfabrikdirektion. Die verantwortlichen Personen innerhalb der KTA versuchten durch das Vermitteln neuer Stellen die ehemaligen Fabrikarbeiter zu unterstützen. Besonders Meliorationsarbeiten im Belpmoos oder der Übertritt in die benachbarte Firma Winkler, Fallert & Cie. schienen vielversprechende Alternativen gewesen zu sein. Während die Unterbringung der Männer bei den Meliorationsarbeiten scheiterte, legen die überlieferten Dokumente die Annahme nahe, dass ein grosser Teil der Männer im Nachbarbetrieb eine neue Bleibe fand. Neben der Betrachtung der behördlichen Akteure rückt die Studie die arbeitslosgewordenen Männer in den Fokus. Durch die Analyse der W+F internen Personalkontrolle konnte das Alter der Männer sowie ihre Funktion innerhalb der Waffenfabrik in Erfahrung gebracht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Männer zwischen 18 und 35 Jahre alt waren. Damit decken sich die Ergebnisse mit der von Christian Lüthi 1998 vorgelegten Studie zur Zuwanderung nach Bern (Lüthi, Christian: Arbeiter und Dienstbotinnen auf der Suche nach dem Schlaraffenland? Geschichte der Zuwanderung in die Stadt Bern 1850-1914. In: Lüthi, Christian; Meier, Bernhard (Hg.): Bern. Eine Stadt bricht auf. Schauplätze und Geschichten der Bern Stadtentwicklung zwischen 1798 und 1998, Bern/Stuttgart/Wien 1998: S. 163-180), in welcher er festhielt, dass in erster Linie junge Personen eine hohe Mobilität an den Tag legten. Die Auswertung der Personalkontrolle ergab ferner, dass nicht in erster Linie Hilfskräfte die W+F Bern verliessen, sondern auch Facharbeiter. Nur rund 20% der Männer, welche auf Ende 1918 freiwillig ausschieden, arbeiteten entweder als Hilfsarbeiter oder als Handlanger in der Waffenfabrik. Somit verliessen in erster Linie junge, gut ausgebildete Männer die W+F Bern.

 

Um festzustellen, ob die Personen nach ihrem Stellenverlust in preiswertere Quartiere umzogen oder gar Bern verlassen mussten, wurden die Einwohnerregister der Stadt Bern hinzugezogen. Die Konsultation der Dokumente ermöglichte die Adressen von 151 Personen zu eruieren. Die mit Nodegoat georeferenzierte Darstellung dieser Adressen liess anschliessend Aussagen zu den bevorzugten Wohngegenden der Personen zu. Mit Hilfe dieser Veranschaulichung und diverser lokalgeschichtlicher Literatur konnten Schlussfolgerungen zur Wohnmobilität der ehemaligen Waffenfabrikarbeiter gemacht werden. Die Auswertung der Ergebnisse ergab nur eine sehr bescheidene Umzugsrate: 14% zogen innerhalb der Aarestadt um, während lediglich 9% die Stadt verliessen. Dies deutet daraufhin, dass die Mehrheit der Männer im Grossraum Bern wieder eine Beschäftigung fand.

 

Die Masterarbeit hat mit Hilfe eines vielfältigen Quellenkorpus und verschiedenen methodischen Ansätzen dazu beigetragen, ein Stück Berner Lokalgeschichte zu erschliessen. Dabei gelang durch die Verknüpfung von Sozial-, Wirtschafts- und Militärgeschichte die Erforschung eines viel zu oft vernachlässigter Aspekts des Ersten Weltkrieges erforscht. Während viele grundlegende Fragen geklärt werden konnten, ergaben sich durch die vorgelegten Ergebnisse wieder neue. Somit will und kann diese Mikrostudie keinen Schlusspunkt setzen, sondern viel mehr den Anstoss für weitere Forschungen bieten.

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