Das ist nicht das Leben, sondern eine Strafe»: Bäuerliche Tagebücher in der Sowjetunion zwischen Revolution und Terror

AutorIn Name
Janine
Schneider
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Julia
Richers
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2025/2026
Abstract

Die Masterarbeit widmet sich der Untersuchung bäuerlicher Tagebücher in der Sowjetunion zwischen 1917 und 1934 mit einem besonderen Fokus auf die sich wandelnden Lebenswelten und sozialen Räume ihrer Verfasser. Die Arbeit greift den „Spatial Turn“ in der Geschichtswissenschaft auf und nutzt das Konzept der sozialen Räume in Verbindung mit dem Begriff der „Lebenswelt“ nach Heiko Haumann, um bäuerliche Erfahrungen aus einer mikrohistorischen Perspektive greifbar zu machen. Autobiografisches Schreiben wird dabei explizit als soziale Praxis verstanden, durch die sich Bedeutungsräume konstituieren. Die Tagebücher werden somit nicht als passive Zeugnisse eines historischen Prozesses verstanden, sondern als aktive Dokumente, mithilfe derer bäuerliche Autoren ihre soziale Realität interpretieren und mitgestalten. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz dient hierbei als methodisches Fundament, mit dem die Texte systematisch nach thematischen Kategorien und unter Berücksichtigung des zeitlichen Aspekts codiert und analysiert werden.

 

Der Quellenkorpus, auf dem die Arbeit basiert, besteht aus fünf Tagebücher, die von den Bauern Aleksandr Ivanovič Kulikov, Ivan Grigorjevič Glotov, Dimitrij Ivanovič Lukičëv, Nestor Nikitovič Bilous und Ivan Ivanovič Jarošenko verfasst wurden. Die bäuerlichen Autoren stammen aus unterschiedlichen Regionen der Sowjetunion und führten alle über einen Zeitraum von 17 bis 36 Jahren Tagebuch. Trotz der geographischen Distanz und der unterschiedlichen Lebensentwürfe sind die Tagebücher durch die Gemeinsamkeiten bäuerlicher Erfahrung und die politischen Auswirkungen des zentralistisch geführten sowjetischen Staates verbunden. Alle fünf Autoren gehörten einer Generation an, die sowohl das zaristische Russland als auch die Umwälzungen der Revolutions- und Stalinzeit erlebte.
 

Drei Fragen standen im Zentrum der Arbeit: Welche sozialen Räume konstituieren sich in den Tagebüchern der fünf untersuchten sowjetischen Bauern? Wie veränderten sich diese über die Zeit zwischen 1917 und 1934? Und was erfahren wir damit aus ihren Selbstzeugnissen über die Veränderung der Lebenswelt fünf sowjetischer Bauern in den 1920er- und 1930er-Jahren?
 

In der bisherigen Forschung zu Tagebüchern im Stalinismus stand das Verhältnis zwischen Individuum und Staat im Vordergrund. Die Inhaltsanalyse der vorliegenden fünf Tagebücher zeigte jedoch, dass im Leben der Bauern andere soziale Räume eine mindestens ebenso grosse Bedeutung spielten: Familie, Kirche, Dorf und Stadt. Die Analyse dieser familiären, religiösen, lokalen und staatlichen Räume zeigt, wie stark diese über die Jahre hinweg einem Wandel unterlagen. Während in den 1920ern familiäre Bindungen, religiöse Rituale und die dörfliche Gemeinschaft zunächst noch tragende Säulen der bäuerlichen Lebenswelt darstellten, änderte sich das gegen Ende des Jahrzehnts grundlegend. Ab 1927 ersetzten staatliche Strukturen nach und nach die dörflichen Institutionen, Repression zerstörte bisherige Netzwerke, Räume und Rituale. Besonders deutlich wird dies in den Beschreibungen der Kollektivierung und der Kampagnen gegen die sogenannten „Kulaken“, die nicht nur wirtschaftliche Enteignungen bedeuteten, sondern auch eine tiefgreifende soziale und emotionale Entwurzelung zur Folge hatten. Die Tagebücher berichten über Misstrauen, Denunziationen, Gewalt und die Zerstörung dörflicher Solidaritäten ebenso wie über individuelle Strategien des Anpassens, des Erinnerns und des Erzählens. Ein zentraler Aspekt in den Tagebüchern, ist der lokale Bezugsraum: für die bäuerlichen Tagebuchautoren fanden die grossen Umwälzungen von Kollektivierung, Entkulakisierung und Hungersnot in erster Linie im Lokalen statt. Opfer wie Täter waren für sie im Dorf zu finden. Staatliche Entscheidungen äusserten sich für sie in lokalen Ereignissen.
 

Diese Arbeit leistet einen Beitrag zur Erforschung der sowjetischen Geschichte von unten, indem sie die Perspektive jener sichtbar macht, die sonst oft als anonyme Masse erscheinen. Sie erweitert zudem den methodischen Zugang zur Analyse von Selbstzeugnissen und zeigt auf, dass bäuerliche Tagebücher nicht nur Zeugnisse einer verlorenen Welt sind, sondern komplexe Dokumente einer sich wandelnden Lebenswirklichkeit. In ihrer Vielstimmigkeit und Heterogenität eröffnen sie neue Einsichten in die sowjetische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit und fordern dazu auf, vertraute Narrative von Opfer, Täter und Zeuge kritisch zu überdenken.

Access to the work

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