Alexander von Humboldt (1769 – 1859) pflegte während seines gesamten Lebens nicht nur Kontakte zu anderen Forschenden, Liberalen, Intellektuellen und Kunstschaffenden, sondern unterhielt auch enge Beziehungen zu Herrscherfiguren. Oftmals waren deren politische und soziale Einstellungen und Ziele genau zu jenen Alexander von Humboldts entgegengesetzt, der bereits in seinen Jugendjahren eine durch aufklärerische Leitbilder geprägte Erziehung und Bildung genoss, wodurch sich ein gefestigtes spätaufklärerisches Leitbild in ihm manifestierte, das sich durch die Französische Revolution und Reisen nochmals festigte. Dennoch scheute er nicht die Herrschernähe, sondern suchte sie aktiv auf, um unter anderem seine wissenschaftlichen Ziele verfolgen zu können.
In Humboldts Netzwerken zu Herrschenden bestechen zwei Bekanntschaften, die sich in ihrer Modalität und in der Kommunikation und Nähe klar voneinander unterscheiden. Das Ende seiner Expedition durch Amerika (24. Mai bis 30. Juni 1804) beschloss Humboldt mit einem Besuch der Vereinigten Staaten. Es kam zum Treffen mit Präsident Thomas Jefferson, der trotz seines Standes als Sklavenhalter ein Verfechter aufklärerischer und liberaler Ideen war. Humboldt traf auf einen Herrscher, der sich auf dieselben Prinzipien stützte, die er selbst zu vertreten glaubte.
Die zweite Bekanntschaft unterschied sich fundamental von Humboldts Verhältnis zu Thomas Jefferson. Sie war jene zum Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, dessen Denken altständisch, konservativ und romantischer Prägung war. Humboldt wurde als Kammerherr an den Monarchen und Preussischen Hof gebunden, wobei Friedrich Wilhelm IV. grosses Interesse an der Gesellschaft Humboldts zeigte. Dieses Interesse manifestierte sich in Diskussionen über Literatur, Kunst, Architektur oder die politische Zukunft Preussens. Daher sah sich Humboldt häufig in einer Rolle, die weniger mit kammerherrlichen Pflichten und mehr mit der eines Diskussions- und Gesprächspartners zu tun hatte.
Der Fokus der Arbeit liegt also auf den Beziehungen Alexander von Humboldts zu Präsident Thomas Jefferson und König Friedrich Wilhelm IV. Hierbei interessiert die Nähe, welche Humboldt zu den beiden Herrschern hatte und der Nutzen, der sich in deren Beziehung zueinander für die involvierten Akteure manifestierte.
Mit beiden Herrschern führte Humboldt Briefkontakt und interagierte in symbolisch aufgeladenen und politischen sowie streng hierarchischen und performativen Räumen. Um sich diesen Themen zu nähern, wird Humboldts Bezug zum sich ausdifferenzierenden System der Naturwissenschaften, den wissenschaftlichen Institutionen sowie das partikulare Spannungsverhältnis ebengenannter zum System der Politik in Preussen beleuchtet. Auch wird der Stand des preussischen Adels im 19. Jahrhundert, dem Humboldt angehörte, und der Hof als kommunikativer, prestigeverleihender und performativer Raum untersucht.
Das für die Arbeit verwendete Quellenkorpus besteht aus ediertem Briefmaterial zwischen den drei Akteuren sowie Humboldts engerem Bekanntenkreis in Berlin. Das Korpus enthält zudem vereinzelt Briefe aus der neu erschienenen Berner Ausgabe der Sämtlichen Schriften von Alexander von Humboldt. Methodisch-konzeptionell werden das Verhältnis, die Vernetzung und Handlungslogik von Humboldt im Kontakt mit Friedrich Wilhelm IV. und Thomas Jefferson durch Pierre Bourdieus (1930–2002) Habitus-Theorie und die verschiedenen Kapitalsorten (ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital und kumulatives symbolisches Kapital) veranschaulicht und erklärt.
Die Ergebnisse der Arbeit zeichnen ein ambivalentes und vielschichtiges Bild von Humboldts Verhältnis zu den Herrschern Thomas Jefferson und Friedrich Wilhelm IV. Während Humboldt mit dem gleichgesinnten, aufklärerisch geprägten Präsidenten und Wissenschaftler Thomas Jefferson einen eher utilitaristischen, d.h. zweckorientierten, Kontakt pflegte, der sporadisch stattfand, entwickelte er zu Friedrich Wilhelm IV. eine tiefere und gefühlsbetonte Beziehung, die nicht allein durch Humboldts verpflichtende Anstellung zu erklären ist. Humboldt nutzte die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen, um die Förderung der Wissenschaften voranzutreiben. Dabei zeigte er die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen oder in politischen Settings zu arbeiten, die nicht mit seinen eigenen Überzeugungen übereinstimmten. Zudem bewahrte er seinen adeligen Status und nutzte seinen Titel, um seinen Anliegen eine grössere Bedeutung zu verleihen. Humboldt demonstrierte durchaus einen gewissen Pragmatismus, um seine Ziele zu erreichen.