Jesuiten auf hoher See. Die Reise von Pater Joseph Kropf von Cádiz nach Veracruz

AutorIn Name
Roman
Schönenberger
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Christan
Christan
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2022/2023
Abstract

Die Schiffsreise war ein prägender Abschnitt auf dem Weg von Jesuiten in die Mission. Trotzdem hat die Forschung sie bisher weitestgehend als selbstverständliches Detail übergangen. Die vorliegende Arbeit greift dieses Forschungsdesiderat auf und eröffnet Einblicke in die jesuitischen Atlantikreisen des 18. Jahrhunderts. Sie fragt dabei sowohl nach der praktischen Reiseerfahrung als auch nach dem jesuitischen Schreiben über Schiffsreisen. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden, weil es sich bei jesuitischen Berichten zu Schiffsreisen um Missionsberichte und damit um bewusst geformte Narrative handelte, welche die Ordensangehörigen und ein breiteres Publikum erbauen sollten.

 

Der erste Teil der Arbeit betrachtet als Fallbeispiel die Reise des oberdeutschen Paters Joseph Kropf im Jahr 1730/31. Er zeigt ausgehend von verschiedenen Reisebeschreibungen, die teils in der jesuitischen Missionszeitschrift Der Neue Welt-Bott publiziert wurden, teils als Handschriften vorliegen, dass im Gegensatz zu den Reisen nach Ostasien die Reise über den Atlantik für die meist privilegiert untergebrachten und versorgten Jesuiten zwar nur selten lebensbedrohlich, aber trotzdem sehr beschwerlich war. Die Qualität von Versorgung und Unterkünften schwankte stark, und Herausforderungen und Gefahren waren allgegenwärtig. Während der Reise orientierten sich die Jesuiten an den organisatorischen Grundprinzipien ihres Ordens. Dabei richteten sie sich auf drei praktische Ziele aus: Sie bemühten sich, durch das Gebet zu einer inneren Haltung zu finden, die es ihnen erlauben sollte, die Reise im rechten Geist zu erdulden, die eigene Gesundheit und Sicherheit zu schützen und den Nächsten, also den anderen Menschen an Bord, zu helfen. Um den geeigneten Rahmen dafür zu schaffen, etablierten die Jesuiten einen Tagesablauf, der demjenigen in ihren Kollegien während des Tertiats ähnelte. Dieser Tagesablauf ermöglichte es den oftmals noch jungen Missionaren an Bord, erste Erfahrungen in pastoralen und karitativen Tätigkeiten zu sammeln. Sie pflegten Kranke und Sterbende und kümmerten sich um die Seelen der Menschen, indem sie den religiösen Alltag an Bord organisierten, ihre Mitreisenden auf verschiedene Weise zu erbauen suchten und als Vermittler zwischen Gott und den Menschen agierten. Als Fazit des ersten Teils kann damit festgehalten werden, dass der für die Asienreisen geprägte Begriff des „floating college‟ (L. M. Brockey) mit gewissen Anpassungen, die vor allem der kürzeren Dauer der Reise geschuldet sind, auch zur Untersuchung der Atlantikreisen sinnvoll angewandt werden kann.

 

Eine der zentralen Herausforderungen im Umgang mit jesuitischen Schiffsreiseberichten ist, dass sie eine idealisierte Version der Reise präsentierten, die der Erbauung der Leserschaft diente. Sie stellten das Schiff als einen Ort dar, der durch die pastoralen Bemühungen der Missionare befriedet und zur Frömmigkeit geführt wurde. Deshalb fragt der zweite Teil der Arbeit nach dem jesuitischen Schreiben über Schiffsreisen im Neuen Welt-Bott. In dieser Publikation spielten Reiseberichte insofern eine besondere Rolle, als die Herausgeber sie gezielt zur performativen Inszenierung von Wissen nutzten. Sie nahmen sich bei der Nachbearbeitung beachtliche Freiheiten, um sie in eine Komposition einzufügen, die gleichzeitig erbauen, belehren und unterhalten sollte. Diese redaktionellen Eingriffe wurden von der Forschung bisher zum Teil unterschätzt, da der Fokus fast ausschliesslich auf textimmanenten Informationen, also den Vorworten und Kommentaren der Herausgeber, lag.

 

Deshalb wählt die vorliegende Arbeit einen literarisch-analytischen Zugang zu den Reisebeschreibungen in der Zeitschrift. Sie untersucht die Berichte, die zwischen 1718 und 1744 veröffentlicht wurden, ausgehend von der Rolle und Form, die sie tatsächlich hatten und nicht der, die sie gemäss den Herausgebern haben sollten. Dabei hat sich gezeigt, dass die Berichte ähnlich wie jene aus dem 17. Jahrhundert eine Reihe von narrativen und literarischen Mustern aufwiesen. Sie inszenierten die Reise als Prüfung, betonten den Erfolg der Missionsarbeit schon während der Reise und flochten nahtlos Wunderberichte in ihre Erzählungen ein. Im Unterschied zu jesuitischen Reiseberichten des 17. Jahrhunderts erschien die Reise in den Berichten im Neuen Welt-Bott aber meist nicht als Leidensgeschichte, sondern als eine Geschichte erfolgreich bewältigter Herausforderungen. Die Berichte waren damit deutlich vom Ziel der Zeitschrift geprägt, das Erfahrungswissen der Missionare in Europa zu verbreiten, die Missionare der Gesellschaft Jesu und ihre Taten zu ehren und neue Anwärter für die Mission zu inspirieren. Allerdings lässt sich auch feststellen, dass diese Muster einen stark abstrahierten Idealtypus repräsentierten und in den einzelnen Berichten in sehr unterschiedlicher Ausprägung zu finden sind. Die Reiseberichte im Neuen Welt-Bott waren trotz grundlegender Gemeinsamkeiten ausgesprochen vielfältig. Bei vorsichtiger Betrachtung können sie einen Einblick in die Reiseerfahrung der Jesuiten geben, denn es handelte sich zwar um erbauliche Narrative, aber nicht um erfundene Geschichten.

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