Kontinuität in Zeiten des Wandels? Kollektivbiografie des Schweizerischen Generalstabskorps, 1967 – 1994

AutorIn Name
Christoph
Hertner
Academic writing genre
PhD thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
PD Dr. phil
Daniel Marc
Segesser
Codirection
PD Dr. Carl Alexander Krethlow
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2024/2025
Abstract

Die vorliegende Studie untersucht die soziodemografische Zusammensetzung und Veränderung des Schweizerischen Generalstabskorps zwischen 1967 und 1994. Methodisch angelegt als Kollektivbiografie, werden die soziodemografische Merkmale der untersuchten Personen quantitativ analysiert und mit gesellschaftlichen Daten und Entwicklungen verglichen. Dabei analysiert der Autor das „Profil“ der neu in den Generalstab eintretenden Offiziere – ihre regionale und soziale Herkunft, ihre militärische Einteilung, die politische und konfessionelle Zugehörigkeit und ihre Ausbildung und berufliche Tätigkeit – sowie dessen Veränderung im untersuchten Zeitraum. Durch den Abgleich mit aus der Gesamtgesellschaft gebildeten Vergleichsgruppen zeigt die Studie sowohl gleichlaufende als auch konträre Entwicklungen zwischen dem Generalstabskorps und der Schweizer Gesellschaft auf und erklärt mithin, welche Entwicklungen durch gesellschaftliche Veränderungen bedingt waren und welche sich losgelöst oder sogar gegenläufig zu diesen vollzogen. Mit dieser systematischen quantitativen Einbettung der untersuchten Gruppe in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext beschreitet die Studie einen innerhalb bisheriger schweizerischer Kollektivbiografien neuen Weg. Zentrale These der Untersuchung ist, dass sich die Zusammensetzung des Generalstabskorps nach einer anfänglichen Öffnung hin zu breiteren Gesellschaftsgruppen gegen Ende der Untersuchungsperiode wieder auf gewisse soziale, ausbildungstechnische und berufliche Teilgruppen verengte und so zunehmend von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklungen löste. Diese zunehmende Entkoppelung von Generalstabskorps und Schweizer Gesellschaft erklärt sich aus der Rezession von 1973/74, dem sich danach beschleunigenden wirtschaftlichen Strukturwandel sowie aus der verstärkten wirtschaftlichen Globalisierung und dem damit verbundenen Zerfall der „ökonomischen Alpenfestung“ (Mach u.a. 2017).

 

Als Datengrundlage dient eine Prosopographie aller 1217 in diesem Zeitraum in den Generalstab eingetretenen Offiziere. Die dafür notwendigen Informationen stammen aus 454 ausgefüllt zurückgesandten Fragebögen betroffener Generalstabsangehöriger, aus militärischen Akten des Bundesarchivs, der Sekundärliteratur, Zeitschriften wie der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift (ASMZ) und der Revue Militaire Suisse (RMS) sowie Zeitungen und Online-Publikationen. Erhoben wurden die untersuchten Merkmale zum Zeitpunkt des Eintritts in den Generalstab. In denjenigen Analysen, in denen aus den verfügbaren Informationen oder aus datenschutzrechtlichen Einschränkungen keine Vollerhebungen möglich waren, wertet die Studie die Stichproben unter Beizug statistischer Verfahren aus, um ihre Aussagekraft sicherzustellen. Diese datenschutzrechtlichen Einschränkungen des Aktenzugangs, die sich in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Hindernis zeithistorischer Forschung entwickelt haben, und den Umgang damit reflektiert die Arbeit kritisch. Die gesellschaftlichen Vergleichsgruppen bildet der Autor dabei anhand von Daten der Eidgenössischen Volkszählungen und der Statistischen Jahrbücher der Schweiz.

 

Die untersuchten Generalstabsoffiziere wohnten zum grössten Teil in den vier Mittellandkantonen Waadt, Bern, Aargau und Zürich, wobei insbesondere Bern und Zürich als Wohnkanton hervorstachen (rund 45%). Die Konzentration auf diese vier Kantone nahm im Laufe der Zeit und insbesondere ab Mitte der 1980er Jahre ab, blieb aber bis 1994 bestehen. Die Gründe dafür liegen in der (bundes-)politischen und ökonomischen Bedeutung insbesondere Berns und Zürichs. Konfessionell waren Angehörige protestantischer Glaubensgemeinschaften bis Mitte der 1980er Jahre in der Mehrheit, bevor sich die Anteile umkehrten und Katholiken die deutliche Mehrheit bildeten. Diese Veränderung lässt sich nicht mit den erhobenen strukturellen Daten erklären; möglicherweise führte der gesellschaftliche Wertewandel, also der Bedeutungsverlust des Militärischen als gesellschaftliche Bezugsgrösse in breiten Teilen der Bevölkerung (Haltiner 1985), zu einer verstärkten (Selbst-)Rekrutierung wertkonservativ gesinnter Personen. Für die politische Parteizugehörigkeit hatte diese Umkehr der konfessionellen Verhältnisse keine Auswirkungen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum waren rund 40% der befragten Generalstabsoffiziere Mitglied der FDP, während der Anteil der CVP bei nur rund 10% lag. Der Anteil der CVP fiel in der letzten Teilperiode trotz des Anstiegs von Katholiken im Generalstabskorps sogar auf unter 10%. Konfessionelle Zugehörigkeiten übersetzten sich also nicht (mehr) in politische Parteizugehörigkeiten. Die FDP konnte im Generalstabskorps ihre Rolle als traditionelle „Staatspartei“ aufrechterhalten. Zu beachten ist allerdings, dass rund 43% der Befragten gar keiner Partei angehörten oder keine Angabe dazu machten. Bei der sozialen Herkunft, gemessen an der Ausbildung und sozio-professionellen Kategorie (Joye/Schuler 1995) der Väter, ergeben sich einige interessante Resultate. So verfügten im gesamten Untersuchungszeitraum die Mehrheit der Väter über einen Berufsbildungsabschluss als höchste Ausbildungsqualifikation, mit einigem Abstand gefolgt von Hochschulabschlüssen. Jedoch zeigt sich eine Verschiebung über die Zeit, von intermediären und qualifizierten nicht-manuellen und manuellen Berufen hin zur obersten Kategorie „Oberstes Management“. Eine ‚Vererbung‘ der Mitgliedschaft im Generalstabskorps von Vater auf Sohn fand kaum statt: Fast 60% der Väter bekleideten einen Rang als Soldat oder Unteroffizier, nur rund 3% waren selbst Generalstabsoffiziere.

 

Während die politische Zugehörigkeit eine hohe Kontinuität und die regionale Herkunft nur graduelle Veränderungen aufweisen, vollzogen sich bei der konfessionellen Zugehörigkeit und der sozialen Herkunft innerhalb des Generalstabskorps deutliche Umwälzungen. Dabei weist insbesondere die soziale Herkunft auf eine zunehmende Konzentration auf höhere wirtschaftliche Schichten hin. Diese Entkoppelungstendenzen von gesellschaftlichen Entwicklungen werden bei der Analyse der Ausbildung und beruflichen Tätigkeit nochmals deutlicher.

 

Zwar verfügten unter den Miliz-Generalstabsoffizieren rund 78% über einen Hochschulabschluss und waren damit Teil der hochausgebildeten Gesellschaftsschichten. Allerdings kam es dabei zu grossen Veränderungen in der Zusammensetzung der akademischen Disziplinen innerhalb des Generalstabskorps. So verschoben sich die Anteile der beiden zusammengefassten Fächergruppen Rechtswissenschaften/Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Architekten/Ingenieure und Naturwissenschaften von fast gleich hohen Werten zu Beginn der Untersuchungsperiode zu einem deutlichen Übergewicht der ersten Fächergruppe am Ende der Periode. Eine ähnliche Tendenz lässt sich bei den Berufen feststellen, wo der Anteil technischer und naturwissenschaftlicher Berufe über die Zeit sank, während der Anteil rechtswissenschaftlicher und „ökonomischer“ Berufe (Tätigkeiten, die kaufmännisches oder wirtschaftswissenschaftliches Wissen erfordern) stieg. Dies spiegelt sich auch in den sozio-professionellen Kategorien wider, wo eine Verschiebung hin zur höchsten Kategorie stattfand. Allen drei Entwicklungen standen gegenläufigen Tendenzen in den gesamtgesellschaftlichen Vergleichsgruppen gegenüber. Die Veränderungen in Ausbildung und Berufe der Generalstabsoffiziere lassen sich daher nicht durch gesellschaftliche Prozesse erklären.

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