Das Hepatitis-C-Virus in der Schweizer Tagespresse von 1989-2002

AutorIn Name
Marlon
Gattiker
Academic writing genre
Master thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Silvia
Berger Ziauddin
Institution
Historisches Institut
Place
Bern
Year
2023/2024
Abstract

In der Schweiz leben 32 000 Menschen mit Hepatitis C. Die medizinische Forschung hat sich im 21. Jahrhundert so weit entwickelt, dass die infektiöse Leberentzündung mittlerweile ohne starke Nebenwirkungen heilbar ist. Ein Drittel der mit HCV-lebenden Menschen in der Schweiz hat jedoch keine Kenntnis von ihrer Infektion. Dies hängt einerseits mit den medizinischen Charakteristika von HepatitisC zusammen: Die Krankheit verläuft meist stumm und macht sich erst nach einigen Jahren bis Jahrzehnte bemerkbar. Nach Jahren des unerkannten Verlaufs der Krankheit können sich jedoch tödliche Spätfolgen wie Leberkrebs entwickeln. Andererseits hat die mangelnde Kenntnis aber auch gesellschaftliche Ursachen. Hepatitis C wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen ihrer geringen öffentlichen Aufmerksamkeit als „stille Epidemie“ bezeichnet.

 

Die vorliegende Masterarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Wahrnehmungen des 1989 entdeckten HCV in der Schweiz zu untersuchen. In der Schweizer Seuchengeschichte wurde Hepatitis C bisher nur am Rande behandelt, obwohl es für die öffentliche Gesundheit ein Thema von grosser Bedeutung darstellt. Es gibt bisher nur wenige geschichtswissenschaftliche Arbeiten, die sich eingehend mit diesem Untersuchungsgegenstand beschäftigt haben.

 

Im Zentrum des Forschungsinteresses dieser Arbeit standen ausgewählte Tageszeitungen aus der Deutschschweiz und der Romandie, welche diskursanalytisch untersucht wurden. Für den diskursiven Kontext wurden unter anderem Quellen aus dem Schweizerischen Bundesarchiv sowie dem Institut für Medizingeschichte ausgewertet. Der berücksichtige Zeitraum erstreckt sich von der Entdeckung des Hepatitis-C-Virus im Jahr 1989 bis zum Jahr 2002 – dem Folgejahr der Ende 2001 lancierten nationalen Präventionskampagne. Die Hauptfragestellung lautete: Was sagt der öffentliche Diskurs über die Wahrnehmung und das Verständnis von Hepatitis C aus? Zur Beantwortung dieser Frage wurden die Zeitungsartikel zunächst makrostrukturell untersucht, wobei drei zentrale Themenschwerpunkte erarbeitet wurden: Medizinisches Wissen, die Blutspendeproblematik und intravenöser Drogenkonsum. Obwohl Seuchen historisch betrachtet starkes öffentliches Interesse weckten, erschienen Zeitungsartikel zum HCV – welches erst 1993 meldepflichtig wurde–anfangs der 1990er Jahre nur spärlich. Der Diskurs zu medizinischem Wissen war zunächst geprägt von Unsicherheiten und mangelnder Kenntnis über die Verbreitung, Gefährlichkeit und Übertragungswege von HCV. Divergierende Positionen zwischen den Tageszeitungen, Fachärzt:innen und dem BAG zur Prävalenz prägten den Diskurs. Für innenpolitisches Aufsehen sorgte der Blutspendeskandal. In einer, insbesondere von Boulevardzeitungen, emotional geführten Debatte wurde moniert, dass sich während Jahren bis Jahrzehnten vor der Entdeckung von Hepatitis C Tausende von Menschen im Rahmen von Blutspenden oder medizinischen Eingriffen mit HCV infiziert hätten. Die Fürsorgepflicht des Staates sowie die Hygiene der Spitäler und des Blutspendedienstes des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) wurden von der Politik und Teilen der Gesellschaft in Frage gestellt. Aufgrund der Übertragungen im Rahmen medizinischer Eingriffe wurde HCV vor der Einführung sicherer Bluttests als potenzielle Gefahr für die Allgemeinbevölkerung verstanden.

 

Der dritte Themenschwerpunkt dieser Arbeit stellte intravenöser Drogenkonsum dar. Die prekäre hygienische Situation der offenen Drogenszene in Zürich und Bern führte zu einer starken Zunahme an HCV-Fällen in den 1990er Jahren. Die rasante Ausbreitung von HCV im Laufe der 1990er Jahre wurde im Diskurs zu HCV in Schweizer Tageszeitungen rege diskutiert. Die Hepatitis-C-Prävention war ein zentrales Argument für den progressiven Vier-Säulen-Ansatz in der Gesundheitspolitik. Hepatitis C wurde als Infektion von Drogenabhängigen verstanden, obwohl 50 Prozent der Infizierten ihren Übertragungsweg nicht kannten. 1999 plädierte die Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud) für eine nationale HCV-spezifische Präventionskampagne. Nachdem das BAG zunächst ablehnte, wurde Ende 2001 eine nationale HCV-spezifische Präventionskampagne bei intravenös Drogenkonsumierenden lanciert, was die veränderte Wahrnehmung des HCV innerhalb des Untersuchungszeitraumes unterstreicht.

 

Nachdem die Zeitungsartikel in ihrer Makrostruktur untersucht wurden, erfolgte die mikrostrukturelle Analyse. Um die Frage nach den Wahrnehmungen von Hepatitis C anhand des Pressediskurses zu beantworten, wurden Metaphern analysiert. Kriegsmetaphern waren ein gängiges stilistisches Mittel, um Viren und deren Eindämmung zu beschreiben. HCV wurde als Feind personifiziert, die Medikamente dagegen als Waffen. Die mystifizierende Metapher von HCV als „stiller Epidemie“ wurde verwendet, um das Virus als unsichtbaren Feind, der sich heimtückisch und unbemerkt ausbreitet, zu stilisieren. Ebenso wie die martialische Metaphorik hat auch die Mystifizierung von Seuchen eine lange historische Tradition und führt zu einer erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit – jedoch auch zu zunehmender Stigmatisierung von Betroffenen. Des weiteren wurde die Schattenmetapher für HCV verwendet. Hepatitis C würde sich im Schatten der gleichzeitig grassierenden HIV-Epidemie verbreiten, argumentierten unterschiedliche Akteur:innen, darunter insbesondere Ärzt:innen. Die vorliegende Arbeit verdeutlichte, inwiefern bestehende Wahrnehmungsmuster die Deutungen einer neu auftretenden Seuche beeinflussen. HIV dominierte den öffentlichen Diskurs um übertragbare Infektionen. Auch die Präventionspolitik stand im Zeichen der HIV-Prävention. Im Gegensatz zur HIV-Prävention bei intravenös Drogenkonsumierenden ist die Bereitstellung steriler Spritzen nicht ausreichend, da alle weiteren Utensilien neu zur Verfügung gestellt werden müssen. Die mangelnde Aufmerksamkeit führte dazu, dass sich das deutlich infektiösere HCV bei Drogenabhängigen im Laufe der 1990er Jahre kontinuierlich ausbreitete, während die HIV-Inzidenz stark zurückging. Zu den Ursachen für die Schattenposition zählt die Wahrnehmung von HIV als Bedrohung der Allgemeinbevölkerung, während HCV stets als Gefahr für marginalisierte Gruppen wie Drogenabhängige betrachtet wurde. Im Gegensatz zu den Homosexuellenbewegungen, die sich stark für die HIV-Prävention einsetzten bzw. diese federführend mitgestalteten, hatten HCV-Betroffene keine starke Lobby; ihre Anliegen waren in der Gesundheitspolitik deutlich weniger vertreten. Bis heute bleibt die „stille Epidemie“ trotz ihrer gesundheitspolitischen Relevanz eine Infektion mit geringer öffentlicher Aufmerksamkeit. Auch in der Schweizer Seuchengeschichte ist dies der Fall – die vorliegende Masterarbeit leistete ihren Beitrag zur Schliessung dieser Forschungslücke.

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