Wer durch die Marktgasse Langenthals läuft und sich umschaut, wird auf die erhöhten Trottoire aufmerksam, welche sich durch das Stadtzentrum ziehen. Neuzugezogenen oder auch den jüngeren Generationen Langenthals wird nicht einfach so geläufig sein, weshalb der Stadtkern so aussieht. Erst eine Unterhaltung mit älteren Einwohner:innen oder historische Schilder klären auf: Wenn bei Hochwasser Langenthal zum Klein-Venedig des Oberaargaus wurde, war dies ein gefährliches Spektakel, welches zahlreiche Schaulustige aus der Region anlockte. Doch wenn es dann so weit war und die Schleusen der Langeten geöffnet wurden, dann kamen die Menschen nur noch zu Fuss oder über Wasser vorwärts. Die erhöhten Trottoire ermöglichten es den Fussgänger:innen, das Nötigste im Stadtzentrum zu erledigen. Besonders Waghalsige paddelten durch die Strassen und Kinder badeten vergnüglich an den weniger tiefen Stellen. An solchen Tagen zeichnete sich ein merkwürdiges Bild im Zentrum von Langenthal: einerseits war die Szenerie von schaulustigen Besucher:innen und andererseits von der Verwüstung des Stadtkerns geprägt. War das Hochwasser vor-
über, musste ein enormer Aufwand betrieben werden, um die Schäden zu beheben und das Stadtleben wieder in Gang zu bringen.
Die Faszination vom Klein-Venedig des Oberaargaus zeigt sich in der speziellen Lösung von Hochwassersituationen, die sich in Langenthal im Verlauf der Zeit entwickelt hat und beibehalten wurde. Den Notablass durch den Stadtkern gibt es schon seit 1613 und wurde bei sogenannten „extraordinari Ergiessungen“ eingesetzt. Unzählige Projekte zur Langeten-Korrektion wurden im Verlauf der Zeit vorgeschlagen, erste Hinweise auf solche Vorhaben finden sich bereits im Jahr 1760. Bis 1975 scheiterten jedoch alle grösseren Projektentwürfe zur Langeten-Sanierung. Besonders die anliegenden Gemeinden lehnten die Vorschläge allesamt ab. Im Jahrbuch des Oberaargaus (1976) schrieben die Autoren noch: „Sie [Projekte zur Korrektion] hätten Charakter und Schönheit des Tals, aber auch die Grundwasserverhältnisse schwer geschädigt und wären nach allen kürzlichen Erfahrungen [Hochwasser vom 29. und 30. August 1975] ganz ungenügend gewesen.“ Als durch das Jahrtausendhochwasser vom 29. und 30. August 1975 Schäden von ca. 50 Millionen Franken entstanden, wurden Diskussionen und Projekte zum Hochwasserschutz des Langetenthals allerdings enorm vorangetrieben. Schliesslich konnte 1987 mit dem Bau des Entlastungsstollens Madiswil-Bannwil begonnen werden. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf knappe 90 Millionen Franken.
Die Masterarbeit fragt danach, warum vorherige Projektvorschläge scheiterten? Insbesondere ist es verwunderlich, warum die Schäden im Stadtzentrum von Langenthal und auch in den umliegenden Gemeinden so lange hingenommen wurden. Inwiefern förderte das Jahrhunderthochwasser den Projektierungswillen? Was war nötig, damit das Hochwasserschutzprojekt zur Umsetzung kam?
Da eine chronologische Aufarbeitung aller Hochwasserereignisse der Langeten aufgrund der Grössenordnung der Arbeit und auch des betroffenen Raums nicht in Frage kommt, bietet sich ein historischer Vergleich zweier Hochwasserereignisse an, um die Fragestellungen zu beantworten. Haupt und Kocka (1996) nennen verschiedene Verwendungsarten des kontrastierenden Vergleichs. Die letztgenannte Variante kommt der in
dieser Arbeit gewählten Methode am nächsten: Der Vergleich als Kern synthetischer Analysen. Diese Variante ist eine umfassende, empirisch abgesicherte, theoretisch durchdrungene, historisch-systematische Zusammenhangsanalyse mit einem komparativen Kern, die gleichwohl einem räumlich, zeitlich und thematisch begrenzten Gegenstand gilt.
Anhand der Hochwasserereignisse von 1931 und 1975 analysiert die Arbeit umfassende Zusammenhänge rund um die Verhältnisse des Hochwasserschutzes an der Langeten, mit besonderem Fokus auf Langenthal. Dabei stellt der Quellenkorpus des Stadtarchivs Langenthal den Hauptteil der Informationsquellen dar. Der komparative Kern der Analyse zeigt sich in Kapitel 7, worin die vorher dargestellten, auf den Quellen basierenden Ereignisse anhand verschiedener Faktoren direkt miteinander verglichen werden. Es konnten dabei diverse Unterschiede zwischen den Hochwasserereignissen von 1931 und 1975 herausgearbeitet werden. Schliesslich erörtert die Arbeit, welche Unterschiede ausschlaggebend für die letztendliche Umsetzung des Hochwasserschutz-Projektes waren.