Academic writing genre
PhD thesis
Status
abgeschlossen/terminé
DozentIn Name
Prof.
Philippe
Sarasin
Institution
Neuzeit
Place
Zürich
Year
2011/2012
Abstract
Nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs im Frühjahr 1939 übertrug Francisco Franco die Aufgabe der „Formierung der spanischen Frau“ der Frauensektion der faschistischen Falange-Partei. Die Sección Femenina war 1934 ins Leben gerufen worden und wurde bis zum Tode Francos im Jahr 1975 von Pilar Primo de Rivera, der Schwester des Falange-Gründers José Antonio, geleitet. Bereits 1938 hatte sie ein Kulturdepartement geschaffen, das sich unter anderem der „Rettung“ der „spanischen Folklore“ widmete. In allen Provinzen wurden Coros y Danzas-Gruppen gebildet, die in „Feldforschung“ „beinahe vergessene“ Tänze „aufspürten“ und vor Publikum nachtanzten. Regionale Bräuche wurden transformiert und zu einem nationalen Fetisch-Objekt erhoben. Bald schon traten erste Folklore-Formationen auch im Ausland auf. Grosse Tourneen führten Coros y Danzas-Gruppen von 1948 bis 1960 in die U.S.A., in beinahe alle europäischen Länder, nach Lateinamerika und in den Nahen Osten. 1954 und 1957 traten Gruppen aus Murcia und aus Cádiz in Äquatorialguinea, Spaniens einziger Subsahara-Kolonie, auf.
In meiner Dissertation untersuche ich insbesondere die beiden Äquatorialguinea-Reisen, aber auch andere Auftritte der Coros y Danzas als Teil eines Nexus aus Gender- und Kolonialpolitik. Die Tänzerinnen tanzten mit einer politischen Mission, die darin bestand, einen friedlichen Staat und eine wohlwollende Kolonialmacht zu repräsentieren und gleichzeitig zur Regierung der Bevölkerung in Spanien und in den Kolonien beizutragen. Auf der Bühne und in der medialen Reproduktion ihres ethnographischen Spektakels traten die Coros y Danzas-Tänzerinnen mit ganz bestimmten Eigenschaften auf, deren Aufführung den politischen Zielen, die mit den Auftritten der Folkloregruppen verfolgt wurden, hätte dienlich sein sollen. Nicht immer ‚glückte‘ die performance von Reinheit und Fröhlichkeit und die Tänzerinnen legten darüber hinaus auch ungeplante Verhaltensweisen an den Tag, die das Gelingen ihrer Mission gefährdeten. Dieser Umstand war der Ambivalenz jener Mission, einem ‚Entgleiten‘ der in ihrer Umsetzung angewandten Technologien und den strange encounters, welche die Tänzerinnen in der Kolonie machten, geschuldet. Weiter war der Verlauf der Reisen von ‚Parallel- und Vor-Geschichten‘ – das heisst von zuvor und gleichzeitig stattgefundenen Ereignissen und zirkulierenden Konzepten – geprägt und beeinflusste ‚Nach-Geschichten‘, die sich Dekaden später in Spanien und Äquatorialguinea ereigneten.
Die Quellen der Dissertation stammen aus öffentlichen Archiven, aber auch aus Privatbeständen von Teilnehmerinnen der Äquatorialguineareisen und Kadermitgliedern der Sección Femenina. Sie umfassen interne Akten, Presseartikel, Kolonialliteratur, Fotografien sowie Dokumentar- und Spielfilme.
Publikation